Nach­rufe

Juliette Gréco, 93

Drei Wo­chen lang war sie 1943 im Ge­fäng­nis von Fres­nes in­haf­tiert; weil sie erst 16 war, kam sie frei. Ihre Mut­ter, in der Ré­sis­tan­ce ak­tiv, und ihre Schwes­ter hat­ten we­ni­ger Glück und wur­den ins Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ra­vens­brück de­por­tiert. Erst zum Ende des Krie­ges kehr­ten sie nach Hau­se zu­rück. Zu ei­ner Fa­mi­lie wuch­sen sie aber nicht mehr zu­sam­men. Ju­li­et­te Gré­co war fak­tisch eine Wai­se und wur­de von Pa­ris ad­op­tiert. Nicht von der gan­zen Stadt, son­dern von ei­nem be­stimm­ten Vier­tel, Saint-Ger­main-des-Prés, da­mals noch ein ge­wöhn­li­ches Stu­den­ten- und Arme-Leu­te-Vier­tel. Sie hat­te so vie­le Fra­gen und zog da­mit durch die Cafés. Sie traf Leu­te, die ihr ant­wor­ten konn­ten: Mau­rice Mer­leau-Pon­ty, ei­ner der wich­tigs­ten Phi­lo­so­phen der Nach­kriegs­zeit, spä­ter auch Jean-Paul Sart­re und Si­mo­ne de Be­au­voir. Gré­co schau­spie­ler­te, sang und ent­wi­ckel­te in die­ser Zeit ei­nen völ­lig ei­ge­nen Ge­sangs-, Büh­nen- und Gar­de­ro­ben­stil. Sie klei­de­te sich stets in Schwarz, rauch­te und er­freu­te sich am Spiel ih­rer Hän­de, wenn sie sang. Zu den Män­nern ih­res Le­bens zäh­len Mi­les Da­vis und Mi­chel Pic­co­li. Sie war das Sym­bol der Frei­heit, der In­spi­ra­ti­on, sie war so, wie Frank­reich sich gern sieht. Sie wur­de zum gu­ten Geist der fran­zö­si­schen Nach­kriegs­ge­schich­te, ei­nem Star des Exis­ten­zia­lis­mus. Ju­li­et­te Gré­co starb am 23. Sep­tem­ber in Ra­ma­tu­el­le, in der Nähe von Saint-Tro­pez.

Ang Rita Sherpa, 72

Zehn­mal stand er auf dem Gip­fel des Mount Ever­est. Doch Ang Rita, wie er nor­ma­ler­wei­se ge­nannt wur­de, war die­ser Re­kord nicht ge­nug. Der er­fah­re­ne Berg­füh­rer aus dem Volk der Sher­pa ver­zich­te­te im Ge­gen­satz zu den meis­ten Berg­stei­gern dar­auf, in der dün­nen Luft künst­li­chen Sau­er­stoff aus Fla­schen ein­zu­at­men. Ge­schick­lich­keit und Kraft ver­hal­fen ihm zu sei­nem Spitz­na­men »Schnee­leo­pard«. Sein Re­kord ist bis heu­te un­ge­bro­chen. Ang Rita, der sich eh­ren­amt­lich für den Na­tur­schutz ein­setz­te, be­kam gleich zwei Ein­trä­ge in den »Guin­ness World Re­cor­ds«: 1987 ge­lang ihm näm­lich zu­sätz­lich die ers­te Win­ter­be­stei­gung des Ever­est ohne Sau­er­stoff. Ang Rita Sher­pa starb am 21. Sep­tem­ber in Kath­man­du.

Ruth Bader Ginsburg, 87

Ihre Mut­ter habe ihr ge­sagt, sie sol­le stets eine Dame sein, eine Lady: selbst­stän­dig und un­ab­hän­gig. Die ame­ri­ka­ni­sche Ju­ris­tin Ruth Ba­der Gins­burg be­her­zig­te die­sen Wunsch – und sie setz­te ih­ren In­tel­lekt ein, da­mit auch an­de­re die­se Un­ab­hän­gig­keit er­lan­gen konn­ten. Sie er­ar­bei­te­te sich eine Kar­rie­re, die zu ih­rer Zeit fast un­denk­bar war: 1959 eine der we­ni­gen Ju­ra­stu­den­tin­nen in Har­vard, An­wäl­tin, Be­ru­fungs­rich­te­rin, von 1993 an dann Bei­sit­zen­de Rich­te­rin am Obers­ten Ge­richts­hof der USA, am Su­pre­me Court. Die zar­te Frau mit den cha­rak­te­ris­ti­schen Schmuck­kra­gen war ein Licht­blick für die Li­be­ra­len, sie stimm­te für die Ab­trei­bung, sie trat un­er­schro­cken für Frau­en-, Min­der­hei­ten- oder Ho­mo­se­xu­el­len­rech­te ein. Do­nald Trumps Wahl­sieg 2016 mach­te sie end­gül­tig zur Hoff­nungs­trä­ge­rin der hal­ben Na­ti­on – »No­to­rious RBG«, wie die Fe­mi­nis­tin schon län­ger be­wun­dernd ge­nannt wur­de, ent­wi­ckel­te sich zum Pop­star. Trotz ver­schie­de­ner schwe­rer Krebs­er­kran­kun­gen in den letz­ten Jah­ren lehn­te sie ei­nen Rück­tritt ab; sie woll­te bis nach der Wahl im No­vem­ber im Amt blei­ben, da­mit der Su­pre­me Court vor Trumps Ein­fluss ge­schützt blie­be. Dies­mal nutz­te ihre Stur­heit nichts. Ruth Ba­der Gins­burg starb am 18. Sep­tem­ber in Wa­shing­ton.

Michael Gwisdek, 78

Er ab­sol­vier­te eine Wer­be­aus­bil­dung, ehe er dem Ruf der Büh­ne folg­te und an der re­nom­mier­ten Ernst­Busch-Schau­spiel­schu­le sein Hand­werk lern­te. Mi­cha­el Gwis­dek, ge­bo­ren 1942 in Ber­lin-Wei­ßen­see, spiel­te in der DDR an der Volks­büh­ne oder am Deut­schen Thea­ter, da­ne­ben stand er für Defa-Fil­me wie »Spur des Fal­ken« und »Mann ge­gen Mann« vor der Ka­me­ra. Sein Re­gie­de­büt »Tref­fen in Tra­vers« lief 1989 auf dem Film­fes­ti­val in Can­nes. Gwis­dek ge­lang es, sei­nen Er­folg im wie­der­ver­ei­nig­ten Deutsch­land fort­zu­füh­ren: 1991 er­hielt er für die Haupt­rol­le in »Der Tan­go­spie­ler« das Film­band in Sil­ber und Gold, für sei­ne Rol­le in An­dre­as Dre­sens »Nacht­ge­stal­ten« be­kam er den Sil­ber­nen Bä­ren. Spä­ter folg­te ein Grim­me-Preis. Gwis­dek war ein viel be­schäf­tig­ter, vor al­lem viel­sei­ti­ger Schau­spie­ler, kein Fach war ihm fremd. Ko­mö­die emp­fand er als »das Schwers­te«, gern woll­te er sich Cha­rak­ter­dar­stel­ler nen­nen las­sen. »Ich fühl mich als Jung­fil­mer. Ich bin 62 und habe das Le­ben noch vor mir. Ich wer­de noch 50 Fil­me dre­hen und mir et­was aus­den­ken, das Wir­bel macht«, sag­te Gwis­dek dem SPIEGEL 2004. Tat­säch­lich, er spiel­te und spiel­te: »Tat­ort«, »Das Traum­schiff«, »Traum­fa­brik«, bis zu­letzt. Mi­cha­el Gwis­dek starb am 22. Sep­tem­ber.

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