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Familienalbum

Kopfnuss, 1969

Theo­dor Lüp­ke-Nar­ber­haus, 65: Das Foto hat im­mer auf ei­nem Re­gal in mei­nem Ar­beits­zim­mer ge­stan­den, zwi­schen den Bü­chern. Viel­leicht, weil es mein Le­ben ver­än­dert hat. Es muss 1969 ge­we­sen sein, neun­te Klas­se, mein Kum­pel Rein­hard hat­te die Voigt­län­der-Ka­me­ra un­ter dem La­tein­buch ver­steckt. Wir wa­ren ja in der Foto-AG. In Clop­pen­burg war das ein­zi­ge Gym­na­si­um weit und breit das Cle­mens-Au­gust, mit ex­ter­nem ka­tho­li­schem In­ter­nat. Da war ich drauf und soll­te mög­lichst Pries­ter wer­den. Als Bau­ern­kind konn­te man froh sein, auf das Gym­na­si­um zu kom­men. Es war völ­lig nor­mal, ge­schla­gen zu wer­den. Da­bei wa­ren wir aus­ge­wach­se­ne Ker­le, aber das hat die Leh­rer nicht in­ter­es­siert. Der La­tein­leh­rer hat­te sei­ne ei­ge­ne Tech­nik. Der pack­te mit zwei Fin­gern der lin­ken Hand das Haar ober­halb der Schlä­fe und schlug mit der rech­ten hin­ter den Kopf. Lan­ge Haa­re wa­ren nicht er­laubt. Im­mer wie­der wur­de ge­schla­gen. Wenn man beim Ci­ce­ro nicht mehr die rich­ti­ge Zei­le wuss­te, wenn die Über­set­zung nicht kor­rekt war. Das reich­te schon. Ich spü­re die­se Hand noch im­mer. In der Volks­schu­le gab es ei­nen Leh­rer, bei dem konn­te man sich Gut­schrif­ten ab­ho­len, fünf Schlä­ge auf Vor­rat. Das war da­mals so. Mehr weh­ge­tan hat die psy­chi­sche Ge­walt. Die Sprü­che, wenn man vorn an der Ta­fel stand. Den El­tern hat man nichts ge­sagt, die hät­ten uns nicht ge­glaubt. Un­se­re Leh­rer wa­ren ja al­les Hu­ma­nis­ten mit ei­nem Dr. vor dem Na­men. Das wa­ren Re­spekts­per­so­nen bei uns auf dem Land, wie Ärzte. Wir woll­ten die­sen Leh­rer ir­gend­wie zur Re­chen­schaft zie­hen, des­we­gen das Foto. Als Be­weis, da­mit er spä­ter be­straft wür­de. Aber es ist nie et­was pas­siert. Wir wä­ren so­fort von der Schu­le ge­flo­gen, wenn wir da­mit zum Di­rek­tor ge­gan­gen wä­ren. Nach dem Abi hat­te ich die Nase ge­stri­chen voll von Schu­le. Aber dann bin ich selbst Leh­rer ge­wor­den, Haupt- und Re­al­schu­le, wo die Schü­ler am ehes­ten Hil­fe brau­chen. Ich woll­te wohl zei­gen, dass es auch an­ders geht. Ex­akt 42 Jah­re lang bin ich dann als Leh­rer in der Schu­le ge­we­sen, bis vor ei­nem Vier­tel­jahr, als sich die Pen­sio­nie­rung nicht mehr hin­aus­schie­ben ließ. Wirt­schaft, Sport und Wer­ken, das wa­ren mei­ne Fä­cher. Und die Foto-AG. Dass die­ser Leh­rer auf dem Foto da­mals da­mit durch­ge­kom­men ist, treibt mich im­mer noch um. Er ist in­zwi­schen ver­stor­ben.

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