Haus­mit­tei­lung

Ziem­lich ge­nau ein Jahr ist es her, dass der SPIEGEL die Fäl­schun­gen von Claas Re­lo­ti­us of­fen­ge­legt hat. Re­lo­ti­us galt als gro­ßes Re­por­ter­ta­lent, er wur­de mit Prei­sen über­häuft, bis sich her­aus­stell­te, dass er sei­ne Ge­schich­ten weit­ge­hend er­fun­den hat­te. Wir ha­ben den Be­trugs­fall da­mals in Form ei­ner Ti­tel­ge­schich­te pu­blik ge­macht und eine un­ab­hän­gi­ge Kom­mis­si­on ein­ge­setzt, die klä­ren soll­te, wie es zu den Fäl­schun­gen kom­men konn­te. Und wir ha­ben ver­spro­chen, den Ab­schluss­be­richt der Kom­mis­si­on zu ver­öf­fent­li­chen. Wem ein so schwe­rer Feh­ler un­ter­läuft, der muss dazu ste­hen, egal wie pein­lich das wird. Dar­an ha­ben wir uns ge­hal­ten. Der Be­richt, den wir on­line und im Heft pu­bli­ziert ha­ben, schil­dert, wie un­se­re Si­che­rungs­me­cha­nis­men ver­sagt ha­ben. Die­se Trans­pa­renz war schmerz­haft, aber nö­tig. Denn dass aus­ge­rech­net der für sei­ne akri­bi­sche Ve­ri­fi­ka­ti­on be­rühm­te SPIEGEL ei­nem Be­trü­ger auf­ge­ses­sen war, hät­te den Fall an­dern­falls für all jene zu ei­nem Fest ge­macht, die den Me­di­en un­ter­stel­len, sie wür­den Fake News ver­brei­ten. Der Fall hat uns und den deut­schen Jour­na­lis­mus ins­ge­samt ver­än­dert. Zum ei­nen, weil Re­lo­ti­us nicht nur für den SPIEGEL Ge­schich­ten er­fun­den hat, son­dern auch bei an­de­ren Me­di­en. Zum an­de­ren, weil er eine Stil­form in Miss­kre­dit ge­bracht hat, die zu den vor­nehms­ten im Jour­na­lis­mus zählt: die Re­por­ta­ge. Vie­les von dem, was Re­por­ter vor Ort er­le­ben, kann nicht oder nur in Tei­len über­prüft wer­den. Das Be­wusst­sein für Au­then­ti­zi­tät al­ler­dings hat Re­lo­ti­us nun wie­der ge­schärft. Heu­te wird kaum mehr ein Jour­na­lis­ten­preis ver­ge­ben, bei dem die Jury nicht ge­nau hin­schaut, ob die Er­zäh­lung auch stim­men kann. Die Re­por­ta­ge aus Angst vor Fäl­schun­gen ab­zu­schaf­fen war für uns kei­ne Op­ti­on. Um ei­nen zwei­ten Fall Re­lo­ti­us zu ver­hin­dern, ha­ben wir un­se­re jour­na­lis­ti­schen Stan­dards für Re­cher­che, Er­zäh­lung und Ve­ri­fi­ka­ti­on über­ar­bei­tet und in ei­nem ver­bind­li­chen Leit­fa­den zu­sam­men­ge­fasst. Wir wer­den zum Jah­res­an­fang 2020 eine Om­buds­stel­le ein­rich­ten, die auch an­ony­me Hin­wei­se auf Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten ent­ge­gen­nimmt und die­sen ge­ge­be­nen­falls zu­sam­men mit der Auf­klä­rungs­kom­mis­si­on nach­geht. So wie wir dies der­zeit im Fall der rund 26 Jah­re al­ten Ti­tel­ge­schich­te »Der To­des­schuss« (SPIEGEL 27/​1993) zum GSG-9-Ein­satz von Bad Klei­nen tun. Wir möch­ten uns an die­ser Stel­le herz­lich be­dan­ken bei Juan Mo­re­no, un­se­rem Kol­le­gen, der Re­lo­ti­us ent­larvt hat. Und bei Ih­nen, lie­be Le­se­rin­nen und Le­ser, da­für, dass Sie uns die Treue ge­hal­ten ha­ben, im Ver­trau­en dar­auf, dass wir aus die­sem Feh­ler un­se­re Leh­ren zie­hen.

Pie­per, Gar­fin­kel in Is­ra­el

Bis heu­te ist die Bi­bel das macht­volls­te Buch der Welt. In sei­nem Ti­tel­text be­schreibt Re­dak­teur Diet­mar Pie­per, wie Wis­sen­schaft­ler durch Aus­gra­bun­gen, DNA-Ana­ly­sen und lin­gu­is­ti­sche Un­ter­su­chun­gen neue Er­kennt­nis­se dar­über ge­win­nen, wann die bi­bli­schen Be­rich­te ge­schrie­ben wur­den und was sich zu­ge­tra­gen ha­ben könn­te. Als Pie­per im Zuge sei­ner Re­cher­che mit dem Ar­chäo­lo­gen Yo­sef Gar­fin­kel auf Schot­ter­pis­ten durch das is­rae­li­sche Berg­land fuhr, ver­sperr­te ih­nen auf ein­mal ein Po­li­zei­wa­gen den Weg. Nach ei­ner hal­ben Stun­de hör­ten sie eine Ex­plo­si­on, ein Stück ent­fernt stieg ein Rauch­pilz aus dem Ge­büsch auf. Si­cher­heits­kräf­te hat­ten ei­nen Blind­gän­ger ge­sprengt, der zwei Tage zu­vor aus dem pa­läs­ti­nen­si­schen Ga­za­strei­fen ab­ge­feu­ert wor­den war. Po­li­ti­sche Span­nun­gen prä­gen in Is­ra­el auch den Um­gang mit der Bi­bel. »Die Fra­ge, wel­che der ur­al­ten Ge­schich­ten ei­nen his­to­ri­schen Kern ent­hal­ten, be­rührt das na­tio­na­le Selbst­ver­ständ­nis«, sagt Pie­per, »ar­chäo­lo­gi­sche Ent­de­ckun­gen wer­den dazu be­nutzt, Ge­biets­an­sprü­che zu be­grün­den.« zum Ar­ti­kel



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