Nach­rufe

Dina Ugorskaja, 46

Sie sei eine »Phi­lo­so­phin am Kla­vier«, schrieb ein­mal ein be­geis­ter­ter Kri­ti­ker. Tat­säch­lich hat Dina Ugorska­ja als Pia­nis­tin je­des Stück ih­res Re­per­toires zu­nächst bis ins De­tail ana­ly­siert, um es dann mit gro­ßer emo­tio­na­ler Kraft und un­glaub­li­cher Vir­tuo­si­tät vor­zu­tra­gen. Bach und Beet­ho­ven, Mo­zart und Schosta­ko­witsch wa­ren ihre Fa­vo­ri­ten. Sie lieb­te die Kam­mer­mu­sik, aber auch die gro­ße Büh­ne. Mit 14 Jah­ren be­stritt sie in ih­rer Hei­mat­stadt Le­nin­grad ih­ren ers­ten Auf­tritt mit Or­ches­ter, Beet­ho­vens 4. Kla­vier­kon­zert. 1990 ver­ließ sie mit ih­ren El­tern – dem Pia­nis­ten Ana­tol Ugor­ski und der Mu­sik­wis­sen­schaft­le­rin Maja Elik – die So­wjet­uni­on und zog nach Ber­lin, nach­dem die Fa­mi­lie von der an­ti­se­mi­ti­schen Or­ga­ni­sa­ti­on Pamjat mas­siv be­droht wor­den war. In Deutsch­land setz­te Ugorska­ja ihr Kla­vier- und Kom­po­si­ti­ons­stu­di­um fort, bald schon folg­ten Auf­trit­te mit nam­haf­ten Or­ches­tern in ganz Eu­ro­pa, CD-Auf­nah­men so­wie Auf­füh­run­gen ih­rer ei­ge­nen Wer­ke. Seit 2016 lehr­te sie als Pro­fes­so­rin für Kla­vier in Wien. Dina Ugorska­ja starb am 17. Sep­tem­ber in Mün­chen an Krebs.

Rudi Gutendorf, 93

Sei­ne schöns­te Sta­ti­on als Fuß­ball­trai­ner sei Ru­an­da ge­we­sen, sag­te er. Die Bun­des­re­gie­rung habe ihn nach dem Völ­ker­mord 1999 dort­hin ge­schickt: »Ich hat­te ver­fein­de­te Hutu und Tut­si in der Mann­schaft, ih­nen habe ich ge­sagt: Ra­che und Wut un­ter­ein­an­der ha­ben kei­nen Zweck, sonst fliegt ihr hier raus.« Spä­ter hät­ten sie nach ei­nem Sieg ge­mein­sam mit den Zu­schau­ern im Sta­di­on ge­fei­ert. Rudi Gu­ten­dorf hat­te im­mer Ge­schich­ten zu er­zäh­len: über die Kraft des Fuß­balls, über sei­ne Er­leb­nis­se als Trai­ner, über sich selbst. Er be­treu­te Mann­schaf­ten auf al­len Kon­ti­nen­ten, war Po­kal­sie­ger in Peru und Meis­ter in Ja­pan, Na­tio­nal­trai­ner in Chi­na und Sim­bab­we. Und er trai­nier­te die Bun­des­li­gis­ten VfB Stutt­gart, Schal­ke 04 und den Ham­bur­ger SV, ne­ben vie­len an­de­ren. Am Ende kehr­te er in sei­ne Hei­mat zu­rück. 2016, da­mals schon 90 und mit brü­chi­ger Stim­me, küm­mer­te er sich in sei­ner 56. Sta­ti­on als Trai­ner um eine Mann­schaft aus Flücht­lin­gen in Ko­blenz. Rudi Gu­ten­dorf starb am 13. Sep­tem­ber.

György Konrád, 86

Für den Um­gang mit Ost­eu­ro­pa emp­fahl der ge­lern­te Psy­cho­lo­ge aus Un­garn in ei­nem Ge­spräch mit dem SPIEGEL 1992 »ei­nen ge­wis­sen the­ra­peu­ti­schen Hu­mor«. Im To­ta­li­ta­ris­mus zu le­ben, ohne Schuld auf sich zu la­den, sei »viel­leicht nie­man­dem« mög­lich ge­we­sen. In sei­nen Ro­ma­nen und Es­says spür­te der viel­fach aus­ge­zeich­ne­te Au­tor den Ver­wer­fun­gen des 20. Jahr­hun­derts nach; sei­ne Spra­che war poe­tisch, prä­zi­se und im­mer am Er­le­ben des Ein­zel­nen ori­en­tiert. Ein gro­ßer Teil von Györ­gy Kon­ráds Fa­mi­lie – gut si­tu­ier­te jü­disch-un­ga­ri­sche Pa­trio­ten – wur­de im Ho­lo­caust er­mor­det. Nach 1956 ar­bei­te­te Kon­rád zu­nächst als So­zi­al­ar­bei­ter und So­zio­lo­ge. Ein Es­say brach­te ihm 1974 eine Ver­haf­tung ein; welt­wei­te Pro­tes­te hat­ten das An­ge­bot zur Aus­rei­se zur Fol­ge, was Kon­rád ab­lehn­te; fort­an konn­te er Rei­sen in den Wes­ten un­ter­neh­men. 1997 wur­de der mü­he­los deutsch spre­chen­de Kon­rád Prä­si­dent der Ber­lin-Bran­den­bur­gi­schen Aka­de­mie der Küns­te. Das Ber­li­ner Ho­lo­caust-Mahn­mal emp­fand er als »gna­den­lo­sen oder di­dak­ti­schen Kitsch«; er kri­ti­sier­te das Ein­grei­fen der Nato in Ju­go­sla­wi­en und eta­blier­te die Wahr­neh­mung Mit­tel­eu­ro­pas als viel­ge­stal­ti­gen und tra­di­ti­ons­rei­chen po­li­ti­schen Raum. »Mei­ne Welt­an­schau­ung«, heißt es im au­to­bio­gra­fi­schen Ro­man »Glück« von 2003, »ist eine eklek­ti­sche ge­we­sen, an ir­gend­wel­che er­lern­ba­ren Leh­ren woll­te ich mich nicht hal­ten. Um­her­schwei­fen und Be­hut­sam­keit, an­dern­tags Kor­rek­tur der Über­trei­bun­gen.« Györ­gy Kon­rád, drei­mal ver­hei­ra­tet und fünf­fa­cher Va­ter, starb am 13. Sep­tem­ber in Bu­da­pest.

Zine el-Abidine Ben Ali, 83

So­lan­ge es Fo­tos von ihm gab, trug er sein Haar un­na­tür­lich dun­kel ge­färbt. Er woll­te im­mer jün­ger sein, als er war, mit fast 70 wur­de er noch ein­mal Va­ter. 23 Jah­re lang re­gier­te Zine el-Abidi­ne Ben Ali Tu­ne­si­en. An die Macht hat­te sich der ehe­ma­li­ge Mi­li­tär 1987 selbst ge­putscht: Als Pre­mier ließ er sie­ben Ärzte er­klä­ren, der am­tie­ren­de Staats­prä­si­dent Ha­bib Bour­gui­ba sei nicht mehr in der Lage, sei­ne Funk­tio­nen aus­zu­üben. Wer da­mals auf ein ge­rech­te­res, neu­es Tu­ne­si­en ge­hofft hat­te, wur­de ent­täuscht. Zwar schätz­ten die Eu­ro­pä­er den neu­en Prä­si­den­ten, weil er die Is­la­mis­ten im Land be­kämpf­te, den Frau­en neue Rech­te ein­räum­te und das Land wirt­schaft­lich vor­an­brach­te. Zu Hau­se aber war der kor­rup­te Herr­scher, der sei­ne gan­ze Fa­mi­lie auf Kos­ten des tu­ne­si­schen Vol­kes be­rei­cher­te, zu­tiefst ver­hasst. Über 200 Fir­men ge­hör­ten dem Ben-Ali-Clan. Im Ara­bi­schen Früh­ling schlug ihm die­ser Hass un­ver­hoh­len ent­ge­gen, flucht­ar­tig ver­ließ er 2011 das Land, um ins sau­di-ara­bi­sche Exil zu ge­hen. Zine el-Abidi­ne Ben Ali starb am 19. Sep­tem­ber in Dschi­d­da.

Sie lesen die Vorschau

Sie haben diese Ausgabe bereits gekauft oder ein digitales Abo? Dann melden Sie sich mit Ihrer SPIEGEL-ID an, um den vollständigen Artikel zu lesen. MIT SPIEGEL+ LESEN – GRATIS TESTEN

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 39/2019.