Nach­rufe

Hildegard Kempowski, 84

»Tanz­stun­de. Fräu­lein Jans­sen nach Hau­se ge­bracht.« So no­tier­te es Wal­ter Kem­pow­ski im No­vem­ber 1956. Der spä­te­re Schrift­stel­ler war im März aus der DDR in die Bun­des­re­pu­blik ge­kom­men. Acht Jah­re Haft als po­li­ti­scher Häft­ling im Zucht­haus Baut­zen la­gen hin­ter ihm. Es sei, schrieb er zu Be­ginn des Jah­res 1957, »ein wah­rer Se­gen, daß ich Hil­de­gard ge­fun­den habe, so ist das Le­ben über­haupt erst le­bens­wert«. Die in Bre­men ge­bo­re­ne Pfar­rers­toch­ter Hil­de­gard Jans­sen traf er in Göt­tin­gen, wo bei­de sich auf den Be­ruf als Grund­schul­leh­rer vor­be­rei­te­ten. Dass er mehr woll­te, wuss­te sie: Er las ihr re­gel­mä­ßig aus ei­nem bis heu­te un­ver­öf­fent­lich­ten Ro­man vor.

Sherman Poppen, 89

Sei­ne Ge­schich­te ist rüh­rend ame­ri­ka­nisch: An ei­nem Weih­nachts­tag 1965 schick­te sei­ne hoch­schwan­ge­re Frau Nan­cy ihn und die bei­den klei­nen, wil­den Töch­ter aus dem Haus. Sher­man Pop­pen, In­ha­ber ei­ner Fir­ma für In­dus­trietanks und Schwei­ßer­zu­be­hör, ließ sei­nen Blick über die sanft ver­schnei­ten Dü­nen am Lake Mi­chi­gan schwei­fen und muss­te ans Sur­fen den­ken, ei­nen Sport, den er zu gern be­herrscht hät­te. Aus zwei Kin­der­ski­ern bas­tel­te er dann ei­nen »Snur­fer« – Snow und Surf –, und nicht nur sei­ne Töch­ter wa­ren be­geis­tert. Pop­pen ver­bes­ser­te die Kon­struk­ti­on des Bretts, mit dem über Schnee ge­glit­ten wer­den konn­te, er­hielt 1968 sein Pa­tent da­für, und bald wa­ren Hun­dert­tau­sen­de der Tei­le ver­kauft, die als eine der Ur­for­men des Snow­boards, ohne Fuß­bin­dung, gel­ten. Sei­ne Er­fin­dung mach­te den »Groß­va­ter des Snow­boards« zum Hel­den des mo­der­nen Win­ter­sports, der seit 1998 eine olym­pi­sche Dis­zi­plin ist. Die Fir­ma, die den Snur­fer in Li­zenz bau­te und ver­trieb, habe nie ge­nug Wer­bung ge­macht, be­klag­te Pop­pen spä­ter. Reich wur­de er nicht. Das Snow­boar­den gab er im Al­ter von 78 Jah­ren we­gen Rü­cken­pro­ble­men auf. Sher­man Pop­pen starb am 31. Juli in Grif­fin, Geor­gia.

Nancy Kienholz, 75

Die Po­li­zis­ten­toch­ter aus Los An­ge­les ver­dien­te ih­ren Le­bens­un­ter­halt in jun­gen Jah­ren als Hun­de­trai­ne­rin, Ro­deo­rei­te­rin und Fo­to­jour­na­lis­tin. Durch­aus mu­tig war Kien­hol­z' Ent­schei­dung, Künst­le­rin zu wer­den; wie ihr Mann Ed­ward Kien­holz eig­ne­te sie sich die not­wen­di­gen Fer­tig­kei­ten au­to­di­dak­tisch an. Sie wirk­ten als Team, brach­ten es weit, stell­ten in vie­len wich­ti­gen Mu­se­en aus, etwa im Whit­ney Mu­se­um in New York, auch in der Ber­li­ni­schen Ga­le­rie. Früh mach­te das Paar Ras­sis­mus und Ge­schlech­ter­dis­kri­mi­nie­rung zu The­men sei­ner büh­nen­haf­ten Wer­ke; die bei­den ar­ran­gier­ten le­bens­gro­ße Pup­pen, Mö­bel und an­de­re Ob­jek­te zu sur­rea­len, manch­mal gru­sel­er­re­gen­den Ta­bleaus. Als Ed­ward Kien­holz 1994 starb, ließ ihn sei­ne Wit­we in ei­nem Old­ti­mer der Mar­ke Pa­ckard be­gra­ben. Zwar stand Nan­cy Kien­holz eine gan­ze Zeit im Schat­ten ih­res Gat­ten, bei­de mach­ten ihre Zu­sam­men­ar­beit erst nach Jah­ren pu­blik, aber schließ­lich fand sie die an­ge­mes­se­ne Be­ach­tung. Das Paar pen­del­te mit sei­nen drei Kin­dern lan­ge zwi­schen den USA und Deutsch­land, bei­de lieb­ten die Floh­märk­te von Ber­lin. Ber­lin, sag­te sie ein­mal, »hat uns auf­ge­so­gen«. Nan­cy Kien­holz starb am 7. Au­gust in Hous­ton, Te­xas.

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