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Toni Morrison, 88

Ge­bo­ren wur­de sie als Chloe Ar­de­lia Wof­ford, das zwei­te von vier Kin­dern ei­nes zor­ni­gen Va­ters und ei­ner im­mer­fort sin­gen­den Mut­ter – so er­in­ner­te sie sich als alte Dame. Das Erbe bei­der El­tern hat die No­bel­preis­trä­ge­rin für Li­te­ra­tur (1993) ge­prägt; ihre Spra­che ist mu­si­ka­lisch, auch wo sie von Qual und Ge­walt er­zählt. Toni Mor­ri­sons Groß­el­tern man­gel­te es an Schul­bil­dung, ihr Va­ter war ein Ar­bei­ter, der die Fa­mi­lie in Ohio müh­sam über Was­ser hielt. Sie lern­te mit drei Jah­ren le­sen, stu­dier­te an der Howard Uni­ver­si­ty und schloss an der Cor­nell mit ei­ner Ar­beit über Vir­gi­nia Woolf und Wil­li­am Faulk­ner ab. Die Ge­schich­te der Afro­ame­ri­ka­ner, Scham und Stolz ih­rer Leu­te, ist das The­ma von Mor­ri­sons li­te­ra­ri­schem und es­say­is­ti­schem Werk. »Sehr blaue Au­gen«, ihr ers­ter Ro­man, hat zur Hel­din ein schwar­zes Mäd­chen, das sich nichts so sehr wünscht wie die Au­gen­far­be der Wei­ßen. Ver­dre­hung, Ent­frem­dung, Ab­len­kung ana­ly­sier­te Mor­ri­son als mo­der­ne Wir­kun­gen des Ras­sis­mus, die we­ni­ger of­fen­sicht­lich sind als Ge­walt, aber den­noch tief­grei­fend: »Je­mand sagt, dass du kei­ne Spra­che hast, und du ver­bringst 20 Jah­re da­mit zu be­wei­sen, dass du sie hast.« Als Pa­trio­tin fühl­te sich die ame­ri­ka­ni­sche Pio­nie­rin der schwar­zen Li­te­ra­tur zum ers­ten Mal bei der Amts­ein­füh­rung von Ba­rack Oba­ma – »für un­ge­fähr eine Stun­de«; die Me­dal of Free­dom war ihr die wich­tigs­te Eh­rung, weil er sie ihr ver­lieh. »Men­schen­kind« (»Bel­oved« ), Mor­ri­sons be­kann­tes­ter, mit Oprah Win­frey ver­film­ter Ro­man von 1987, be­rich­tet von der Skla­vin Sethe, die ih­rem Kind die Keh­le durch­schnitt, denn wenn »ich sie nicht ge­tö­tet hät­te, wäre sie ge­stor­ben«. Mor­ri­son stieß auf die­se wah­re Ge­schich­te bei ih­rer Re­cher­che für die An­tho­lo­gie »The Black Book« (1974), die die al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter zwei­er Söh­ne wäh­rend ih­rer Zeit als Lek­to­rin beim Ver­lag Ran­dom Hou­se in New York zu­sam­men­stell­te. Es ent­stand eine wirk­mäch­ti­ge Do­ku­men­ta­ti­on afro­ame­ri­ka­ni­scher Er­fah­rung von Un­ter­drü­ckung und Ei­gen­stän­dig­keit. In ih­rem letz­ten SPIEGEL-Ge­spräch, 2017, zi­tier­te sie aus ei­nem Brief aus dem Ge­fäng­nis; der Häft­ling bat um drei Ex­em­pla­re ih­res Bu­ches: » ›Ich brau­che ei­nes, um es an die Wand zu schleu­dern, ich brau­che ei­nes, um es im Arm zu hal­ten, und ich brau­che ein drit­tes, um es je­man­dem zu ge­ben, den ich lie­be.‹ Das hat mir ge­fal­len: schleu­dern, fest­hal­ten, tei­len.« Toni Mor­ri­son starb am 5. Au­gust in New York.

D. A. Pennebaker, 94

Das Glück des Do­ku­men­tar­fil­mers ist es, die Sze­ne zu fin­den, die die Sa­che auf den Punkt bringt. Eine Sze­ne wie die, in der Bob Dy­lan den Kol­le­gen Do­no­van gön­ner­haft lobt – und ihn dann mit »It's All Over Now, Baby Blue« in Grund und Bo­den spielt. Der Fil­me­ma­cher Donn Alan Pen­ne­baker be­glei­te­te Dy­lan 1965 auf sei­ner Groß­bri­tan­ni­en­tour, film­te in Ho­tels, Gar­de­ro­ben, auf der Büh­ne, und dann war die­se Sze­ne da­bei, die zeig­te: Die­ser Dy­lan ist nicht bloß ein Folk­sän­ger, er ist mehr, er ist ein ech­ter Star. Weil Pen­ne­baker im­mer wie­der in sol­chen Mo­men­ten mit der Ka­me­ra da­bei war, hat er un­ser Bild von der Pop­ge­schich­te ge­prägt: Jimi Hen­d­rix und Jef­fer­son Air­plane im »Sum­mer of Love« 1967 beim Fes­ti­val im ka­li­for­ni­schen Mon­te­rey. Das letz­te Kon­zert von Da­vid Bo­wie als Kunst­fi­gur Zig­gy Star­dust. Die scheu­en Syn­thie­pop­per De­pe­che Mode, die in den USA zur Sta­di­on­band wer­den. Pen­ne­baker zeigt die Prot­ago­nis­ten ganz un­mit­tel­bar, ihre Bli­cke, ihre Wor­te, sor­tiert wird im Schnitt, der Off-Kom­men­tar ist Ne­ben­sa­che. Die­se Me­tho­de ent­wi­ckel­te Pen­ne­baker an Po­li­ti­ker­por­träts, über die Ken­ne­dys, aber auch – im Fe­bru­ar 1965 – über Franz Jo­sef Strauß. Sei­ne wohl be­rühm­tes­te Sze­ne war üb­ri­gens in­sze­niert: Die Papp­kar­ten mit dem Text von »Sub­ter­ra­ne­an Ho­me­sick Blues«, die Dy­lan beim Sin­gen nach und nach fal­len ließ, wa­ren schon vor den Auf­nah­men ent­stan­den. Manch­mal muss man das Glück eben er­zwin­gen. D. A. Pen­ne­baker starb am 1. Au­gust in Sag Har­bor im US-Bun­des­staat New York.

Schoschana Rabinovici, 86

»Wir schlie­ßen das Tor zur Ver­gan­gen­heit.« An die­sen Leit­spruch ih­rer Mut­ter hielt sich die Au­to­rin und Ho­lo­caust-Über­le­ben­de nach Kriegs­en­de mehr als 40 Jah­re lang. Scho­scha­na Ra­bi­no­vici, 1932 in Pa­ris ge­bo­ren, stamm­te aus ei­ner groß­bür­ger­li­chen jü­di­schen Fa­mi­lie im da­mals pol­ni­schen Wil­na (Vil­ni­us). Kurz nach dem Ein­marsch der Deut­schen 1941 wur­de ihr Va­ter er­schos­sen, sie selbst muss­te mit ih­rer Mut­ter ins Get­to. 1943 wur­den sie de­por­tiert, sie ka­men in die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Kai­ser­wald und Stutt­hof. Es folg­te der To­des­marsch nach Tau­ent­zi­en, wo die Zwölf­jäh­ri­ge schließ­lich ge­mein­sam mit ih­rer Mut­ter von der Ro­ten Ar­mee be­freit wur­de. Über all das sprach sie also erst nicht. Und dann eben doch. Die Frau­en im KZ, so er­zähl­te sie spä­ter, hät­ten sie er­mahnt: »Schau gut hin, ver­giss das nicht.« Wer über­leb­te, hat­te die Ver­pflich­tung, Zeug­nis ab­zu­le­gen. So schrieb Ra­bi­no­vici, die seit 1950 über­wie­gend in Tel Aviv leb­te, schließ­lich ihre Er­in­ne­run­gen auf; ihr Buch »Dank mei­ner Mut­ter« er­schien 1991. In ei­ner be­we­gen­den Thea­ter­pro­duk­ti­on zum 75. Jah­res­tag der Po­grom­nacht trat sie 2013 am Wie­ner Burg­thea­ter auch als ei­ner der »Letz­ten Zeu­gen« auf. Scho­scha­na Ra­bi­no­vici starb am 2. Au­gust in Tel Aviv.

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