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Jonas Mekas, 96

Der in Li­tau­en ge­bo­re­ne Künst­ler war ei­ner der wich­tigs­ten Ver­tre­ter des Avant­gar­de­ki­nos. Die Ka­me­ra be­nutz­te Jo­nas Me­kas als Auf­zeich­nungs­ge­rät, mit dem er das Le­ben auf Schritt und Tritt ein­fing. Als er Ende der Vier­zi­ger­jah­re in die USA emi­grier­te, kauf­te er sich eine 16-Mil­li­me­ter-Ka­me­ra und be­gann, Mo­men­te aus sei­nem All­tag zu do­ku­men­tie­ren. Er dreh­te Ta­ge­buch­fil­me wie »Wal­den« (1969) oder »Lost, Lost, Lost« (1976) und ar­bei­te­te mit Künst­lern wie Sal­va­dor Dalí, Andy War­hol und John Len­non zu­sam­men. Im­mer wie­der mach­te Me­kas, der von den Na­zis in ein Ar­beits­la­ger in Elms­horn ge­bracht wor­den war und nach dem Krieg in Mainz stu­diert hat­te, die Su­che nach sei­ner Hei­mat zum The­ma, auch noch 2017 auf der Do­cu­men­ta in Kas­sel. Mit ei­ner Aus­stel­lung von per­sön­li­chen Fo­tos und Do­ku­men­ten woll­te er Ver­bin­dun­gen zur heu­ti­gen Flücht­lings­si­tua­ti­on auf­zei­gen. Er sah sei­ne Ar­beit als Ge­gen­warts­kunst; die Be­schäf­ti­gung mit der Ver­gan­gen­heit soll­te zum Auf­bruch in die Zu­kunft füh­ren. Jo­nas Me­kas starb am 23. Ja­nu­ar in New York.

Christiane Ensslin, 79

Sie wuchs mit sechs Ge­schwis­tern als Toch­ter ei­nes evan­ge­li­schen Pfar­rers in Tutt­lin­gen auf; ihre Schwes­ter Gud­run war nur ein Jahr jün­ger als sie. De­ren Ent­schei­dung für den Ter­ro­ris­mus, ihr Tod in Stamm­heim 1977 ha­ben das Le­ben von Chris­tia­ne Ens­s­lin ge­prägt. Sie heg­te des­halb aber kei­ne Wut, wie sie 2002 sag­te: »Ich habe Gud­run nie da­für ver­flucht, dass sie die­sen Weg ge­gan­gen ist.« Chris­tia­ne Ens­s­lin un­ter­stütz­te ihre Schwes­ter wäh­rend der Haft­zeit, be­such­te sie. 2005 gab sie ge­mein­sam mit ih­rem Bru­der Gott­fried den Brief­wech­sel der Ge­schwis­ter von 1972 bis 1973 her­aus. Im Vor­wort schrei­ben sie: »Wir sind es, die von Gud­run agi­tiert wer­den.« Al­ler­dings lehn­te Chris­tia­ne Ens­s­lin Ge­walt aus­drück­lich ab. Sie en­ga­gier­te sich in der Frau­en­be­we­gung, ge­hör­te zum ers­ten Re­dak­ti­ons­team der Zeit­schrift »Emma«. Spä­ter bau­te sie am Ham­bur­ger In­sti­tut für So­zi­al­for­schung ein um­fang­rei­ches Ar­chiv zur RAF-Ge­schich­te auf. Die Um­stän­de des To­des ih­rer Schwes­ter ha­ben sie in­ten­siv be­schäf­tigt. Chris­tia­ne Ens­s­lin starb am 20. Ja­nu­ar in Köln.

Horst Stern, 96

In sei­ner Ber­li­ner Ober­re­al­schu­le sei der Spruch um­ge­gan­gen: »Der Stern schreibt auch sei­ne Deutsch­leh­rer noch an die Wand«, be­rich­te­te der 1922 in Stet­tin ge­bo­re­ne Au­tor und Na­tur­schüt­zer in ei­nem der sel­te­nen In­ter­views, in de­nen er Pri­va­tes preis­gab. Es war dann auch das Schrei­ben, das Horst Stern fort­an durchs Le­ben trieb. Als er, nach Krieg und Ge­fan­gen­schaft in den USA, in die Hei­mat zu­rück­kehr­te, öff­ne­te sich die Tür zum Jour­na­lis­mus: Stern ließ sich von den »Stutt­gar­ter Nach­rich­ten« an­heu­ern, über ei­nen haupt­säch­lich auf Eng­lisch ge­führ­ten Pro­zess ge­gen ei­nen Ame­ri­ka­ner zu be­rich­ten – prompt wur­de er als Ge­richts­re­por­ter ein­ge­stellt. Ein halb zah­mer Stein­mar­der war es, der sei­ne Lie­be zur Krea­tur ent­fach­te: Das Tier droh­te ihm das Ohr ab­zu­bei­ßen – und schmieg­te nach ei­nem ban­gen Mo­ment dann doch sein Köpf­chen in Sterns Hand. Von da an päp­pel­te der Re­por­ter in sei­ner Frei­zeit Eu­len, Kolk­ra­ben oder Füch­se auf, wil­der­te sie aus – und schrieb dar­über. Und weil er be­ses­sen da­von war, al­les, wirk­lich al­les wis­sen zu wol­len über die Ob­jek­te sei­ner Be­richt­er­stat­tung, eig­ne­te er sich enor­me Kennt­nis­se über Tie­re, ihre Ha­bi­ta­te und da­mit über die Öko­lo­gie all­ge­mein an. Die Fern­seh­se­rie »Sterns Stun­de« mach­te ihn im gan­zen Land po­pu­lär. Im SPIEGEL be­schrieb er be­reits 1977 die fürch­ter­li­chen Fol­gen der Um­welt­zer­stö­rung – und was al­lein den Men­schen vor sich selbst ret­ten könn­te: »die Ein­sicht, dass wir ein Teil der Na­tur sind, nicht ihr ein und ihr al­les«. Horst Stern starb am 17. Ja­nu­ar in der Nähe von Pas­sau.

Heinz Kluss, 84

Der lei­den­schaft­li­che Of­fi­zier spiel­te eine zen­tra­le Rol­le in ei­nem Skan­dal, der in den Acht­zi­ger­jah­ren die Re­pu­blik er­schüt­ter­te. Heinz Kluss, Oberst beim Mi­li­tä­ri­schen Ab­schirm­dienst (MAD), soll­te im Au­gust 1983 streng kon­spi­ra­tiv Ge­rüch­te über­prü­fen, nach de­nen der Vier­ster­ne­ge­ne­ral Gün­ter Kieß­ling ho­mo­se­xu­ell und da­mit wo­mög­lich er­press­bar sei. Auf dem klei­nen Dienst­weg bat Kluss die Köl­ner Kri­po um Hil­fe. Die Be­am­ten re­cher­chier­ten in der Schwu­len­sze­ne der Stadt und mel­de­ten, dass der stell­ver­tre­ten­de Ober­kom­man­deur der Nato-Streit­kräf­te in Eu­ro­pa dort an­geb­lich als »Gün­ter oder Jür­gen von der Bun­des­wehr« be­kannt sei. Kluss be­rich­te­te das Er­geb­nis dem MAD-Chef und emp­fahl »wei­te­re Er­mitt­lun­gen«, doch die Spit­ze des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums un­ter dem CDU-Mann Man­fred Wör­ner ent­ließ Kieß­ling, ohne den Ver­dacht wei­ter prü­fen zu las­sen. Der Ge­ne­ral wehr­te sich, und die Re­gie­rung un­ter Kanz­ler Hel­mut Kohl kämpf­te mit dem bis da­hin größ­ten Skan­dal ih­rer Amts­zeit. Am Ende muss­te Kieß­ling wie­der ein­ge­stellt wer­den. Nach ei­ner kur­zen Zu­falls­be­geg­nung 1992 in Mos­kau zo­gen die bei­den Pen­sio­nä­re Kieß­ling und Kluss 2004 bei ei­nem »Ver­söh­nungs­bier« ei­nen emo­tio­na­len Schluss­strich un­ter die Af­fä­re. Heinz Kluss starb am 17. Ja­nu­ar in Bonn.

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