Nach­rufe

Jimmy Schulz, 51

Mit sei­ner Fir­ma be­trieb er einst im Eng­li­schen Gar­ten in Mün­chen das ers­te öf­fent­li­che WLAN-Netz der Bun­des­re­pu­blik. Der Di­gi­tal­pio­nier war auch der ers­te Ab­ge­ord­ne­te, der eine Rede vom Ta­blet ab­las – was ihm erst ei­nen Rüf­fel des Prä­si­di­ums und sei­nem iPad spä­ter ei­nen Platz im Bon­ner Haus der Ge­schich­te be­scher­te. In sei­nem Wahl­kreis fuhr der FDP-Po­li­ti­ker Jim­my Schulz stets über­durch­schnitt­li­che Er­geb­nis­se ein, trotz­dem flog er 2013 mit den Li­be­ra­len aus dem Bun­des­tag. Kurz nach dem Wie­der­ein­zug 2017 wur­de bei ihm Bauch­spei­chel­drü­sen­krebs dia­gnos­ti­ziert. Die Di­gi­tal­po­li­tik in Deutsch­land wur­de wei­ter von ihm mit­ge­stal­tet. Fünf Mo­na­te vor sei­nem Tod mach­te er sei­ne Krank­heit in ei­nem SPIEGEL-Ge­spräch öf­fent­lich und be­rühr­te vie­le mit sei­ner di­rek­ten Art: »Es ist in Ord­nung, dass ich ster­be.« Jim­my Schulz starb am 25. No­vem­ber in Mün­chen.

Friedhelm Werremeier, 89

Er ar­bei­te­te als Jour­na­list für ver­schie­de­ne Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, ver­öf­fent­lich­te 1968 ein Buch über den Kin­der­mör­der Jür­gen Bartsch (»Bin ich ein Mensch für den Zoo?«) und ver­fass­te das Dreh­buch für den ers­ten Tat­ort (»Taxi nach Leip­zig«, 1970). Fried­helm Wer­re­mei­er ent­wi­ckel­te die Fi­gur des Kom­mis­sars Trim­mel und wur­de zu ei­nem prä­gen­den Au­tor der Se­rie. Denn er nahm die Kri­mi­nal­fäl­le zum An­lass, sich den Zu­stand der Ge­sell­schaft nä­her an­zu­schau­en. Ihm ging es nicht nur dar­um zu er­zäh­len, wie Tä­ter ge­jagt und ge­fasst wer­den, er woll­te sie ver­ste­hen, ihr In­nen­le­ben er­kun­den. Im­mer wie­der be­schäf­tig­te er sich in Sach­bü­chern mit Mehr­fach­mör­dern wie Fritz Haar­mann. Der Au­tor war of­fen­bar der An­sicht, dass man die wirk­lich wich­ti­gen Tex­te nicht an­de­ren über­las­sen darf. Des­halb ver­fass­te er zu Leb­zei­ten auch sei­ne ei­ge­ne Trau­er­an­zei­ge: »Un­ter dem Strich hat­te ich ein sehr er­füll­tes und schö­nes Le­ben.« Fried­helm Wer­re­mei­er starb am 14. No­vem­ber.

William Ruckelshaus, 87

Es war ein Sams­tag im Ok­to­ber 1973, der ihn be­rühmt mach­te. Wil­li­am Ru­ckels­haus hat­te den Pos­ten des stell­ver­tre­ten­den Jus­tiz­mi­nis­ters inne. Der da­ma­li­ge US-Prä­si­dent Ri­chard Ni­xon stand in der Wa­ter­ga­te-Af­fä­re un­ter Druck und for­der­te sei­nen Jus­tiz­mi­nis­ter auf, den Son­der­er­mitt­ler Ar­chi­bald Cox zu feu­ern. Der Mi­nis­ter wei­ger­te sich, und so soll­te Ru­ckels­haus die Kün­di­gung aus­spre­chen – auch er lehn­te ab. Bei­de Be­am­te ver­kün­de­ten dar­auf­hin ih­ren Rück­tritt. Rund zehn Mo­na­te nach je­nem Ok­to­ber­sams­tag, des­sen Er­eig­nis­se als »Sa­tur­day Night Mas­sa­cre« in die Ge­schich­te ein­gin­gen, trat Ni­xon zu­rück. Ru­ckels­haus sag­te spä­ter, er be­reue nichts. Die Kar­rie­re des Ju­ris­ten war da­mit nicht be­en­det. Er hat­te un­ter Ni­xon die Um­welt­be­hör­de EPA als de­ren ers­ter Lei­ter auf­ge­baut. Nach der Wa­ter­ga­te-Af­fä­re nahm er ei­nen Job in der Füh­rungs­eta­ge ei­nes Holz­kon­zerns an. Der Wa­ter­ga­te-Skan­dal ließ Ru­ckels­haus bis zu­letzt nicht los. Als sich Do­nald Trump im Zuge der Russ­lan­der­mitt­lun­gen über den Son­der­er­mitt­ler Ro­bert Mu­el­ler auf­reg­te, warn­te Ru­ckels­haus den Prä­si­den­ten da­vor, Mu­el­ler zu ent­las­sen: Ni­xon habe nicht nur die Er­mitt­lun­gen be­hin­dert. Er habe auch da­für ge­sorgt, dass sich Zy­nis­mus im Land aus­brei­te­te. Auch das sei Ni­xons Erbe, so Ru­ckels­haus: »Ein Prä­si­dent, der nie­mals zu­ge­ben wird, dass er eine Un­wahr­heit ver­brei­tet hat, und ein Kon­gress, der nur eine par­tei­ische Ver­si­on der Wahr­heit ver­folgt.« Wil­li­am Ru­ckels­haus starb am 27. No­vem­ber in Se­at­tle.

Jonathan Miller, 85

Der bri­ti­sche Arzt, Re­gis­seur, Ku­ra­tor und Au­tor ist ein ein­drucks­vol­les Bei­spiel für all die Mög­lich­kei­ten, die das Le­ben für ei­nen ta­len­tier­ten Men­schen be­reit­hält. Nach­dem er in den Fünf­zi­ger­jah­ren in Cam­bridge Me­di­zin stu­diert hat­te, ar­bei­te­te Jo­na­than Mil­ler für kur­ze Zeit im Kran­ken­haus; den Schicht­dienst nutz­te er, um als Büh­nen­schau­spie­ler auf­zu­tre­ten. Sein In­ter­es­se am Thea­ter war bald so groß, dass er den Be­ruf als Arzt auf­gab und über vie­le Jah­re als Re­gis­seur ar­bei­te­te. Mil­lers Auf­füh­run­gen von Shake­speare-Stü­cken am Na­tio­nal Thea­t­re wur­den in den Sech­zi­ger­jah­ren in Eng­land ge­fei­ert, in den Sieb­zi­gern be­gann Mil­ler Opern zu in­sze­nie­ren. Par­al­lel dazu schrieb und prä­sen­tier­te er in der BBC Do­ku­men­ta­tio­nen über sei­ne Kar­rie­re als Arzt und Künst­ler; sei­ne Se­rie über die Ge­schich­te des Athe­is­mus er­reg­te viel Be­ach­tung; 2007 ku­ra­tier­te er die Aus­stel­lung »Ca­mou­fla­ge« im Im­pe­ri­al War Mu­se­um. Der Neu­ro­lo­ge und Best­sel­ler­au­tor Oli­ver Sacks, der mit Mil­ler zur Schu­le ge­gan­gen war, ver­dank­te ihm nach ei­ge­ner Aus­sa­ge die In­spi­ra­ti­on für sein welt­weit er­folg­rei­ches Buch »Awa­ke­nings. Zeit des Er­wa­chens«. Jo­na­than Mil­ler starb am 27. No­vem­ber in Lon­don.

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