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Ernst Augustin, 92

Er wäre ja fast wirk­lich be­rühmt ge­wor­den, da­mals, 1966, bei der Ta­gung der Grup­pe 47 in Prin­ce­ton. Alle lob­ten sei­nen Vor­trag, der deut­sche Schrift­stel­ler war um­schwärmt, die Kar­rie­re konn­te jetzt wirk­lich los­ge­hen. Doch dann kam Pe­ter Hand­ke, be­schimpf­te alle – und Ernst Au­gus­tin war ver­ges­sen. Dar­un­ter zu lei­den fiel ihm gar nicht ein. Er dach­te sich lie­ber neue Wel­ten aus. Im schle­si­schen Hirsch­berg ge­bo­ren, stu­dier­te Au­gus­tin nach dem Krieg in Ost-Ber­lin Me­di­zin, ar­bei­te­te eine Wei­le in ei­nem Wüs­ten­kran­ken­haus in Af­gha­nis­tan, reis­te durch In­di­en, leb­te ei­ni­ge Zeit in Cos­ta Rica und ließ sich schließ­lich in Mün­chen nie­der. 1962 de­bü­tier­te er mit dem Fan­ta­sie­ro­man »Der Kopf«, in dem sein Prot­ago­nist Tür­mann sich Hel­den er­träumt. Mit 80 Jah­ren hat sich der Sal­sa­t­än­zer Au­gus­tin in sei­nem Kel­ler eine Dis­co ein­ge­rich­tet. Bei ei­ner Hirn­ope­ra­ti­on büß­te er sei­ne Seh­kraft ein. Und räch­te sich da­für am Ope­ra­teur in ei­nem Ro­man. Au­gus­tin war der sel­te­ne Fall ei­nes deut­schen ma­gi­schen Rea­lis­ten. Auf den Tod sei er nicht sehr neu­gie­rig, hat er ge­sagt, »ob­wohl es wahr­schein­lich ein un­glaub­li­ches Er­leb­nis ist«. Ernst Au­gus­tin starb am 3. No­vem­ber in Mün­chen.

Helmut Richter, 85

Es war fast schon tra­gisch, dass ein ein­zi­ges Ge­dicht sein le­bens­lan­ges Schaf­fen so deut­lich über­strahlt hat. Hel­mut Rich­ter ist der Au­tor des Tex­tes »Über sie­ben Brü­cken mußt du gehn«, den die DDR-Band Ka­rat ver­ton­te und der zu ei­nem Hit wur­de, ge­co­vert auch von Pe­ter Maf­fay und José Car­re­ras. Die Ver­se wa­ren ein Aus­druck des­sen, was Rich­ters Le­ben aus­mach­te: Nach Kriegs­en­de muss­te er als Elf­jäh­ri­ger mit sei­ner Mut­ter aus dem da­ma­li­gen Su­de­ten­land flüch­ten; sie stran­de­ten in Sach­sen-An­halt; Rich­ter ver­dien­te Geld als Land­ar­bei­ter und mach­te eine Leh­re als Ma­schi­nen­schlos­ser, be­vor er sein Ab­itur nach­hol­te und in Leip­zig Phy­sik stu­dier­te. Eine Zeit lang ar­bei­te­te er als Prü­fungs­in­ge­nieur, doch An­fang der Sech­zi­ger­jah­re ent­deck­te er die Li­te­ra­tur für sich, stu­dier­te am re­nom­mier­ten Jo­han­nes-R.-Be­cher-In­sti­tut. Hier lehr­te Rich­ter spä­ter, und nach der Wen­de lei­te­te er es für drei Jah­re, da­mals hieß es schon Deut­sches Li­te­ra­tur­in­sti­tut Leip­zig. Er schrieb Pro­sa, Re­por­ta­gen, Hör­spie­le, doch vor al­lem lag ihm an der Ly­rik. Hel­mut Rich­ter starb am 3. No­vem­ber in Leip­zig.

Marie Laforêt, 80

Die fran­zö­sisch­stäm­mi­ge Sän­ge­rin und Schau­spie­le­rin hat­te 1973 mit dem Song »Vi­ens, vi­ens« ei­nen ih­rer größ­ten Hits. Das Lied über ein Mäd­chen, das sei­nen Va­ter an­fleht, zur Fa­mi­lie zu­rück­zu­keh­ren, hät­te leicht rühr­se­lig wir­ken kön­nen. Ma­rie La­forêt je­doch, kühl und zu­gleich emo­tio­nal, mach­te dar­aus eine gro­ße Bal­la­de, die zu Her­zen ging. Auch in ih­ren Ki­no­rol­len wirk­te sie oft dis­tan­ziert, manch­mal fast ent­rückt. Schon in ih­rem Ki­no­de­büt »Nur die Son­ne war Zeu­ge« (1960), im Al­ter von 20 Jah­ren, bot sie auf die­se Wei­se den männ­li­chen Stars Alain De­lon und Mau­rice Ro­net mü­he­los Pa­ro­li. Ein Ver­gnü­gen, wie läs­sig und lus­tig sie in »Der Wind­hund« (1979) eine rei­che Ro­man­au­to­rin spiel­te und ei­nen coo­len Kom­mis­sar (Jean-Paul Bel­mon­do) im Nu dazu brach­te, ihr bei ei­ner Au­to­pan­ne den Rei­fen zu wech­seln. Sie wirk­te in TV-Se­ri­en mit, war ein ge­fei­er­ter Thea­ter­star und sang mit ih­rer rau­chig-sanf­ten Stim­me Co­ver­ver­sio­nen von Hits wie »The Sound of Si­lence«. Ma­rie La­forêt starb am 2. No­vem­ber im schwei­ze­ri­schen Ge­no­lier.

Sophinette Becker, 68

Ta­bus schreck­ten sie nicht. Die Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin So­phinet­te Be­cker pro­mo­vier­te mit ei­ner Ar­beit, die sie »Die Un­ord­nung der Ge­schlech­ter« nann­te. Ge­schlechts­iden­ti­tät, aber auch Per­ver­sio­nen bei Män­nern und Frau­en so­wie der Wan­del von Se­xua­li­tät in­ter­es­sier­ten Be­cker ihr For­sche­rin­nen­le­ben lang. Als im Jahr 2010 im Zu­sam­men­hang mit dem Miss­brauchsskan­dal an der Oden­wald­schu­le eine öf­fent­li­che De­bat­te um den Um­gang mit Pä­do­se­xua­li­tät ge­führt wur­de, leis­te­te Be­cker kri­ti­sche Bei­trä­ge. Sie wünsch­te sich we­ni­ger »Ent­hül­lungs­pa­thos und Tun­nel­blick«, mehr Kon­zen­tra­ti­on auf Ten­den­zen wie die Se­xua­li­sie­rung von Kin­dern, um se­xu­el­len Miss­brauch zu ver­hin­dern, sag­te sie in ei­nem In­ter­view. Be­cker ar­bei­te­te un­ter Volk­mar Si­gusch am In­sti­tut für Se­xu­al­wis­sen­schaft der Uni­ver­si­tät Frank­furt. Als der Doy­en der deut­schen Se­xu­al­for­schung 2006 eme­ri­tier­te, wur­de das In­sti­tut ge­schlos­sen, Be­cker lei­te­te die se­xu­al­me­di­zi­ni­sche Am­bu­lanz der Uni­kli­nik al­lein wei­ter. Dort fan­den zum Bei­spiel Men­schen Hil­fe, die ihr bio­lo­gi­sches Ge­schlecht als falsch emp­fan­den und eine Ope­ra­ti­on in Er­wä­gung zo­gen. Da­bei stand Be­cker der Idee, das Ge­schlecht sei ein rein so­zia­les Kon­strukt, ab­leh­nend ge­gen­über, Dog­ma­tis­mus war ihr fremd: »Ich will, dass wir ver­schie­den sind, in tau­send Ei­gen­schaf­ten ver­schie­den. Ich will nur kei­ne Hier­ar­chie.« So­phinet­te Be­cker starb am 24. Ok­to­ber in Frank­furt am Main.

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