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Werner Müller, 73

In sei­nem Es­se­ner Büro hat­te er ei­nen Be­spre­chungs­raum, in dem er sein konn­te, wie er war. Dort paff­te Wer­ner Mül­ler sei­ne ob­li­ga­to­ri­schen Zi­ga­ril­los, trank Es­pres­so, hör­te klas­si­sche Mu­sik und plau­der­te mit sei­nen Gäs­ten: über Wirt­schaft und Po­li­tik, über die Men­schen, mit de­nen er als Ma­na­ger, Po­li­ti­ker und Wirt­schafts­füh­rer zu tun hat­te, mit de­nen er sich an­ge­freun­det oder nicht sel­ten auch ge­strit­ten hat­te. Ex-Kanz­ler Ger­hard Schrö­der, Grü­nen-Ur­ge­stein Jür­gen Trit­tin, Kon­zern­len­ker wie Ex-E.on-Chef Ul­rich Hart­mann ge­hör­ten ge­nau­so dazu wie die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten von NRW und dem Saar­land. Mit ih­nen hat er vie­le klei­ne und ei­ni­ge wirk­lich gro­ße Er­fol­ge ge­fei­ert. Den Atom­aus­stieg etwa, den der Quer­ein­stei­ger aus der En­er­gie­bran­che 1998 als par­tei­lo­ser Wirt­schafts­mi­nis­ter im Ka­bi­nett Schrö­der zu­sam­men mit Trit­tin und den gro­ßen En­er­gie­kon­zer­nen aus­han­del­te. Die Li­be­ra­li­sie­rung des En­er­gie­markts, die er ge­gen sei­ne al­ten Chefs durch­setz­te. Und spä­ter den Aus­stieg aus dem Stein­koh­len­berg­bau. Mo­na­te­lang hat Mül­ler dar­über ver­han­delt. Da­bei schaff­te er nicht nur den so­zi­al ver­träg­li­chen Aus­stieg, son­dern rief eine Stif­tung ins Le­ben, die für die mil­li­ar­den­schwe­ren Fol­ge­kos­ten des Berg­baus haf­tet. Sol­che Er­fol­ge wa­ren mög­lich, weil Mül­ler mehr als ein ge­wief­ter Tak­ti­ker war. Er war der per­fek­te Grenz­gän­ger zwi­schen Po­li­tik und Wirt­schaft, ver­ein­te po­li­ti­sche Raf­fi­nes­se mit der küh­len Lo­gik ei­nes Ma­na­gers. Da­mit war er der Ge­gen­sei­te oft über­le­gen. Wer­ner Mül­ler starb am 15. Juli an Krebs.

Andrea Camilleri, 93

Den Kom­mis­sar Mon­tal­ba­no, der für sei­ne ku­li­na­ri­schen Vor­lie­ben be­kannt ist, ließ der Schrift­stel­ler An­drea Ca­mil­le­ri auf Si­zi­li­en er­mit­teln. Dort war er 1925 ge­bo­ren wor­den. Den Groß­teil sei­nes Le­bens ver­brach­te er in Rom, wo er rund 30 Jah­re lang beim öf­fent­lich-recht­li­chen Rund­funk ar­bei­te­te, für den er zahl­rei­che Thea­ter-, Fern­seh- und Hör­spie­lin­sze­nie­run­gen um­setz­te. Im Ren­ten­al­ter wur­de er zum Best­sel­ler­au­tor. »Das Thea­ter hat mir viel über Dia­lo­ge bei­ge­bracht. Wenn ich ei­nen Ro­man schrei­be und eine neue Fi­gur vor­stel­le, be­schrei­be ich die­se zu­erst, in­dem ich sie ein Ge­spräch mit an­de­ren Fi­gu­ren füh­ren las­se.« Frü­her war er in der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei ak­tiv und de­mons­trier­te auch gern öf­fent­lich sei­ne an­ti­fa­schis­ti­sche Hal­tung, so­wohl in sei­nen Ro­ma­nen als auch in In­ter­views. An­drea Ca­mil­le­ri starb am 17. Juli in Rom.

Frieder Burda, 83

Der Pop-Art-Künst­ler Andy War­hol por­trä­tier­te ihn 1982, und den Sieb­druck prä­sen­tier­te Frie­der Bur­da spä­ter im ei­ge­nen Kunst­mu­se­um. Mit dem Mu­se­ums­bau, den Bur­da mit rund 20 Mil­lio­nen Euro selbst fi­nan­zier­te, schuf sich der Samm­ler und Mä­zen sein ei­ge­nes Denk­mal und mach­te aus sei­nem Wohn­ort, der Kur­stadt Ba­den-Ba­den, ei­nen in­ter­na­tio­na­len Treff­punkt für Kunst­freun­de. Mit rund tau­send Wer­ken der klas­si­schen Mo­der­ne und zeit­ge­nös­si­schen Kunst be­her­bergt das Mu­se­um Frie­der Bur­da eine der be­deu­tends­ten Pri­vat­samm­lun­gen Eu­ro­pas. Bur­da wur­de 1936 im ba­di­schen Gen­gen­bach als mitt­le­rer von drei Söh­nen des Of­fen­bur­ger Ver­le­ger­ehe­paars Franz und Aen­ne Bur­da ge­bo­ren. Er ab­sol­vier­te eine Dru­cker- und Ver­lags­leh­re und erb­te An­tei­le am Bur­da- und am Axel-Sprin­ger-Ver­lag. Zu­letzt mach­te der Samm­ler von sich re­den, als sein Mu­se­um das Werk »Love is in the Bin« von Bank­sy erst­mals der Öffent­lich­keit prä­sen­tier­te. Da­bei han­delt es sich um das vom Künst­ler wäh­rend ei­ner Ver­stei­ge­rung ge­schred­der­te Bild »Mäd­chen mit Bal­lon«. Ne­ben der Kunst hat­te sei­ne Her­kunft ei­nen be­son­de­ren Wert für Bur­da: »Die Hei­mat gibt Kraft. Wenn man in der Hei­mat bleibt, dann ist das ein be­son­de­res Glück.« Frie­der Bur­da starb am 14. Juli in Ba­den-Ba­den.

Johnny Clegg, 66

Ein wei­ßer Mu­si­ker, der ge­mein­sam mit Schwar­zen auf­trat, mehr noch, in ih­rer Spra­che sang und ihre Tän­ze tanz­te – John­ny Clegg, in Groß­bri­tan­ni­en ge­bo­ren, in Jo­han­nes­burg auf­ge­wach­sen, war eine Aus­nah­me­er­schei­nung und eine Pro­vo­ka­ti­on für das süd­afri­ka­ni­sche Apart­heid­re­gime. Mit 15 Jah­ren wur­de er zum ers­ten Mal ver­haf­tet. Ge­gen alle Wi­der­stän­de, Büh­nen­ver­bo­te und Zen­sur ver­folg­te der Künst­ler sei­nen Weg und er­hielt auch in­ter­na­tio­na­le An­er­ken­nung. Clegg hat­te schon als Jun­ge Kon­takt zu Ar­bei­tern, die der Volks­grup­pe der Zulu an­ge­hör­ten, er be­geis­ter­te sich für ihre Mu­sik und lern­te ihre Spra­che. Mit sei­ner eth­nisch ge­misch­ten Band Ju­lu­ka ver­öf­fent­lich­te er 1979 ein ers­tes Al­bum. Vier Jah­re spä­ter lan­de­te sein Song »Scat­ter­lings of Af­ri­ca« in den bri­ti­schen Charts. In sei­nem Sound ver­bin­det sich west­li­cher Pop mit afri­ka­ni­schen Klän­gen. Den viel­leicht schöns­ten Mo­ment sei­ner Kar­rie­re er­leb­te Clegg, als bei ei­nem Kon­zert in Deutsch­land Ende der Neun­zi­ger Nel­son Man­de­la auf die Büh­ne kam und zu »Asim­bon­an­ga« tanz­te. Der Song (etwa: »Wir kön­nen ihn nicht se­hen«) war 1987 ver­öf­fent­licht wor­den und Man­de­la ge­wid­met. Der saß zu der Zeit be­reits vie­le Jah­re lang im Ge­fäng­nis. John­ny Clegg starb am 16. Juli in Jo­han­nes­burg an Bauch­spei­chel­drü­sen­krebs.

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