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Robert Mugabe, 95

Er ge­hör­te zu den afri­ka­ni­schen Staats­chefs, die am längs­ten an der Macht wa­ren. 37 Jah­re lang re­gier­te er Sim­bab­we, zu­nächst als Pre­mier, dann als Prä­si­dent. In den ers­ten Jah­ren wur­de er als Be­frei­ungs­kämp­fer ge­fei­ert, der das bri­ti­sche Ko­lo­ni­al­re­gime über­wun­den hat­te und sein Land 1980 in die Un­ab­hän­gig­keit führ­te. Doch schon bald ver­wan­del­te er sich in ei­nen Dik­ta­tor, des­sen Ein­par­tei­en­re­gime Sim­bab­we rui­nier­te. Nach sei­nem Sturz 2017 tanz­ten die Men­schen in den Stra­ßen. Ro­bert Ga­bri­el Mu­ga­be wur­de 1924 als Sohn ei­nes Ta­ge­löh­ners ge­bo­ren, be­such­te eine Mis­si­ons­schu­le, stu­dier­te in Süd­afri­ka, ar­bei­te­te als Leh­rer in Gha­na. Ab 1960 ging er in den be­waff­ne­ten Wi­der­stand ge­gen die Ko­lo­ni­al­her­ren. Er saß zehn Jah­re lang im Ge­fäng­nis, wur­de ge­fol­tert. Die Miss­hand­lun­gen ver­gaß er nie. Im Jahr 2000 ließ er 4000 wei­ße Far­mer ver­trei­ben. Im­mer bru­ta­ler ging er ge­gen Re­gime­geg­ner vor und schien bis in alle Ewig­keit herr­schen zu wol­len. Am 6. Sep­tem­ber ist er mit 95 Jah­ren ver­bit­tert in Sin­ga­pur ge­stor­ben. Der neue Prä­si­dent Em­mer­son Mnan­gag­wa, der den Putsch ge­gen den Des­po­ten an­ge­führt hat­te, adel­te Ro­bert Mu­ga­be post mor­tem zum Na­tio­nal­hel­den.

T. Boone Pickens, 91

Der Han­del mit Öl mach­te ihn zu ei­nem der reichs­ten Män­ner der USA, trotz­dem setz­te sich Pi­ckens für er­neu­er­ba­re En­er­gi­en ein. Dass ein te­xa­ni­scher Ölba­ron für Wind­kraft warb und im Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf 2008 vor ei­nem En­er­gi­e­not­stand in Ame­ri­ka warn­te, wirk­te et­was skur­ril. In ers­ter Line sorg­te sich Pi­ckens nicht um die Um­welt, son­dern um den stei­gen­den Ölver­brauch der USA und die da­durch ver­ur­sach­te Ab­hän­gig­keit von an­de­ren Län­dern. In sei­nem »Pi­ckens-Plan« schlug er vor, ei­nen Kor­ri­dor mit Wind­kraft­an­la­gen durch das Land zu bau­en, von Te­xas bis nach North Da­ko­ta. An den Kos­ten von ge­schätzt zwei Mil­li­ar­den Dol­lar woll­te er sich mit 58 Mil­lio­nen aus sei­nem ei­ge­nen Ver­mö­gen be­tei­li­gen. Ins­ge­samt soll er im Lau­fe der Zeit eine Mil­li­ar­de Dol­lar ge­spen­det ha­ben, un­ter an­de­rem für den Wahl­kampf von Re­pu­bli­ka­nern wie Ge­or­ge W. Bush und Do­nald Trump. T. Boo­ne Pi­ckens starb am 11. Sep­tem­ber in Dal­las.

Robert Frank, 94

Fern sei­ner Hei­mat ent­wi­ckel­te sich der ge­bür­ti­ge Schwei­zer zu ei­nem zeit­wei­se um­strit­te­nen, schließ­lich aber be­wun­der­ten Fo­to­gra­fen. 1947 war er nach New York ge­zo­gen, be­warb sich ei­ni­ge Jah­re spä­ter mit Er­folg für ein Sti­pen­di­um und in­ves­tier­te das Geld in eine Rei­se durchs Land, er woll­te mit sei­ner Lei­ca fo­to­gra­fie­ren, »was da ist«. Er ver­öf­fent­lich­te den Band »The Ame­ri­cans«, an­fangs in Eu­ro­pa, 1959 auch in den USA, und die fast schnod­de­ri­ge Bild­spra­che wur­de zu­nächst als Be­lei­di­gung emp­fun­den, Ame­ri­ka strahl­te auf die­sen Fo­tos ein­fach nicht. Doch sein sub­jek­ti­ver, un­ver­stell­ter Zu­gang wur­de rich­tung­wei­send. Frank ex­pe­ri­men­tier­te wei­ter, dreh­te Fil­me. An sei­nem ers­ten ar­bei­te­te sein gu­ter Freund, der Beat-Schrift­stel­ler Jack Kerou­ac, mit, der auch ei­nen Text für »The Ame­ri­cans« ver­fasst hat­te. Die Rol­ling Sto­nes ver­wen­de­ten 1972 eine von Franks Auf­nah­men für ein Al­bum­co­ver, an­schlie­ßend be­auf­trag­te ihn die Band mit ei­ner fil­mi­schen Do­ku­men­ta­ti­on ei­ner Tour­nee – die Rea­li­täts­nä­he aber jag­te den Mu­si­kern ei­nen Schre­cken ein. An­geb­lich stör­ten sie die Sze­nen, in de­nen Dro­gen vor­ka­men. Wo­mög­lich scho­ckier­te sie noch mehr, wie über­zeu­gend Frank die Trost­lo­sig­keit vie­ler Tour­mo­men­te ein­ge­fan­gen hat­te. Ihre Auf­la­ge: Er durf­te den Film nur vier­mal pro Jahr vor­füh­ren las­sen, und auch nur, wenn er selbst an­we­send war. Für Frank war ne­ben dem hek­ti­schen New York das länd­li­che Ka­na­da zur neu­en Hei­mat ge­wor­den. Zur Tra­gö­die sei­nes Le­bens wur­de das Schick­sal sei­ner bei­den Kin­der, die lan­ge vor ihm star­ben, die Toch­ter mit 20 Jah­ren bei ei­nem Flug­zeug­ab­sturz, der Sohn be­ging Selbst­mord. Ro­bert Frank starb am 9. Sep­tem­ber im ka­na­di­schen In­ver­ness.

Rada Biller, 89

Ge­flo­hen ist sie, vie­le Jah­re lang, aus vie­len Le­ben, vie­len Län­dern, vie­len Spra­chen. Rada Bil­ler wur­de 1930 in Baku als Jü­din ge­bo­ren. 1937 ging es nach Mos­kau und 1943 in die ver­nich­te­te Stadt Sta­lin­grad. Als der Krieg vor­bei war, stu­dier­te sie Wirt­schafts­geo­gra­fie in Mos­kau und zog mit ih­rem Mann Sem­jon Bil­ler nach Prag. Dort er­leb­te sie die Nie­der­schla­gung des Pra­ger Früh­lings und zog schließ­lich nach Deutsch­land. Ihre Kin­der Ele­na Lap­pin und Ma­xim Bil­ler wur­den Schrift­stel­ler und be­rühmt. Aber viel­leicht war sie der poe­tischs­te Mensch der Fa­mi­lie. Wer sie ken­nen­lern­te, in­mit­ten der lau­ten, tur­bu­len­ten Dich­ter­fa­mi­lie, muss­te sie lie­ben. Sie schrieb groß­ar­ti­ge Bü­cher, »Me­lo­nen­scha­le« (2003), ihr schöns­tes, ist der Ro­man ih­res Le­bens. Ein schwe­res Le­ben, »aber«, so hat sie ein­mal ge­sagt, »ich habe mei­nen Kin­dern im­mer das Ge­fühl ge­ge­ben, jetzt wird das Le­ben nicht schwer, son­dern auf­re­gend«. Rada Bil­ler starb am 10. Sep­tem­ber in Ham­burg.

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