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Judith Kerr, 95

Von Ju­dith Kerr ging eine Le­bens­freu­de aus, die ei­nen er­grei­fen konn­te. Als äl­te­re Dame ge­noss sie es, mit Be­such aus Deutsch­land auf Deutsch zu re­den, ob­wohl Eng­land »voll­kom­men« ihre Hei­mat war. Hier hat­te sie Er­folg als Il­lus­tra­to­rin, hier hat sie mit ih­rem bri­ti­schen Ehe­mann ei­nen Sohn und eine Toch­ter groß­ge­zo­gen. Für ihre bei­den Kin­der hat­te Kerr das heu­te le­gen­dä­re Kin­der­buch »Als Hit­ler das rosa Ka­nin­chen stahl« ge­schrie­ben, sie woll­te ih­nen die Ge­schich­te ih­rer Groß­el­tern er­zäh­len: Al­fred Kerr, der be­rühm­te Thea­ter­kri­ti­ker und Es­say­ist, flüch­te­te im Ja­nu­ar 1933 aus Deutsch­land, sei­ne Fa­mi­lie folg­te ihm bald, die Na­zi­zeit ver­brach­ten sie in der Schweiz, in Frank­reich und Eng­land. Als Mäd­chen habe sie nicht ver­stan­den, sag­te Ju­dith Kerr, wie sehr ihr Va­ter un­ter dem Be­deu­tungs­ver­lust als Au­tor und un­ter der Ar­mut ge­lit­ten habe. Trotz­dem blick­te sie ohne Bit­ter­keit auf Deutsch­land. Ihr Buch er­schien hier­zu­lan­de 1973, es brach­te meh­re­ren Ge­ne­ra­tio­nen von Kin­dern das Schick­sal der jü­di­schen Fa­mi­lie nahe, für vie­le Mäd­chen und Jungs dürf­te es die ers­te Be­geg­nung mit den Ver­bre­chen der Na­zis ge­we­sen sein. Ju­dith Kerr starb am 22. Mai in Lon­don.

Nanni Balestrini, 83

Er war der Sohn ei­nes Mai­län­der In­dus­tri­el­len und ein Feind des Ka­pi­tals, ein ra­di­ka­ler Lin­ker, aber ele­gant, ein avant­gar­dis­ti­scher Künst­ler, aber dem Pro­le­ta­ri­at ver­bun­den: In die­sem Au­tor hat­ten vie­le ei­nen, auf den sie bau­en konn­ten. Nan­ni Ba­le­stri­nis The­ma wa­ren die re­vol­tie­ren­den Kol­lek­ti­ve sei­ner Zeit: die Ro­ten Bri­ga­den mit ih­ren Ver­su­chen, die Ar­bei­ter­schaft zum Klas­sen­kampf zu be­we­gen, die aus der po­li­ti­schen Ent­täu­schung ent­ste­hen­de an­ar­chis­ti­sche Un­ter­grund­be­we­gung, aber auch die Ul­tra-Fans des AC Mai­land. Sein Freund Gi­an­gi­a­co­mo Fel­t­ri­nel­li, der An­fang der Sieb­zi­ger­jah­re auf mys­te­riö­se Wei­se ums Le­ben kam, steht im Mit­tel­punkt des Ro­mans »Der Ver­le­ger«. Das zu­letzt ins Deut­sche über­setz­te Buch des Au­tors, »San­do­kan«, be­schreibt das Funk­tio­nie­ren der Ca­mor­ra Süd­ita­li­ens. Ba­le­stri­nis Le­ben hat­te selbst ro­man­haf­te Züge. 1979 floh er vor der po­li­ti­schen Ver­fol­gung auf Ski­ern über die Al­pen; er leb­te zeit­wei­se in Frank­reich und der Bun­des­re­pu­blik im Exil. Nan­ni Ba­le­stri­ni starb am 20. Mai in Rom.

Ieoh Ming Pei, 102

1964 kam der ge­bür­ti­ge Chi­ne­se, der da­mals schon lan­ge in den USA leb­te und dort zum Ar­chi­tek­ten aus­ge­bil­det wor­den war, in den Her­zen der Ame­ri­ka­ner an. Für je­den Prä­si­den­ten wird eine nach ihm be­nann­te Bi­blio­thek er­rich­tet, und Ieoh Ming Pei wur­de aus­er­wählt, jene für den er­mor­de­ten John F. Ken­ne­dy zu ent­wer­fen. Des­sen Wit­we Jac­que­line sag­te, die Zeit gro­ßer Wer­ke lie­ge noch vor dem da­mals 47-jäh­ri­gen Pei, und das sei auch das Ge­fühl ge­we­sen, als ihr Mann fürs Prä­si­den­ten­amt an­ge­tre­ten sei. Es soll­te noch lan­ge dau­ern, bis das Bi­blio­thek­s­pro­jekt ver­wirk­licht wur­de, aber die­se An­er­ken­nung be­schleu­nig­te Peis Kar­rie­re. Bald ge­hör­te er zu den Ge­frag­tes­ten sei­ner Bran­che, alle nann­ten ihn I. M. Pei, der Name wur­de fast zum Mar­ken­zei­chen, er stand für eine be­son­de­re Ele­ganz. Wie kein an­de­rer konn­te Pei Leich­tig­keit, so­gar Ver­spielt­heit mit Stren­ge ver­bin­den. Zur Welt kam er 1917 im Sü­den Chi­nas, sei­ne Fa­mi­lie war wohl­ha­bend, früh ver­lor er die Mut­ter. 1935 zog er in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten und be­schloss spä­ter – auch auf An­ra­ten sei­nes Va­ters –, nicht mehr nach Chi­na zu­rück­zu­keh­ren. Als Ar­chi­tekt er­ober­te er die gan­ze Welt. Zu sei­nen be­kann­tes­ten Bau­ten ge­hört die Glas­py­ra­mi­de vor dem Lou­vre, in Ber­lin ge­stal­te­te er die Er­wei­te­rung des Deut­schen His­to­ri­schen Mu­se­ums. Be­son­ders ein­drucks­voll ist das Mu­se­um für Is­la­mi­sche Kunst in Doha, die­ses Meis­ter­werk voll­ende­te Pei mit 91 Jah­ren. Ieoh Ming Pei starb am 16. Mai in New York.

Manfred Burgsmüller, 69

Er war ein Schla­wi­ner im Straf­raum und ein Fuß­ball­stür­mer, der Fans be­geis­ter­te. »Man­ni« war ei­ner für die Show. Das lag an sei­nen To­ren und dar­an, wie er sie er­ziel­te. Un­ver­ges­sen ist der Tref­fer ge­gen den 1. FC Kai­sers­lau­tern, als Man­fred Burg­smül­ler 1986 Tor­wart Ger­ry Ehr­mann den Ball aus den Ar­men rem­pel­te. »Der Ger­ry« habe »vor sich hin ge­pennt«, sag­te Burg­smül­ler. Mit sei­nen Sprü­chen eck­te er oft an, noch öf­ter traf Burg­smül­ler ins geg­ne­ri­sche Tor: Von 1974 bis 1989 er­ziel­te er 213 Erst­li­ga­tref­fer für Rot-Weiß Es­sen, Bo­rus­sia Dort­mund, den 1. FC Nürn­berg und Wer­der Bre­men, das macht ihn zum viert­bes­ten Tor­jä­ger der Bun­des­li­ga­ge­schich­te. Nur die gro­ße Kar­rie­re im Na­tio­nal­team blieb aus. Mit Bun­des­trai­ner Hel­mut Schön hat­te der ei­gen­wil­li­ge Burg­smül­ler Pro­ble­me, Nach­fol­ger Jupp Der­wall fand ihn mit 28 be­reits zu alt, zu­dem war die Kon­kur­renz auf sei­ner Po­si­ti­on groß – er be­stritt nur drei Län­der­spie­le. Dass Burg­smül­ler noch mit 38 Jah­ren auf ho­hem Ni­veau spie­len konn­te, be­wies er lan­ge nach sei­nem Aus im DFB-Tri­kot, als er mit Bre­men 1988 Meis­ter wur­de. Man­fred Burg­smül­ler starb am 18. Mai in sei­ner Hei­mat­stadt Es­sen.

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