Haus­mit­tei­lung

Esch, Bid­der, Na­wal­ny

»Wie schön, dass Sie hier sind«, so lau­tet eine im Nor­mal­fall nichts­sa­gen­de Flos­kel zur Be­grü­ßung. Beim Tref­fen mit Ale­xej Na­wal­ny hin­ge­gen mein­ten Mos­kau-Kor­re­spon­dent Chris­ti­an Esch und Re­dak­teur Ben­ja­min Bid­der den Satz ernst. Der rus­si­sche Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­ker war erst we­ni­ge Tage zu­vor aus der Ber­li­ner Cha­rité ent­las­sen wor­den; dass er das Gif­tat­ten­tat über­le­ben wür­de, war kei­nes­wegs si­cher. Vier Per­so­nen­schüt­zer des Lan­des­kri­mi­nal­amts be­glei­te­ten Na­wal­ny am Mitt­woch­mor­gen ins Haupt­stadt­bü­ro des SPIEGEL. Dort be­rich­te­te Na­wal­ny in sei­nem ers­ten In­ter­view nach dem An­schlag, wie er die Ver­gif­tung er­leb­te, wie er aus dem Koma er­wach­te – und war­um er Russ­lands Prä­si­den­ten Wla­di­mir Pu­tin für das Mord­kom­plott ver­ant­wort­lich macht. Das Ner­ven­gift No­wit­schok hat Spu­ren hin­ter­las­sen: Um eine Was­ser­fla­sche zu hal­ten, braucht Na­wal­ny bei­de Hän­de. Den­noch ist er ent­schlos­sen, mög­lichst schnell nach Russ­land zu­rück­zu­keh­ren. »Mei­ne Hän­de zit­tern zwar, doch nicht aus Furcht«, sagt er. zum Ar­ti­kel

Supp, Fied­ler, Glü­sing, Klein

Re­dak­teu­rin Char­lot­te Klein lern­te die Dia­ko­nie Him­melst­hür als Prak­ti­kan­tin ken­nen. Jetzt rief sie in ei­nem Be­hin­der­ten­heim der In­sti­tu­ti­on an, um sich nach den Fol­gen der Pan­de­mie für die Be­woh­ner zu er­kun­di­gen, und hör­te die Ge­schich­te von As­trid Diet­tel­bach, die mit 46 Jah­ren an Co­vid-19 starb. Sie ist eine von 50 Per­so­nen, de­nen der SPIEGEL ei­nen Nach­ruf wid­met, um an die Schick­sa­le hin­ter den Zah­len zu er­in­nern – 50 von ei­ner Mil­li­on Co­ro­na-To­ten. Ein Spiegel-Team hat ihre Ge­schich­ten zu­sam­men­ge­tra­gen. Un­ter an­de­rem re­cher­chier­ten Jens Glü­sing in La­tein­ame­ri­ka, Prak­ti­kan­tin Ka­tha­ri­na Fied­ler in Ost­eu­ro­pa und Bar­ba­ra Supp, die das Pro­jekt be­treu­te, in Deutsch­land. Un­ter den To­ten sind Alte und Jun­ge, Ehe­paa­re und Pries­ter, Sport­ler, Putz­frau­en und Ärz­tin­nen – al­le­samt Men­schen, die mit­ten im Le­ben stan­den. Co­ro­na schär­fe den Blick für das, was die­ser Ge­sell­schaft wich­tig sei, bis in den Tod, sagt Supp, »wie be­deu­tend die Ri­tua­le sind, merkt man erst, wenn sie feh­len«. Dazu zog Wis­sen­schafts­re­dak­teur Mar­co Evers eine Bi­lanz der Pan­de­mie, sei­ne wich­tigs­te Er­kennt­nis: Die zwei­te Mil­li­on Tote könn­te schon im De­zem­ber er­reicht sein. zum Ar­ti­kel

Fried­rich, Osang

Als das Ehe­paar Sil­ke und Hol­ger Fried­rich vor ei­nem Jahr den Ber­li­ner Ver­lag über­nahm, lern­te Alex­an­der Osang zwei an­griffs­lus­ti­ge Ost­deut­sche ken­nen, die sich we­nig um Kon­ven­tio­nen scher­ten. Für Osang, der eben­falls aus Ost-Ber­lin stammt und bei der »Ber­li­ner Zei­tung« ge­ar­bei­tet hat­te, wa­ren die Fried­richs eine gute Nach­richt. »30 Jah­re lang habe ich Ver­le­ger er­lebt, die mit der Zei­tung her­um­spiel­ten; den Fried­richs aber schien sie wirk­lich et­was zu be­deu­te­ten«, sagt er. Dann kam her­aus, dass Hol­ger Fried­rich mit der Sta­si zu­sam­men­ge­ar­bei­tet hat­te. Osang be­schloss, den Neu­ver­le­ger in sei­nem ers­ten Jahr zu be­glei­ten. Die­ser ge­währ­te ihm Zu­gang zu sei­ner Sta­si­ak­te, sei­ner Vil­la, sei­ner Fa­mi­lie, sei­nen Weg­ge­fähr­ten. Er re­de­te über sei­ne Ver­gan­gen­heit, sei­nen Auf­stieg zum Mul­ti­mil­lio­när und na­tür­lich über die »Ber­li­ner Zei­tung«. Das Por­trät wur­de auch ein Text dar­über, wes­halb es vie­len Ost­deut­schen 30 Jah­re nach der Ein­heit im­mer noch schwer­fällt, im ver­ein­ten Deutsch­land an­zu­kom­men. zum Ar­ti­kel