Als es mit den Schul­kämpfen in Indo­nesien los­ging, war Diktator Suharto noch an der Macht, so erzählt man es sich in Jakarta. Anfang der Neunzigerjahre fielen Schüler auf dem Nach­hause­weg übereinander her. In Bussen oder beim Um­steigen an den Halte­stellen kam es zu Prüge­leien. Daraus hat sich eine Tradi­tion ent­wickelt, die bis heute Bestand hat.

Doch mit harmlosen Raufe­reien haben die Schüler­kämpfe, auf Indo­nesisch »Tawuran Pelajar« genannt, nicht mehr viel zu tun.

Destra hat im vergangenen Jahr seinen Ab­schluss an der tech­nischen High School Bunda Kandung im Süden Jakartas gemacht. Er hat schon häufig gegen ver­feindete Schüler gekämpft. Oft gehen die Kon­fron­tationen glimpf­lich aus, trotz scharfer Waffen – doch nicht immer. Vor zwei Jahren wurde sein Freund Bagas auf der Straße getötet:

Dienstag, 14. Februar 2017: Bagas begleitet einige Schul­kollegen nach Ostjakarta, um den Geburts­tag einer befreun­deten Schule zu feiern. Sie sitzen zusam­men am Pasar Rebo, einem Ort, der bekannt ist für Zusam­menstöße. Plötz­lich taucht eine Gruppe ver­fein­deter Schüler auf. Bagas ist un­vor­be­reitet, hat dies­mal keine Waffen dabei. Trotzdem kämpft er mit seinen Freunden.

Auch Oji war an diesem Tag vor Ort und kämpfte neben Bagas. Er wurde durch eine Stich­waffe verwundet und ins Kranken­haus gebracht. Er hatte mehr Glück als sein Freund:

Das Augenzeugenvideo von Bagas Tod landete schnell auf Youtube, verbrei­tete sich viral. Es ist nur eines von vielen Schüler­kampf­videos im Netz.

Jede Schul­gang hat verschiedene Insta­gram-Accounts, über die sich die Schüler präsen­tieren, mit denen sie pro­vo­zieren und Treffen verein­baren. Alles wird doku­men­tiert und mit den Feinden geteilt:

»Terroristen der Straße«

Jede Schule hat ver­schiedene Gangs, so­ge­nann­te Bases. Inner­halb einer Gruppe sind die­jeni­gen Schüler ver­eint, die den­selben Nach­hause­weg haben. Die Gang­namen ergeben sich aus den Nummern der Bus­linien, der Schule und einem Zusatz wie: »Legen­den des Zugs« oder »Terro­risten der Straße«.

»Bunda Kandung, Alte Zeiten«

Loyalität und Grup­pen­zu­sam­men­halt sind einige der wich­tigs­ten Aspekte der Tawuran-Tradi­tion. Die Jungen führen die Tradi­tion der Alten fort, oft ohne zu wis­sen, wie alles begann. Stolz teilen sie die Bilder der Helden von früher.

»Coming soon.«

An scharfe Waffen wie Sicheln oder Schwerter zu kommen, ist in Jakarta kein Problem. Man kann sie im Inter­net, am Markt oder am Straßen­rand kaufen. Viele sind stolz darauf, die Waffen selbst her­zu­stellen. In tech­nischen Schulen wird dafür oft heim­lich der Praxis­unter­richt in der Werk­statt genutzt.

»Bereit«

Die Schüler teilen Bilder und Videos von ihrem Stand­ort. Sie wollen ihre Feinde provo­zieren und heraus­fordern.

Säureattacken

In letzter Zeit wird Säure als Waffe immer beliebter, denn es ist leicht, an ätzende Flüs­sig­keiten zu kommen. Wenn die Polizei Jugend­liche durch­sucht, sind Schwer­ter oder ähn­liche Waffen sofort auf­find­bar, wohin­gegen eine Wasser­flasche mit durch­sich­tiger Flüs­sig­keit nicht auf­fällt.

»Glückwunsch zum Geburtstag, Til ...«

»Nicht zu glauben, Til, dass du von Tag zu Tag nicht mehr da bist. Ich kann nur für dich beten«.

Die Schüler ver­bringen viel Zeit auf Fried­höfen. An den Geburts- und Todes­tagen ihrer ver­stor­benen Schul­kollegen ziehen sie mit gelben Fahnen gemeinsam zum Fried­hof. Unter­wegs kommt es häufig zu Zusam­men­stößen mit anderen Schülern.

»Team Rajawali«

Auch die Polizei ist auf Insta­gram aktiv. Die Poli­zisten posieren mit ihren Waffen und ver­öffent­lichen Bilder erfolg­reicher Razzien und fest­ge­nomme­ner Schüler.

Jhony Permana ist Mit­glied der 2017 gegründeten Polizei­spezial­einheit »Team Rajawali« in Ost­jakarta. Die Einsatz­kräfte gehen gegen Straßen­kriminalität wie Drogen­handel, illegalen Alko­hol­kon­sum, Raub und Banden­krimi­nalität vor.

Der Kampf gegen Tawuran Pelajar ist nur eine der Auf­gaben. In seiner Schulzeit hat Jhony selbst gekämpft. Er glaubt nicht, dass diese Tradition je enden wird:

Weder die Polizei noch die Kranken­häuser erheben Daten, um fest­zu­stellen, wie viele Jugend­liche durch Tawuran-Kämpfe sterben. Auch die Statistiken der staat­lichen Kinder­schutz­kommis­sion gehen nur bis ins Jahr 2016 zurück.

Eine Auswertung indo­nesischer Nach­richten­seiten lässt das Aus­maß des Problems erahnen. Auch wenn es nicht alle Opfer in die Lokal­presse schaffen:

Seit Bagas Tod starben in Jakarta und Umgebung mindes­tens 30 Kinder und Jugend­liche durch Schülerkämpfe.

Seit ihr Sohn Bagas getötet wurde, hat Ibu Yanti kein Ver­trauen mehr in das staat­liche Justiz­system. Nur vier der zwölf mut­maßlichen Täter wurden fest­genommen. Trotz mehr­facher Nach­frage bekommt sie keine Infor­mationen über das Vor­gehen der Polizei. Nur noch die Religion gibt ihr Halt:

Tawuran Pelajar wird von der indo­nesischen Gesellschaft weitest­gehend akzeptiert. Während schon der Besitz geringer Mengen Cannabis zu Haft­strafen führen kann, werden die Schüler­kämpfe oft als Jugend­sünde ange­sehen und kaum verfolgt. Viele Täter werden nie gefasst.

Der Staat ver­schließe oft die Augen und in den Schulen gebe es nur halb­herzige Programme, sagt Retno Listyarti, Bildungs­beauftragte der Indo­nesischen Kinder­schutz­kommission.

Es werde mittler­weile zwar mit härteren Strafen gegen Schüler vor­ge­gangen, die sich an Tawuran betei­ligen, das sei jedoch auf lange Sicht kontra­produktiv, sagt Retno. Die Schüler würden von der Schule geworfen, könnten in keine andere staat­liche Schule mehr gehen. Dadurch werde die Gefahr umso größer, dass sie sich anderen krimi­nellen Gangs anschließen.

Das Problem muss an der Wur­zel ge­packt wer­den. Die Kin­der ha­ben kaum eine an­dere Wahl, als bei den Kämpfen mit­zu­machen, da sie sonst gemobbt wer­den. Es ist falsch, die Ju­gend­lichen wie Ver­brecher zu be­han­deln. Gewalt er­zeugt Gegen­gewalt.

Für Ian und viele andere Jugend­liche gehört Gewalt zum Schul­alltag dazu. Wie Oji und Destra war auch er ein Schul­freund von Bagas. Und genau wie seine Freunde kann er trotz dessen Tod Tawuran Pelajar viel Positives abgewinnen:

Team

Autorin, Kamera, Schnitt Helena Lea Manhartsberger

Grafik Cornelia Pfauter

Gestaltung, Programmierung Lorenz Kiefer

Dokumentation Rainer Szimm

Schlussredaktion Katrin Zabel

Redaktion Alexander Epp

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