Nach­rufe

Tilman Jens, 65

Er stand ein Be­rufs­le­ben lang mit­ten in den hef­tigs­ten De­bat­ten des bun­des­deut­schen Kul­tur­be­triebs, vie­le hat er selbst an­ge­zet­telt. Wenn man mit ihm zu tun hat­te, war man da­her von sei­ner Freund­lich­keit und sei­ner Sanft­mut bei­na­he über­rascht. Der Jour­na­list und Fil­me­ma­cher Til­man Jens wur­de be­rühmt, als er 1984 in das Haus des ver­stor­be­nen Schrift­stel­lers Uwe John­son ein­brach, um die Um­stän­de von des­sen Tod zu er­kun­den – ein Feh­ler, wie Jens spä­ter selbst ein­räum­te. Im Mai 1994 ging es wie­der hoch her, als er sich der ei­gent­lich doch un­spek­ta­ku­lä­ren Ge­heim­dienst­zeit Mar­cel Reich-Ra­ni­ckis wid­me­te. Er mach­te die De­menz sei­nes Va­ters Wal­ter Jens öf­fent­lich und schrieb dar­über ein be­we­gen­des Sach­buch. Und dann war da noch die Sa­che mit dem Buch, das er ge­mein­sam mit He­ri­bert Schwan aus den Ton­bän­dern der Ge­sprä­che Schwans mit Hel­mut Kohl ge­ne­riert hat­te – De­bat­ten, Pro­zes­se, ein rie­si­ger Zir­kus. Jens be­schäf­tig­te sich in sei­nem Werk auch mit dem Miss­brauchsskan­dal an der Oden­wald­schu­le, mit der Sta­si, Sci­en­to­lo­gy und Ste­phen Ban­non, er ging kei­nem Ärger aus dem Weg. Da­bei lag er nicht im­mer rich­tig, aber wer tut das schon? Jens war ein flei­ßi­ger, da­bei bril­lan­ter Auf­klä­rer, der vor Streit nicht zu­rück­schreck­te, die Re­pu­blik wur­de durch ihn wa­cher und klü­ger. Til­man Jens starb am 29. Juli.

Leon Fleisher, 92

Was tut ein ge­ra­de zu Welt­ruhm ge­kom­me­ner Pia­nist, dem plötz­lich die rech­te Hand den Dienst ver­sagt? Leon Fleis­her, US-Wun­der­kind mit rus­sisch-pol­ni­schen Wur­zeln und Meis­ter­schü­ler des gro­ßen Ar­tur Schna­bel, hät­te auf­ge­ben kön­nen. Aber der Vir­tuo­se, des­sen Tech­nik und Ein­füh­lungs­ga­be selbst den gna­den­los gründ­li­chen Di­ri­gen­ten Ge­or­ge Szell be­geis­tert hat­ten, ließ sich von der seit 1962 auf­tre­ten­den Be­we­gungs­stö­rung (fo­ka­le Dys­to­nie) nicht ent­mu­ti­gen. Fleis­her lehr­te, en­ga­gier­te sich für Fes­ti­vals, di­ri­gier­te – und spiel­te bis­wei­len ex­trem schwie­ri­ge Kla­vier­wer­ke für die lin­ke Hand so poe­tisch wie kein an­de­rer. Von 1982 an konn­te er dank Chir­ur­gie und Wil­lens­kraft sei­ne rech­te Hand all­mäh­lich wie­der als zwei­tes Haupt­werk­zeug ein­set­zen; mit ei­ner beid­hän­di­gen Auf­nah­me war­te­te der un­eit­le Per­fek­tio­nist aber bis 2004. Leon Fleis­her starb am 2. Au­gust in Bal­ti­more.

Alan Parker, 76

Ob­wohl er für sei­ne per­sön­li­che Leis­tung nie ei­nen Os­car be­kam, ge­wan­nen sei­ne Fil­me und die Be­tei­lig­ten zahl­rei­che be­deu­ten­de Aus­zeich­nun­gen. Da­bei schie­nen die Bil­der die­ses bri­ti­schen Re­gis­seurs manch­mal et­was zu schön zu sein. Er hat­te sei­ne Kar­rie­re in der Wer­be­bran­che be­gon­nen und war es ge­wohnt, al­les so zu fil­men, als stün­de es zum Ver­kauf, auch Men­schen. Doch dass er sei­nen Fi­gu­ren tat­säch­lich sehr nahe kom­men konn­te, zeig­te der ge­bür­ti­ge Lon­do­ner in dem wun­der­ba­ren Spiel­film »Die Com­mit­ments« (1991), in dem er die Ge­schich­te ei­ner iri­schen Soul­band er­zähl­te. Alan Par­ker dreh­te im Lau­fe sei­ner Kar­rie­re meh­re­re Mu­sik­fil­me, ad­ap­tier­te das Pink-Floyd-Al­bum »The Wall« für die Lein­wand (1982) und in­sze­nier­te das Ki­no­mu­si­cal »Evi­ta« (1996). Ob­wohl er gern sti­li­sier­te, be­sa­ßen ei­ni­ge sei­ner Fil­me – etwa »An­gel Heart« (1987) – eine sel­te­ne Här­te und Wucht. In dem Thril­ler »12 Uhr nachts – Mid­ni­ght Ex­press« (1978) zeig­te er (nach ei­nem Dreh­buch von Oli­ver Sto­ne) die Tor­tu­ren, die ein ame­ri­ka­ni­scher Dro­gen­schmugg­ler in ei­nem tür­ki­schen Ge­fäng­nis er­dul­den muss, in scho­ckie­ren­der Dras­tik. Er schuf ei­ni­ge Ki­no­bil­der, die man schwer­lich ver­ges­sen kann. Alan Par­ker starb am 31. Juli in Lon­don.

John Hume, 83

Ein iri­scher Lands­mann, der Rock­star Bono, rühm­te ihn als ei­nen »Ver­hand­ler, der ver­stand, dass nie­mand ge­winnt, wenn nicht alle ge­win­nen«. John Hu­mes größ­ter Sieg war der nord­iri­sche Frie­dens­schluss von 1998, das »Kar­frei­tags­ab­kom­men«. Die jahr­zehn­te­lan­ge Se­rie der Ge­walt zwi­schen Pro­tes­tan­ten und Ka­tho­li­ken, die rund 3500 Tote ge­for­dert hat­te, ging da­mit zu Ende. Ge­mein­sam mit dem Pro­tes­tan­ten Da­vid Trim­ble er­hielt der ka­tho­li­sche So­zi­al­de­mo­krat da­für den Frie­dens­no­bel­preis. Jah­re zu­vor hat­te Hume ge­hei­me Ge­sprä­che mit ei­nem Mann auf­ge­nom­men, der vie­len als Ter­ro­rist galt: Ger­ry Adams, An­füh­rer der Par­tei Sinn Féin, des po­li­ti­schen Arms der ka­tho­li­schen Un­ter­grund­or­ga­ni­sa­ti­on IRA. Als die IRA schließ­lich die »voll­stän­di­ge Ein­stel­lung mi­li­tä­ri­scher Ope­ra­tio­nen« ver­kün­de­te, war ein Durch­bruch er­reicht. Hume lud Ge­sprächs­part­ner gern in sein Rei­hen­haus in sei­ner Ge­burts­stadt Lon­don­der­ry ein. Aber er reis­te mit sei­ner Frie­dens­bot­schaft auch häu­fig nach Wa­shing­ton. Hume hat­te früh er­kannt: Die USA, wo Mil­lio­nen Men­schen iri­sche Wur­zeln ha­ben, kön­nen in den nord­iri­schen An­ge­le­gen­hei­ten eine Schlüs­sel­rol­le spie­len. Am Ende war es Bill Clin­ton, der den Frie­dens­schluss ent­schei­dend vor­an­trieb. John Hume starb am 3. Au­gust in Lon­don­der­ry.

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