Per­so­na­lien

Romantische Feministin

• Ver­gan­ge­nen Sams­tag, nach ih­rer Mo­den­schau auf der Lon­don Fa­shion Week, sag­te die De­si­gne­rin Ale­xa Chung, 35: »Ich füh­le mich, als ob ich in den letz­ten sechs Mo­na­ten tau­send Jah­re äl­ter ge­wor­den bin.« Die Pro­duk­ti­on ih­rer Herbst-/​Win­ter­kol­lek­ti­on 2019 hat­te dem ehe­ma­li­gen Mo­del Chung of­fen­sicht­lich ei­ni­ges ab­ver­langt. Schließ­lich woll­te die Bri­tin »die re­de­ge­wand­te, geist­rei­che, lei­den­schaft­li­che, er­fah­re­ne, selbst­be­wuss­te, stil­si­che­re, furcht­lo­se Fe­mi­nis­tin« an­spre­chen, die es mag, »mit Klei­dung zu spie­len«. Ihre Mo­dels schick­te sie in Stie­feln mit Pla­teau­soh­len auf den Lauf­steg und der Bot­schaft, dass sie eine Be­dro­hung für das Pa­tri­ar­chat dar­stell­ten. Roll­kra­gen­pull­over und hoch­ge­schlos­se­ne Ja­cken sol­len hel­fen, der ge­sell­schaft­li­chen Kri­se zu trot­zen. Ein biss­chen Re­tro-Ro­man­tik ist auch da­bei; im De­sign­pro­zess ließ sich Chung von den Sieb­zi­ger- und Acht­zi­ger­jah­ren in­spi­rie­ren. Sie hat viel ge­lernt, seit sie 2016 ihr La­bel grün­de­te. Dass Ge­schäf­te­ma­chen ganz schön ner­vig sein kann zum Bei­spiel – und man sich treu blei­ben soll­te, auch an­ge­sichts kom­mer­zi­el­ler Not­wen­dig­kei­ten.

Spurenle­serin

• Ir­gend­wann hat­te sie ge­nug von dem »Blöd­sinn«, der teil­wei­se über die In­schrif­ten an den Wän­den des Reichs­tags­ge­bäu­des er­zählt wur­de. Ka­rin Fe­lix, 69, ar­bei­te­te fast 25 Jah­re lang für den Be­su­cher­dienst des Deut­schen Bun­des­tags. Als Kind der DDR war sie des Rus­si­schen seit der Schul­zeit mäch­tig und konn­te le­sen, was im Mai 1945 mit Holz­koh­le oder Krei­de an die Wän­de ge­schrie­ben wor­den war. Na­men, Orte, Da­ten, aber auch Sprü­che wie »Was du säst, wirst du ern­ten« hin­ter­lie­ßen die zu­meist sehr jun­gen Sol­da­ten der so­wje­ti­schen Ar­mee, die da­mals als Zei­chen des end­gül­ti­gen Siegs über Hit­ler-Deutsch­land den Reichs­tag sym­bo­lisch in Be­sitz nah­men. Fe­lix woll­te eine kor­rek­te Do­ku­men­ta­ti­on der his­to­ri­schen Spu­ren an­le­gen. Im Jahr 2001 hat­te sie ihr Schlüs­sel­er­leb­nis: Der eins­ti­ge Sol­dat Bo­ris Wikto­ro­witsch Sa­pu­now kam 2001 nach Ber­lin und war der Ers­te, der ihr sei­nen Na­men an ei­ner Wand zeig­te. An­de­re Ve­te­ra­nen folg­ten, auch An­ge­hö­ri­ge. Es wa­ren im­mer sehr emo­tio­na­le Be­geg­nun­gen. Fe­lix, der Pa­thos fern­liegt, do­ku­men­tier­te auch die­se Er­fah­run­gen. Das Er­geb­nis ih­rer Ar­beit liegt nun als Buch vor. »Ich war hier. Die Graf­fi­tis im Reichs­tags­ge­bäu­de« ist ein ein­drucks­vol­les Do­ku­ment, auch der Men­ta­li­tät der so­wje­ti­schen Be­frei­er. Die seit 2014 pen­sio­nier­te Ka­rin Fe­lix be­dau­ert ei­ner­seits, dass sie nicht mehr im Reichs­tag ar­bei­tet – an­de­rer­seits: Den Ab­ge­ord­ne­ten der AfD möch­te sie un­gern be­geg­nen.

Bizarrer Albtraum

• In sei­nem Ins­ta­gram-Pro­fil zählt er auf, was ihm ge­fällt: »lau­te Ver­stär­ker, Gi­tar­ren, Graf­fi­ti, Ge­sell­schaft, Kai­ro-Ams­ter­dam«. Sei­ne letz­ten Pos­tings mach­te der ägyp­ti­sche Mu­si­ker Rami Sid­ky, 33, im März 2018. We­ni­ge Wo­chen spä­ter, am 5. Mai, be­gann für ihn ein Alb­traum: Er flog von Ams­ter­dam nach Kai­ro – und wur­de dort auf dem Flug­ha­fen ver­haf­tet. Bis heu­te sitzt Sid­ky im Kai­ro­er Tora-Ge­fäng­nis; ohne Be­grün­dung wird die Haft im­mer wie­der ver­län­gert. Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal be­zeich­net den Fall als »bi­zarr«, denn of­fen­bar wer­fen die ägyp­ti­schen Be­hör­den Sid­ky vor, be­tei­ligt zu sein an ei­nem Song, mit dem er nichts zu tun hat; er mag das Lied nicht ein­mal. Kurz vor Sid­kys Ver­haf­tung ver­öf­fent­lich­te ein an­de­rer ägyp­ti­scher Mu­si­ker na­mens Ramy Es­sam ein Lied auf YouTube, von dem sich der Prä­si­dent Ab­del Fat­tah el-Sisi be­lei­digt fühlt. Es­sam lebt im Exil. Es­sam und Sid­ky ha­ben vor Jah­ren zu­sam­men mu­si­ziert, aber an­schei­nend schon lan­ge kei­nen Kon­takt mehr. Am­nes­ty steht mit Sid­kys An­walt in Ver­bin­dung und wird nächs­te Wo­che eine in­ter­na­tio­na­le Kam­pa­gne star­ten, um Sid­kys be­din­gungs­lo­se Frei­las­sung zu for­dern. Der Mu­si­ker lei­de un­ter De­pres­sio­nen, sagt ein Am­nes­ty-Spre­cher. Die nächs­te Haft­prü­fung ist wohl erst Ende März.

Erfrischend unverblümt

• Alle Schwe­den mit Kin­dern im Al­ter von zehn Jah­ren ha­ben ge­ra­de kö­nig­li­che Post be­kom­men: ei­nen Rat­ge­ber für In­ter­net­si­cher­heit, ver­schickt von Prin­zes­sin So­fia, 34, und Prinz Carl Phi­lip, 39. Das Buch be­han­delt The­men von Mob­bing bis zu se­xu­el­ler Be­läs­ti­gung. Das Prin­zen­paar er­mun­tert El­tern, mit ih­ren Kin­dern über de­ren Er­fah­run­gen im Netz zu spre­chen. In dem Buch heißt es, dass »man­che Jungs Bil­der von ih­rem Pe­nis an Mäd­chen schi­cken oder auch an an­de­re Jungs«. Die Au­to­ren des Leit­fa­dens er­klä­ren das Ver­schi­cken der »dick pics« (Schwanz­bil­der) mit dem Wunsch, Macht aus­zu­üben. Die un­ver­blüm­te Spra­che der schwe­di­schen Royals er­freut die bri­ti­sche Pres­se: »Wahr­schein­lich die ers­te kö­nig­li­che Er­wäh­nung von ›d... pics‹«, be­merkt der »Sun­day Te­le­graph« und deu­tet an, dass die jun­gen bri­ti­schen Royals sich ein Bei­spiel an der er­fri­schen­den schwe­di­schen Of­fen­heit neh­men könn­ten.

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