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Renate Harpprecht, 96

Die in Bres­lau ge­bo­re­ne Jü­din ge­hör­te zu den wich­tigs­ten Zeit­zeu­gen der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chen. Nach­dem ihre El­tern 1942 de­por­tiert und er­mor­det wor­den wa­ren, ver­such­te sie, mit ih­rer ein Jahr jün­ge­ren Schwes­ter Ani­ta in den un­be­setz­ten Teil Frank­reichs zu flie­hen. Doch sie wur­den ge­fasst, ka­men erst nach Ausch­witz und dann nach Ber­gen-Bel­sen. Bei­de über­leb­ten die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Un­mit­tel­bar nach der Be­frei­ung von Ber­gen-Bel­sen führ­te der Bri­te Pa­trick Gor­don Wal­ker ein In­ter­view mit den Schwes­tern – in­mit­ten der Lei­chen. Nach dem Krieg wur­de Harpp­recht Dol­met­sche­rin für die bri­ti­sche Ar­mee, ar­bei­te­te spä­ter als Jour­na­lis­tin für die BBC, den WDR und das ZDF. 1972 ver­öf­fent­lich­te sie ih­ren Ro­man »Fa­mi­li­en­spie­le«. Noch im ver­gan­ge­nen Jahr sprach sie mit dem SPIEGEL über An­ti­se­mi­tis­mus und die Sicht von Ausch­witz-Über­le­ben­den auf die Ge­gen­wart. Re­na­te Harpp­recht starb am 3. Ja­nu­ar in ih­rer Wahl­hei­mat La Croix-Val­mer an der Côte d'A­zur.

Isaac Shoshan, 96

Der spä­te­re Ge­heim­agent wur­de in Sy­ri­en ge­bo­ren und sprach per­fekt Ara­bisch, doch als Sy­rer ver­stand er sich nie. Er war der Sohn ei­ner jü­di­schen Fa­mi­lie aus Alep­po und wur­de mit 18 Jah­ren für den Ge­heim­dienst Pal­mach der be­waff­ne­ten zio­nis­ti­schen Un­ter­grund­or­ga­ni­sa­ti­on Ha­ga­nah an­ge­wor­ben. Schon in sei­ner Ju­gend hat­te er zu den zio­nis­ti­schen Pfad­fin­dern ge­hört. Da­mals war das heu­ti­ge Is­ra­el noch das bri­ti­sche Man­dats­ge­biet Pa­läs­ti­na. Im ers­ten ara­bisch-is­rae­li­schen Krieg, der Ende 1947 be­gann, war er an ei­ner Ope­ra­ti­on ge­gen ei­nen Pa­läs­ti­nen­ser­füh­rer be­tei­ligt, der durch Schüs­se schwer ver­letzt wur­de. Da­nach ar­bei­te­te er für den is­rae­li­schen Ge­heim­dienst in Bei­rut, ge­tarnt als Ta­xi­fah­rer. Spä­ter wur­de er nach Is­ra­el zu­rück­be­or­dert, führ­te von dort aus Agen­ten ara­bi­scher Her­kunft und half beim Auf­bau der Spe­zi­al­ein­heit Sa­jeret Mat­kal (»Spä­her des Ge­ne­ral­stabs«), der auch der heu­ti­ge Pre­mier­mi­nis­ter Ben­ja­min Net­anya­hu an­ge­hör­te. Als Rent­ner ging Shos­han nicht in den Ru­he­stand. Im­mer wie­der mach­te er bei Ge­heim­dienst­ak­tio­nen mit, schlüpf­te da­bei zur Tar­nung in die Rol­le des harm­lo­sen ara­bi­schen Opas und half bei der An­wer­bung von Ara­bern. Isaac Shos­han starb am 28. De­zem­ber in Tel Aviv.

Tanya Roberts, 65

Die in der Bronx ge­bo­re­ne Schau­spie­le­rin schaff­te ih­ren Durch­bruch, als sie 1980 eine Rol­le in ei­ner spä­ten Staf­fel der TV-Se­rie »Drei En­gel für Char­lie« über­nahm. Der Ver­such, aus Ro­berts in dem Ki­no­film »Shee­na – Kö­ni­gin des Dschun­gels« (1984) ei­nen weib­li­chen Tar­zan zu ma­chen, schlug fehl und brach­te ihr mehr Spott als Ruhm ein. Als sie ein Jahr spä­ter in dem Ja­mes-Bond-Film »Im An­ge­sicht des To­des« mit ei­nem al­tern­den Ro­ger Moo­re auf der Gol­den Gate Bridge her­um­turn­te, war das der Hö­he­punkt ih­rer Kar­rie­re. Mehr­fach wur­de sie für die »Gol­de­ne Him­bee­re« no­mi­niert, die in Hol­ly­wood all­jähr­lich für die schlech­tes­ten Leis­tun­gen im Film­ge­schäft ver­ge­ben wird. Schließ­lich irr­lich­ter­te sie jah­re­lang durch Bil­lig­pro­duk­tio­nen. Tanya Ro­berts starb am 4. Ja­nu­ar in Los An­ge­les.

Walther Tröger, 91

Die Olym­pi­schen Spie­le wa­ren sein Le­ben. Bei et­li­chen Win­ter- und Som­mer­spie­len war er als Sport­funk­tio­när da­bei, mehr­fach als Chef de Mis­si­on des deut­schen Ka­ders. Dem In­ter­na­tio­na­len Olym­pi­schen Ko­mi­tee (IOC) ge­hör­te er 20 Jah­re lang an, den Bei­na­men »Mis­ter Olym­pia« trug er zu Recht. 1972 er­leb­te er als Bür­ger­meis­ter des olym­pi­schen Dorfs in Mün­chen das At­ten­tat auf is­rae­li­sche Sport­ler und ihre Be­treu­er mit, saß mit den pa­läs­ti­nen­si­schen Ter­ro­ris­ten am Tisch und ver­such­te, mit ih­nen zu ver­han­deln. Dass er da­bei er­folg­los blieb und die Gei­sel­nah­me in ei­nem Blut­bad en­de­te, war für ihn eine trau­ma­ti­sche Er­fah­rung. Den­noch setz­te er sich da­für ein, dass die Spie­le fort­ge­setzt wur­den. »The ga­mes must go on« – die­sen Satz des da­ma­li­gen IOC-Prä­si­den­ten Avery Brunda­ge hat auch er be­für­wor­tet. Acht Jah­re spä­ter er­litt Trö­ger eine sport­po­li­ti­sche Nie­der­la­ge, weil er sich als Geg­ner des Olym­pia­boy­kotts der Spie­le von Mos­kau nicht durch­set­zen konn­te. Die Spie­le 2008 in Pe­king wa­ren sei­ne letz­te Büh­ne, da­nach trat er als Eh­ren­mit­glied des IOC ab. Walt­her Trö­ger starb am 30. De­zem­ber in Frank­furt am Main.

Gerry Marsden, 78

Er mach­te aus ei­nem Broad­way-Song die wohl be­lieb­tes­te Spor­thym­ne der Welt, die seit Jahr­zehn­ten von Fuß­ball­fans ge­sun­gen wird: »You'll Ne­ver Walk Alo­ne« wird nicht nur vor je­dem Heim­spiel des FC Li­ver­pool in­to­niert, son­dern auch in deut­schen Sta­di­en. Der Text be­schwört den Zu­sam­men­halt in schwe­ren Zei­ten und passt zu hart er­kämpf­ten Sie­gen wie auch zu bit­te­ren Nie­der­la­gen. Der ge­bür­ti­ge Li­ver­poo­ler Mars­den hat­te das Lied 1963 mit sei­ner Band Ger­ry and the Pa­ce­makers ge­co­vert. In dem Jahr ka­men sie auf drei Num­mer-eins-Hits in Groß­bri­tan­ni­en, alte Songs von ih­nen schaff­ten es auch spä­ter noch in die Charts. 2020 er­reich­te eine neue Ver­si­on von »You'll Ne­ver Walk Alo­ne« im Zu­sam­men­hang mit der Co­vid-19-Pan­de­mie die Spit­ze der bri­ti­schen Charts. Ger­ry Mars­den starb am 3. Ja­nu­ar in der Nähe von Li­ver­pool.

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