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Maria Magdalena Ludewig, 36

»Bad News« hieß das Mot­to der Wies­ba­den Bi­en­na­le 2018, die von Mar­tin Ham­mer und Ma­ria Mag­da­le­na Lu­de­wig ge­lei­tet wur­de. Für bun­des­wei­te Schlag­zei­len sorg­ten ihre Ide­en, ei­nen Su­per­markt im Foy­er des Hes­si­schen Staats­thea­ters ein­zu­rich­ten und eine Sta­tue des tür­ki­schen Staats­prä­si­den­ten Re­cep Tay­yip Er­doğan mit­ten in Wies­ba­den auf den Platz der Deut­schen Ein­heit zu stel­len, gold­far­ben und statt­li­che vier Me­ter groß. Es wa­ren Ak­tio­nen, die ih­ren künst­le­ri­schen und po­li­ti­schen Wert nicht zu­letzt in den hys­te­ri­schen Re­ak­tio­nen fan­den, die sie aus­lös­ten. Lu­de­wig stu­dier­te Phi­lo­so­phie in Ham­burg und an­schlie­ßend Re­gie an der re­nom­mier­ten Hoch­schu­le für Schau­spiel­kunst. 2014 hol­te der Wies­ba­de­ner Thea­ter­in­ten­dant Uwe Eric Lau­fen­berg sie als Ku­ra­to­rin zur Bi­en­na­le. Als freie Re­gis­seu­rin in­sze­nier­te sie ei­ge­ne Ar­bei­ten un­ter an­de­rem an den So­phi­en­sä­len Ber­lin so­wie im Deut­schen Schau­spiel­haus und auf Kamp­na­gel in Ham­burg, zu­letzt das Pro­jekt »Übung in Trau­er – Ex­cer­cise in Mourning«. Jetzt muss­te die Wies­ba­den Bi­en­na­le eine trau­ri­ge Nach­richt in ei­ge­ner Sa­che ver­sen­den: Ma­ria Mag­da­le­na Lu­de­wig ist an Sil­ves­ter töd­lich ver­un­glückt. Sie wur­de auf Fu­er­teven­tura von ei­ner Wel­le er­fasst und in den At­lan­tik ge­zo­gen.

Martin Stade, 87

Der thü­rin­gi­sche Schrift­stel­ler wan­del­te sich vom ak­ti­ven Kom­mu­nis­ten zum Op­po­si­tio­nel­len. Als Sohn ei­nes Mau­rers 1931 in Thü­rin­gen ge­bo­ren, lern­te Mar­tin Sta­de Rund­funk­me­cha­ni­ker und war Funk­tio­när der Frei­en Deut­schen Ju­gend (FDJ). Ab 1969 schrieb er über den DDR-All­tag und his­to­ri­sche Stof­fe. Sein Ro­man »Der Kö­nig und sein Narr« wur­de ver­filmt und er­schien auch in der Bun­des­re­pu­blik. Mit sei­nen Kol­le­gen Ul­rich Ple­nz­dorf und Klaus Schle­sin­ger be­rei­te­te Sta­de eine An­tho­lo­gie vor, de­ren Er­schei­nen die Sta­si ver­hin­der­te. 1976 wur­de er aus der SED aus­ge­schlos­sen. Der Au­tor hat­te das Ende der DDR her­bei­ge­sehnt, wur­de 1990 Her­aus­ge­ber der Ost­aus­ga­be der »taz«, war aber mit der rea­len Wen­de sehr un­zu­frie­den. Die SPD be­rief ihn als Kul­tur­de­zer­nen­ten im Kreis See­low, 1996 zog er in sein thü­rin­gi­sches El­tern­haus zu­rück und ver­tief­te sich in Re­cher­chen über den Ver­bleib des Bern­stein­zim­mers. Mar­tin Sta­de starb, wie erst jetzt be­kannt wur­de, am 11. De­zem­ber in Arn­stadt.

Moshe Arens, 93

Er war ei­ner der Letz­ten der Grün­der­ge­ne­ra­ti­on Is­ra­els. 45 Jah­re lang be­ein­fluss­te er die Po­li­tik des Lan­des, den heu­te am­tie­ren­den Pre­mier­mi­nis­ter Ben­ja­min Net­anya­hu be­zeich­ne­te er gern als sei­ne »Ent­de­ckung«. Mos­he Arens wur­de in Li­tau­en ge­bo­ren, emi­grier­te als 13-Jäh­ri­ger mit sei­ner Fa­mi­lie in die USA und stu­dier­te spä­ter Flug­zeu­gin­ge­nieurs­we­sen. 1948 mel­de­te er sich frei­wil­lig als Kämp­fer für den Un­ab­hän­gig­keits­krieg in Is­ra­el. Als Mit­glied des kon­ser­va­ti­ven Li­kud-Blocks zog er 1974 ins Par­la­ment ein; ins­ge­samt drei­mal am­tier­te er als Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter – der zweit­wich­tigs­te Re­gie­rungs­pos­ten in Is­ra­el –, er war auch Au­ßen­mi­nis­ter und Bot­schaf­ter in den USA. Sein Lieb­lings­pro­jekt: die Ent­wick­lung ei­nes Su­per­kampf­jets für Is­ra­el, es blieb ein Traum. Arens, der als der Gen­tle­man un­ter den Knes­set-Mit­glie­dern galt, ließ kei­nen Zwei­fel an sei­ner Geg­ner­schaft ei­ner Zwei­staa­ten­lö­sung. Gleich­wohl lehn­te er Tei­le des im Juli ver­gan­ge­nen Jah­res ver­ab­schie­de­ten Na­tio­nal­staats­ge­set­zes ab. Die Prio­ri­sie­rung des jü­di­schen Sied­lungs­baus und die De­kla­ra­ti­on von He­brä­isch als ein­zi­ger of­fi­zi­el­ler Spra­che kri­ti­sier­te er scharf. Das Ge­setz sei »un­nö­tig« und be­lei­di­gend für die ara­bi­sche Be­völ­ke­rung, fand Arens. Für die Ver­hand­lun­gen mit den Pa­läs­ti­nen­sern emp­fahl er Ge­duld: »Je­der will wis­sen, wie es aus­geht. Ich weiß es nicht.« Mos­he Arens starb am 7. Ja­nu­ar in Sa­wji­on, Is­ra­el. KS

Norman Birnbaum, 92

Der kri­ti­sche Blick auf die ge­spal­te­ne ame­ri­ka­ni­sche Ge­sell­schaft war we­sent­lich für sei­ne Ar­beit als Wis­sen­schaft­ler und Pu­bli­zist. Der an der Har­vard-Uni­ver­si­tät pro­mo­vier­te So­zio­lo­ge Nor­man Birn­baum lehr­te un­ter an­de­rem an der George­town-Uni­ver­si­tät in Wa­shing­ton, der Lon­don School of Eco­no­mics und in Ox­ford. Birn­baum war zeit­wei­se Be­ra­ter des Na­tio­na­len Si­cher­heits­ra­tes in den USA, aber auch der Grü­nen in der Bun­des­re­pu­blik. Er be­riet und un­ter­stütz­te Ro­bert und Ed­ward Ken­ne­dy und Jim­my Car­ter. Seit den Neun­zi­ger­jah­ren sah Birn­baum die USA in ei­nem Kon­flikt zwi­schen Ka­pi­ta­lis­mus und De­mo­kra­tie. Der So­zio­lo­ge dia­gnos­ti­zier­te in den west­li­chen De­mo­kra­ti­en ei­nen wach­sen­den Wi­der­spruch zwi­schen dem »Be­darf an So­li­da­ri­tät« und der »Ideo­lo­gie der Fi­nanz­märk­te«. Birn­baum agier­te als links­li­be­ra­ler In­tel­lek­tu­el­ler in ei­nem Land ohne So­zi­al­de­mo­kra­tie. Die ame­ri­ka­ni­sche Lin­ke, an die er ap­pel­lier­te, war meist zu amorph, um sei­ne Ide­en po­li­tisch wirk­sam um­zu­set­zen. Schon elf Jah­re vor der Wahl Do­nald Trumps zum Prä­si­den­ten mahn­te er, die ame­ri­ka­ni­sche De­mo­kra­tie ver­lie­re »ihr Ge­sicht«, weil die Re­gie­rung sich »nicht für so­zia­le So­li­da­ri­tät zu­stän­dig« füh­le. Und er warn­te vor »fla­chen Ideo­lo­gen« und »Apo­lo­ge­ten ame­ri­ka­ni­scher Macht«. Der scharf­sin­ni­ge Be­ob­ach­ter kon­sta­tier­te be­reits 2005 eine »Er­schöp­fung der ame­ri­ka­ni­schen De­mo­kra­tie«. Nor­man Birn­baum starb am 4. Ja­nu­ar in Wa­shing­ton.

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