Nach­rufe

Mario Molina, 77

Mit sei­ner For­schung zum Ozon­loch schrieb er Ge­schich­te. Ma­rio Mo­li­na er­hielt 1995 den No­bel­preis für Che­mie, als ers­ter Me­xi­ka­ner. Der Che­mi­ker, der zu­nächst als be­geis­ter­ter Gei­gen­spie­ler eine Mu­si­ker­kar­rie­re er­wo­gen hat­te, warn­te schon in den Sieb­zi­ger­jah­ren ge­mein­sam mit Kol­le­gen, dass die Ozon­schicht durch Flu­or­chlor­koh­len­was­ser­stof­fe (FCKW) an­ge­grif­fen wer­den könn­te. FCKW wa­ren da­mals zum Bei­spiel in Kühl­schrän­ken und Sprüh­do­sen ent­hal­ten. Ver­tre­ter der In­dus­trie wehr­ten sich ge­gen die For­schungs­er­geb­nis­se. Doch 1987 wur­de mit dem Mon­trea­ler Pro­to­koll das bis heu­te viel­leicht er­folg­reichs­te Um­welt­ab­kom­men der Ge­schich­te ver­ab­schie­det: die ge­mein­sa­me Selbst­ver­pflich­tung von in­zwi­schen 197 Län­dern, die Pro­duk­ti­on von FCKW dras­tisch zu re­du­zie­ren (und schließ­lich so­gar fast ganz ein­zu­stel­len). All­mäh­lich schließt sich das Ozon­loch wie­der. Der ehe­ma­li­ge US-Vi­ze­prä­si­dent Al Gore sag­te, die Welt sei durch Mo­li­na »ein bes­se­rer Ort« ge­wor­den. Ma­rio Mo­li­na starb am 7. Ok­to­ber in Me­xi­ko-Stadt.

Herbert Kretzmer, 95

Er habe sich nie er­klä­ren kön­nen, wie es zu die­sem un­er­hör­ten Er­folg ge­kom­men sei, sag­te er ein­mal: Her­bert Kretz­mer, Jour­na­list von Be­ruf, aber Song­tex­ter im Her­zen, schrieb 1985 in Lon­don die Tex­te für die eng­li­sche Fas­sung des fran­zö­si­schen Mu­si­cals »Les Miséra­bles«. Das auf Vic­tor Hu­gos Ro­man »Die Elen­den« (1862) ba­sie­ren­de Stück war für die Pres­se eher ein Flop, aber das Pu­bli­kum liebt es: Bis heu­te schau­ten sich mehr als 120 Mil­lio­nen Men­schen in al­ler Welt das Mu­si­cal an, das in 22 Spra­chen über­setzt wur­de. Kretz­mer, Sohn jü­di­scher Aus­wan­de­rer, die vor Po­gro­men im rus­si­schen Za­ren­reich ge­flo­hen wa­ren, wur­de 1925 in Süd­afri­ka ge­bo­ren. Dort ar­bei­te­te er als Jour­na­list, ehe er in den Fünf­zi­ger­jah­ren nach Eu­ro­pa über­sie­del­te. Nach ei­ner Zeit in Pa­ris zog er nach Lon­don, schrieb Thea­ter- und Fern­seh­kri­ti­ken. 1960 be­gann der Au­to­di­dakt, Li­bret­ti und Songs zu schrei­ben, dar­un­ter Hits für Pe­ter Sel­lers und So­phia Lo­ren, für Charles Az­na­vour schrieb er »She«. »Les Miséra­bles« mach­te ihn be­rühmt – und reich: Sei­ne Tan­tie­men sol­len bei 20 Mil­lio­nen Dol­lar ge­le­gen ha­ben. Her­bert Kretz­mer starb am 14. Ok­to­ber in Lon­don.

Margaret Nolan, 76

Im Swin­ging Lon­don der Sech­zi­ger­jah­re war sie eine Kö­ni­gin, ihre Schön­heit konn­te von Ki­no­be­geis­ter­ten in al­ler Welt be­wun­dert wer­den. Mar­ga­ret No­lan, Toch­ter ei­ner Bri­tin und ei­nes Iren, ar­bei­te­te er­folg­reich als Mo­del und hat­te ei­nen ers­ten Auf­tritt vor der Film­ka­me­ra in ei­nem frei­zü­gi­gen, künst­le­risch frag­wür­di­gen Werk mit dem Ti­tel »It's a Bare, Bare World«. 1964 spiel­te sie in dem groß­ar­tig ver­rück­ten Beat­les-Film »A Hard Day's Night« mit. Viel mehr Be­ach­tung aber brach­te ihr der Ja­mes-Bond-Film »Gold­fin­ger« ein, der im sel­ben Jahr in die Ki­nos kam. Sie ver­kör­pert dar­in eine Mas­seu­rin, die dem Agen­ten, ge­spielt von Sean Con­ne­ry, ver­fällt und ihm in ei­ner Sze­ne freund­lich den Rü­cken walkt. Vor al­lem aber prä­sen­tier­te No­lan im Vor­spann und auf den Pla­ka­ten zum Film ih­ren nur mit ei­nem Bi­ki­ni be­klei­de­ten, ver­gol­de­ten Kör­per. Zwar war es im Film selbst eine an­de­re Dar­stel­le­rin (Shir­ley Ea­ton), die mit ver­gol­de­tem Kör­per tot auf­ge­fun­den wur­de; No­lan war im Vor­spann eher als so­ge­nann­tes Bo­dy­dou­ble im Ein­satz. Trotz­dem war sie fort­an be­rühmt als die Frau in Gold aus dem »Gold­fin­ger«-In­tro. No­lan trat da­nach in vie­len meist klei­ne­ren Rol­len in Fil­men und TV-Pro­duk­tio­nen auf, spiel­te auf bri­ti­schen Thea­ter­büh­nen und er­warb sich spä­ter mit Fo­to­gra­fie­col­la­gen An­er­ken­nung in der Kunst­welt. Mar­ga­ret No­lan starb am 5. Ok­to­ber in Lon­don an Krebs.

Chris Killip, 74

Sein Ein­fluss auf die Do­ku­men­tar­fo­to­gra­fie war enorm, nicht nur in sei­ner Hei­mat Groß­bri­tan­ni­en. Chris Kil­lip, ge­bo­ren auf der Isle of Man, ver­ließ mit 16 Jah­ren die Schu­le und be­gann, in ei­nem Ho­tel zu ar­bei­ten. Zwei Jah­re spä­ter be­schloss er, sei­ner Lei­den­schaft zu fol­gen und Fo­to­graf zu wer­den. Er fo­to­gra­fier­te zu­nächst vor al­lem am Strand. Nach Sta­tio­nen als As­sis­tent von Wer­be- und an­de­ren Fo­to­gra­fen konn­te Kil­lip ers­te ei­ge­ne Aus­stel­lun­gen be­strei­ten. Heu­te sind sei­ne Fo­to­gra­fi­en in vie­len be­deu­ten­den Mu­se­en zu se­hen, sein Fo­to­buch »In Fla­gran­te« gilt als Klas­si­ker der Do­ku­men­tar­fo­to­gra­fie. Er er­hielt 1989 den Hen­ri-Car­tier-Bres­son-Preis, und 2012 zeig­te das Mu­se­um Folk­wang in Es­sen eine gro­ße Werk­schau. Kil­lip lehr­te über Jahr­zehn­te an der Har­vard Uni­ver­si­ty. Auf sei­nen Bil­dern ste­hen im­mer die Men­schen im Mit­tel­punkt; den Ar­bei­tern und Ar­bei­te­rin­nen der That­cher-Ära, von de­nen vie­le ih­ren Job ver­lo­ren, setz­te er ein Denk­mal. Er do­ku­men­tier­te ihr Le­ben und die Um­brü­che, die sie meis­tern muss­ten, mit gro­ßer Em­pa­thie. Um das Ver­trau­en sei­ner Prot­ago­nis­ten zu ge­win­nen, ver­brach­te er viel Zeit mit ih­nen. Wäh­rend die­ser Lang­zeit­pro­jek­te ent­stan­den in­ti­me Se­ri­en, sei­ne Ar­beits­wei­se in­spi­rier­te vie­le Fo­to­gra­fin­nen und Fo­to­gra­fen. Die Mehr­zahl sei­ner Bil­der sind schwarz-weiß – er fand, dass da­durch die Rea­li­tät kla­rer er­kenn­bar sei. Chris Kil­lip starb am 13. Ok­to­ber an Lun­gen­krebs in Cam­bridge, Mas­sa­chu­setts.

Sie lesen die Vorschau

Sie haben diese Ausgabe bereits gekauft oder ein digitales Abo? Dann melden Sie sich mit Ihrer SPIEGEL-ID an, um den vollständigen Artikel zu lesen. MIT SPIEGEL+ LESEN – GRATIS TESTEN

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 43/2020.