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Artur Brauner, 100

Als das Kino noch Kin­topp ge­nannt wur­de, war er Deutsch­lands schil­lernds­ter Film­pro­du­zent, ein »Ein­mann-Groß­be­trieb«, wie der SPIEGEL 1957 in ei­ner Ti­tel­ge­schich­te über ihn schrieb. In sei­nen Ber­li­ner CCC-Stu­di­os stell­te der Traum­fa­bri­kant manch­mal mehr als 20 Fil­me pro Jahr her. Der in Łódź ge­bo­re­ne Jude über­leb­te den Ho­lo­caust, fast 50 sei­ner Ver­wand­ten wur­den er­mor­det. Ei­gent­lich woll­te Ar­tur Brau­ner nach Hol­ly­wood, doch es ver­schlug ihn nach Ber­lin. Mit den Ein­nah­men aus Schla­ger­fil­men und Lust­spie­len fi­nan­zier­te er dann Dra­men wie »Der 20. Juli« (1955), mit de­nen er ge­gen das Ver­drän­gen der Ver­gan­gen­heit an­kämpf­te. Lan­ge vor Ste­ven Spiel­berg woll­te Brau­ner ei­nen Film über Os­kar Schind­ler dre­hen, der vie­le Ju­den vor der Er­mor­dung ge­ret­tet hat­te, be­kam den Stoff aber nicht fi­nan­ziert. Für »Hit­ler­jun­ge Sa­lo­mon« er­hielt Brau­ner, in Ber­lin lie­be­voll »Atze« ge­ru­fen, 1992 ei­nen Gol­den Glo­be. Sei­ne fi­nan­zi­ell er­folg­rei­chen Pro­jek­te – wie »Old Shat­ter­hand« oder »Es ge­schah am hel­lich­ten Tag« – nann­te er »Kon­sum­fil­me«. Da­bei fand er den Wunsch des Pu­bli­kums, der Wirk­lich­keit im Ki­no­ses­sel zu ent­rin­nen, völ­lig le­gi­tim. Den­noch woll­te er ein Le­ben lang mit sei­nen Fil­men »Emo­tio­nen für die Mil­lio­nen jü­di­schen Op­fer« we­cken. Ar­tur Brau­ner starb am 7. Juli in Ber­lin.

Michael Jürgs, 74

Mit sei­ner Ab­be­ru­fung als Chef­re­dak­teur des »Stern« im Jahr 1990 be­gann sein Auf­stieg zur Ein-Mann-In­sti­tu­ti­on, die die deut­sche Öffent­lich­keit er­mahn­te, wenn es all­zu spie­ßig wur­de. Mi­cha­el Jürgs be­nö­tig­te dazu kei­nen Ti­tel und kei­nen Ap­pa­rat, er schien ei­nen di­rek­ten Draht zu den Leu­ten zu ha­ben. Ob als Sach­buch­au­tor, Fern­seh­mo­de­ra­tor oder als Gast in Talk­shows, Jürgs hat­te ein un­trüg­li­ches Ge­spür für die The­men sei­ner Zeit. Er wur­de am Ende des Zwei­ten Welt­kriegs ge­bo­ren und wähl­te sich die­ses Da­tum als Auf­trag: Die Über­win­dung des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus in der li­be­ra­len, nach Wes­ten ori­en­tier­ten Bun­des­re­pu­blik war für ihn ein un­ab­ge­schlos­se­ner Pro­zess, den er bis zu sei­nem Tode be­glei­te­te. Der Be­ruf des Jour­na­lis­ten war für ihn mit die­sen Wer­ten ver­bun­den. Mit Wor­ten die Welt zu ver­bes­sern war der von ihm täg­lich ver­folg­te Plan. Jürgs, stets an­sprech­bar und nie zu müde, um sich aus­zu­tau­schen, ver­bes­ser­te die Welt auch durch sei­ne Mensch­lich­keit. Mi­cha­el Jürgs starb am 4. Juli in Ham­burg.

Ross Perot, 89

Mit sei­nem Mil­li­ar­den­ver­mö­gen ge­hör­te er einst zu den reichs­ten Män­nern Ame­ri­kas, aber in Er­in­ne­rung wird er für sei­nen Er­folg bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len 1992 blei­ben. Da­mals trat Ross Pe­rot als un­ab­hän­gi­ger Kan­di­dat an und brach­te da­mit das ame­ri­ka­ni­sche Zwei­par­tei­en­sys­tem durch­ein­an­der wie kein an­de­rer Be­wer­ber seit Theo­do­re Roo­se­velt 80 Jah­re zu­vor. Auf Pe­rot ent­fie­len 19 Pro­zent der Stim­men, die etwa zu glei­chen Tei­len zu­las­ten des da­ma­li­gen Prä­si­den­ten Ge­or­ge Bush se­ni­or und von des­sen Her­aus­for­de­rer Bill Clin­ton gin­gen, der die Wahl ge­wann. Pe­rot for­der­te ei­nen aus­ge­gli­che­nen Staats­haus­halt und kri­ti­sier­te den Irak­krieg im Jahr 1991, den Bush zu ver­ant­wor­ten hat­te. Sein Er­folg blieb ein­ma­lig – auch wenn er in ge­wis­ser Wei­se das Un­be­ha­gen an den po­li­ti­schen Eli­ten vor­weg­nahm, das vie­le Jah­re spä­ter Do­nald Trump zu sei­nem Amt ver­half. Als Pe­rot 1996 noch ein­mal an­trat, be­kam er nur noch 8,4 Pro­zent der Stim­men. Pe­rot wuchs in Te­x­ar­ka­na im US-Bun­des­staat Te­xas auf, ab­sol­vier­te eine Aus­bil­dung bei der U. S. Navy und ver­dien­te zu­nächst sein Geld als Ver­tre­ter von IBM. Sei­ne Ver­kaufs­er­fol­ge wa­ren sen­sa­tio­nell, ein­mal habe er in­ner­halb von drei Wo­chen sein Jah­res­soll er­füllt, heißt es. 1962 grün­de­te er die Fir­ma Elec­tro­nic Data Sys­tems für Da­ten­ver­wal­tung, die er 1984 für 2,5 Mil­li­ar­den Dol­lar an Ge­ne­ral Mo­tors ver­kauf­te. Ross Pe­rot starb am 9. Juli in Dal­las, Te­xas.

João Gilberto, 88

Der Mann, der den Bos­sa nova po­pu­lär mach­te, moch­te die­sen Aus­druck über­haupt nicht: Was er spie­le, sei Sam­ba, sag­te João Gil­ber­to ein­mal. Mit­te der Fünf­zi­ger­jah­re, als er für ein paar Mo­na­te in der bra­si­lia­ni­schen Pro­vinz­stadt Dia­man­ti­na leb­te, schloss er sich stun­den­lang mit sei­ner Gi­tar­re im Ba­de­zim­mer ein. Dort ent­wi­ckel­te er den An­schlag und die Ge­sangs­tech­nik, was als Bos­sa nova welt­weit be­rühmt wur­de. Mit dem lau­ten und po­pu­lä­ren Sam­ba der Ar­men­vier­tel hat­te die­se »Neue Wel­le« nur noch den Ur­sprung ge­mein. Gil­ber­to mach­te den Sam­ba zur Kam­mer­mu­sik. Er sang im Flüs­ter­ton, zupf­te die Sai­ten und ex­pe­ri­men­tier­te mit Syn­ko­pen, die der Mu­sik Leich­tig­keit und Swing ver­lie­hen. Gil­ber­to war Mi­ni­ma­list und Per­fek­tio­nist; kaum ein an­de­rer bra­si­lia­ni­scher Mu­si­ker wirk­te so stil­bil­dend. Sei­nen Sie­ges­zug trat der Bos­sa nova in Rio an, wo Gil­ber­to 1958 die Sin­gle »Che­ga de sau­da­de« auf­nahm. Welt­weit be­kannt wur­de er mit dem Hit »The Girl from Ipa­ne­ma«, den er 1963 mit sei­ner Frau As­trud und dem ame­ri­ka­ni­schen Jazz­sa­xo­fo­nis­ten Stan Getz in den USA ein­spiel­te. Der Mu­si­ker kom­po­nier­te kaum selbst; es wa­ren In­ter­pre­ta­tio­nen, die ihn be­rühmt mach­ten. João Gil­ber­to starb am 6. Juli in Rio de Ja­nei­ro.

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