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Stella Tennant, 50

Zu­sam­men mit Kate Moss ge­hör­te sie in den Neun­zi­ger­jah­ren zu ei­ner Grup­pe bri­ti­scher Su­per­mo­dels, die ei­nen an­dro­gy­nen Stil in die Mo­de­fo­to­gra­fie und auf den Lauf­steg brach­ten und da­mit das Schön­heits­ide­al auf Jah­re ver­än­der­ten. Blass, ma­ger, mit kur­zen Haa­ren und Au­gen­rin­gen, in Sze­ne ge­setzt von Fo­to­gra­fen wie Ste­ven Mei­sel, Ju­er­gen Tel­ler oder Ma­rio Tes­ti­no, wur­de ihre Er­schei­nung bald als He­ro­in Chic be­zeich­net, mit prä­gen­dem Ein­fluss auf die Kul­tur der Neun­zi­ger­jah­re. Auch Karl La­ger­feld er­kann­te Stel­la Ten­n­ants Be­son­der­heit und kür­te sie zum neu­en Ge­sicht von Cha­nel. Sie soll ihn an Coco Cha­nel er­in­nert ha­ben. 2018 er­schien Ten­nant, die aus dem bri­ti­schen Adel stamm­te, mit 47 zum letz­ten Mal auf dem Co­ver der eng­li­schen »Vogue«. Fo­to­graf war wie­der Ste­ven Mei­sel, 25 Jah­re nach­dem er sie zum ers­ten Mal für das Ti­tel­bild des Ma­ga­zins auf­ge­nom­men hat­te. Stel­la Ten­nant starb über­ra­schend am 22. De­zem­ber, fünf Tage nach ih­rem 50. Ge­burts­tag, im schot­ti­schen Duns.

Klaus Hartung, 80

Der Ber­li­ner Jour­na­list war in den Acht­zi­ger­jah­ren die ein­drucks­volls­te Stim­me der »taz« und ein Ver­fech­ter der Re­al­po­li­tik der Grü­nen. Nach­dem sei­ne Fa­mi­lie 1955 die DDR ver­las­sen hat­te, stu­dier­te Klaus Har­tung ab 1963 in West-Ber­lin und schloss sich dem So­zia­lis­ti­schen Deut­schen Stu­den­ten­bund an. Nach dem Zer­fall der Stu­den­ten­be­we­gung or­ga­ni­sier­te er mit Götz Aly und an­de­ren in der »Ro­ten Hil­fe« Un­ter­stüt­zung für die In­haf­tier­ten der RAF. Doch Har­tung selbst ging nicht in den Un­ter­grund, son­dern ar­bei­te­te in Ita­li­en mit dem Psych­ia­trie­re­for­mer Fran­co Ba­saglia. Als er 1980 bei der »taz« an­heu­er­te, wur­de er dort schnell Chef­kom­men­ta­tor. Um­fas­send ge­bil­det, in dia­lek­ti­schem Den­ken ge­schult und mit bril­lan­tem sprach­li­chen Ver­mö­gen, konn­te er je­des The­ma kom­men­tie­ren. 1991 heu­er­te Har­tung bei der »Zeit« an. Im Ru­he­stand wid­me­te sich der ket­ten­rau­chen­de Ge­nuss­mensch dem Ma­len. Klaus Har­tung starb am 27. De­zem­ber an den Fol­gen ei­nes Trep­pen­stur­zes in sei­nem ge­lieb­ten Ber­lin.

Pierre Cardin, 98

Er war sei­ner Zeit im­mer vor­aus. So nahm sei­ne Som­mer­kol­lek­ti­on 1967 schon die Er­obe­rung des Welt­raums und die Mode der Sieb­zi­ger­jah­re vor­weg: Pier­re Car­din schick­te sei­ne Mo­dels da­mals wie stol­ze As­tro­nau­tin­nen auf den Lauf­steg – mit skur­ri­len Kopf­be­de­ckun­gen und Pop-Art-Mo­ti­ven auf Bauch­na­bel­hö­he. Wie sein Kol­le­ge An­dré Cour­rè­ges be­frei­te und de­mo­kra­ti­sier­te Car­din die Mode der Nach­kriegs­zeit, aber Eman­zi­pa­ti­on be­schränk­te sich bei ihm nicht auf Rock­län­gen. Sei­ne Klei­der wa­ren vol­ler iro­ni­scher An­spie­lun­gen, ihre Trä­ge­rin­nen setz­ten sich über Kon­ven­tio­nen hin­weg, in­dem sie sich die­sen Hu­mor er­laub­ten. Schon 1959 hat­te Car­din eine Prêt-à-por­ter-Kol­lek­ti­on dem Pa­ri­ser Kauf­haus Prin­temps an­ge­bo­ten. Die »Cham­bre Syn­di­ca­le de la Hau­te Cou­ture« droh­te ihm des­we­gen mit Aus­schluss, doch Car­din er­klär­te, er emp­fin­de es nicht als Schan­de, die Pa­ri­ser Sa­lons zu ver­las­sen und auf die Stra­ße hin­ab­zu­stei­gen. 1960 brach­te er als ers­ter Cou­turi­er in Pa­ris eine ei­ge­ne Män­ner­kol­lek­ti­on her­aus. In Ita­li­en als Sohn ei­ner Fa­mi­lie mit sie­ben Kin­dern ge­bo­ren, wur­de Car­din in Pa­ris ei­ner der ers­ten An­ge­stell­ten Chris­ti­an Di­ors. 1950 grün­de­te er sei­ne ei­ge­ne Mar­ke. Bis zum Schluss blieb das Mo­de­haus Pier­re Car­din in sei­nem Be­sitz und wur­de nicht, wie so vie­le an­de­re, von ei­nem Lu­xus­kon­zern auf­ge­kauft. Car­din konn­te auch des­halb un­ab­hän­gig blei­ben, weil er ein flo­rie­ren­des Li­zenz­ge­schäft be­trieb: Feu­er­zeu­ge, Kra­wat­ten oder Ta­pe­ten – al­les trug sei­nen Na­men. Die Kol­le­gen in Pa­ris fan­den das vul­gär, Car­din war es egal. Erst im Sep­tem­ber 2020 wur­de sei­ne 70-jäh­ri­ge Kar­rie­re im Bei­sein vie­ler Pro­mi­nen­ter im Théât­re du Châ­te­let ge­wür­digt. Am Diens­tag starb Pier­re Car­din im Ame­ri­can Hos­pi­tal bei Pa­ris.

George Blake, 98

Er ge­hör­te zu den le­gen­dä­ren Dop­pel­agen­ten des Kal­ten Krie­ges. In Rot­ter­dam un­ter dem Na­men Ge­org Be­har ge­bo­ren, kämpf­te er wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs im nie­der­län­di­schen Wi­der­stand, floh nach Eng­land und wur­de 1948 vom bri­ti­schen Ge­heim­dienst MI6 nach Seo­ul ge­schickt. Als die Stadt von kom­mu­nis­ti­schen Trup­pen ein­ge­nom­men wur­de, ge­riet er in Ge­fan­gen­schaft und fing nach sei­ner Frei­las­sung 1953 an, für den so­wje­ti­schen Ge­heim­dienst zu spio­nie­ren. Ge­or­ge Bla­ke ver­riet Hun­der­te west­li­che Spio­ne an den KGB, vie­le von ih­nen wur­den hin­ge­rich­tet. Auch der Ver­such der CIA, von West-Ber­lin aus ei­nen Tun­nel in den Ost­teil der Stadt zu gra­ben, wur­de durch Bla­ke ver­ei­telt. Als sei­ne Tar­nung auf­flog, wur­de er 1961 zu 42 Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Weil er nicht wie er­hofft durch ei­nen Agen­ten­aus­tausch frei­kam, brach er aus dem Ge­fäng­nis aus. Un­ter aben­teu­er­li­chen Um­stän­den ge­lang­te er nach Ost-Ber­lin und wei­ter nach Mos­kau. Dort wur­de Bla­ke ge­fei­ert und er­hielt eine staat­li­che Pen­si­on. Noch 2007 zeich­ne­te ihn Wla­di­mir Pu­tin mit ei­nem Ver­dienst­or­den aus. Er habe aus Über­zeu­gung für eine ge­rech­te­re Ge­sell­schaft ge­kämpft, be­teu­er­te Bla­ke zeit­le­bens. Ge­or­ge Bla­ke starb am 26. De­zem­ber in Mos­kau.

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