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Anna Karina, 79

Die ge­bür­ti­ge Dä­nin war eine der gro­ßen Schau­spie­le­rin­nen des eu­ro­päi­schen Ki­nos, eine Ga­li­ons­fi­gur der Nou­vel­le Va­gue. Mit ih­rem da­ma­li­gen Ehe­mann, dem Avant­gar­de-Fil­mer Jean-Luc Go­dard, dreh­te Anna Ka­ri­na zwi­schen 1960 und 1966 acht Fil­me, dar­un­ter »Der klei­ne Sol­dat« und »Die Ge­schich­te der Nana S.«. Es wa­ren Por­träts mo­der­ner, selbst­be­wuss­ter, manch­mal aber auch zu­tiefst ver­zwei­fel­ter Frau­en und zu­gleich Re­fle­xio­nen der sehr wech­sel­haf­ten Be­zie­hung zwi­schen Ka­ri­na und Go­dard. Die Schau­spie­le­rin, die auch Chan­sons sang und im­mer wie­der die Le­bens­lust der Sech­zi­ger­jah­re ver­kör­per­te, wur­de so et­was wie der gute Geist des Au­to­ren­films – sie ar­bei­te­te mit Re­gis­seu­ren wie Jac­ques Ri­vet­te, Lu­chi­no Vis­con­ti, Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der. An­fang der Sieb­zi­ger­jah­re grün­de­te sie eine ei­ge­ne Pro­duk­ti­ons­fir­ma und führ­te auch Re­gie. 2002 hat­te sie in dem Hol­ly­wood­film »Die Wahr­heit über Char­lie« noch ein­mal ei­nen Gast­auf­tritt. Anna Ka­ri­na starb am 14. De­zem­ber in Pa­ris.

Panamarenko, 79

Als der bel­gi­sche Künst­ler 1972 an der Do­cu­men­ta in Kas­sel teil­nahm, zähl­te der SPIEGEL sei­nen Bei­trag zu den gro­ßen »Schauat­trak­tio­nen«. Es han­del­te sich um ei­nen Wohn­wa­gen mit ei­nem zep­pe­linar­ti­gen Luft­schiff dar­über. Sei­ne flug­un­taug­li­chen Skulp­tu­ren – dar­un­ter schließ­lich so­gar Ra­ke­ten­ruck­sä­cke – wa­ren re­gel­mä­ßig in Aus­stel­lun­gen zu se­hen. Zu Pa­na­ma­ren­kos Wer­ken passt das Ge­rücht, es sei un­ter an­de­rem die Flug­ge­sell­schaft Pan Am ge­we­sen, die ihn zu sei­nem Künst­ler­na­men in­spi­riert habe. Ge­bo­ren wur­de er 1940 in Ant­wer­pen als Hen­ri Van Her­we­gen. Er stu­dier­te Kunst, be­geis­ter­te sich für Tech­nik, ver­knüpf­te bei­des und zähl­te bald Jo­seph Beuys zu sei­nen Fans. Doch 2005 be­schloss er, lie­ber Kaf­fee als Kunst zu pro­du­zie­ren, sei­ne Mar­ke nann­te er »Pa­na­ma Jum­bo«. Zehn Jah­re spä­ter wur­de ein As­te­ro­id nach ihm be­nannt. Pa­na­ma­ren­ko starb am 14. De­zem­ber im bel­gi­schen Bra­kel.

Gerd Baltus, 87

An­fang der Sech­zi­ger­jah­re wur­de ihm eine mög­li­che Kar­rie­re als »deut­scher An­t­ho­ny Per­kins« zu­ge­traut. Gerd Bal­tus, der ohne Aus­bil­dung 1953 am Ham­bur­ger Schau­spiel­haus ein En­ga­ge­ment er­hal­ten und dort un­ter Gus­taf Gründ­gens ge­ar­bei­tet hat­te, är­ger­te das: Kli­schees wa­ren ihm ein Gräu­el. Doch der Ver­gleich kam nicht von un­ge­fähr, und tat­säch­lich war der ge­bür­ti­ge Bre­mer von Mit­te der Sieb­zi­ger­jah­re an sehr häu­fig als stil­ler, selt­sa­mer, oft ab­grün­di­ger, manch­mal un­heim­li­cher Typ von ne­ben­an im Fern­se­hen zu se­hen. »Tat­ort«, »Der Alte« und »Der­rick« oder harm­lo­ser in »Un­ser Leh­rer Dok­tor Specht« – Bal­tus war ein Ga­rant für Qua­li­tät und galt ei­ni­ge Zeit als ei­ner der meist­be­schäf­tig­ten TV-Schau­spie­ler Deutsch­lands. Am An­fang stand das Thea­ter für ihn über al­lem, es war »auf­re­gend und wun­der­bar«, die künst­le­ri­schen Mög­lich­kei­ten be­geis­ter­ten ihn. Spä­ter nerv­ten ihn die »fa­ta­len Ide­en ka­put­ter Re­gis­seu­re, die ei­gent­lich in eine An­stalt ge­hö­ren«. Die Auf­merk­sam­keit, die ihm sei­ne her­vor­ra­gen­den Leis­tun­gen brach­ten, be­hag­te ihm nie, rote Tep­pi­che und Par­tys in­ter­es­sier­ten ihn nicht. Da­bei schätz­ten ihn Kol­le­gen als wit­zig, höf­lich und über­aus pro­fes­sio­nell. Vor 19 Jah­ren zog er sich von der Fern­seh­ar­beit zu­rück: »Ich habe von der Bran­che in­zwi­schen die Nase voll.« Zum Glück mach­te er als Spre­cher für Hör­spiel- und -buch­pro­duk­tio­nen noch ei­ni­ge Zeit wei­ter – er war ein Kön­ner auch in die­sem Gen­re. Gerd Bal­tus starb am 13. De­zem­ber in Ham­burg.

Karin Balzer, 81

Bei den Olym­pi­schen Spie­len 1964 in To­kio hol­te die Hür­den­sprin­te­rin die Gold­me­dail­le – da­mals für ein ge­samt­deut­sches Team, das sich aus Sport­lern der DDR und der Bun­des­re­pu­blik zu­sam­men­setz­te. Ka­rin Bal­zer war sechs Jah­re vor den Spie­len aus Hal­le an der Saa­le in den Wes­ten ge­flo­hen. We­nig spä­ter kehr­te sie zu­rück. Reu­mü­tig, wie die Sta­si be­haup­te­te, aus Angst vor Re­pres­sa­li­en für die zu­rück­ge­las­se­nen Fa­mi­li­en­mit­glie­der, wie Bal­zer nach der Wen­de klar­stell­te. In Mün­chen hol­te sie 1972 noch Olym­pia­bron­ze, die Hür­den­stre­cke war in­zwi­schen von 80 auf 100 Me­ter ver­län­gert wor­den. Für die DDR ge­wann sie au­ßer­dem acht Ti­tel bei Eu­ro­pa­meis­ter­schaf­ten; Bal­zer stell­te sie­ben Welt­re­kor­de auf. Nach ih­rer ak­ti­ven Kar­rie­re wur­de sie Trai­ne­rin. Die Sport­füh­rung kan­zel­te sie und ih­ren Ehe­mann je­doch ab, weil sie sich ge­gen die Pra­xis auf­lehn­ten, Do­ping­mit­tel an Ju­gend­li­che zu ver­tei­len. Nach der Wen­de pran­ger­te sie ehe­ma­li­ge DDR-Trai­ner an, die zu den schlimms­ten Do­pern ge­zählt hat­ten. Ka­rin Bal­zer starb am 17. De­zem­ber.

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