»Im Schatten des Schiffs«

Der Augenzeuge Echte Seefahrer gibt es immer noch, ihr Berufsalltag ist heute allerdings oft anders als früher: Crewmitglieder von Kreuzfahrtschiffen sind häufig monatelang durchgehend im Einsatz. In der Deutschen Seemannsmission in Hamburg kümmert sich Seemannsdiakon Olaf Schröder, 47, um ihr Wohlbefinden.

• »Die See­manns­mis­si­on be­su­chen Crew­mit­glie­der von Kreuz­fahrt­schif­fen, die ge­ra­de Land­gang ha­ben. Das kön­nen bis zu 600 Men­schen sein, vom Ma­schi­nis­ten bis zum Bar­kee­per, die auf ei­nen Schlag hier an­kom­men, um sich kurz das Wich­tigs­te für die wei­te­re Rei­se zu be­sor­gen. Den meis­ten fehlt die Zeit, den Schat­ten des Schiffs zu ver­las­sen. Sich in ei­ner frem­den Um­ge­bung zu­recht­zu­fin­den ist nicht leicht, vie­le ha­ben Angst, nicht recht­zei­tig wie­der an Bord zu sein. Des­we­gen bie­ten wir ih­nen an den Sta­tio­nen der Se­a­fa­rers Lounge al­les, was sie brau­chen: Hy­gie­ne­ar­ti­kel, ei­nen In­ter­net­zu­gang für Vi­deo­an­ru­fe in die Hei­mat, Nah­rungs­mit­tel al­ler Art. Asia­ti­sche Tü­ten­sup­pen wer­den uns von den phil­ip­pi­ni­schen und in­do­ne­si­schen Be­su­chern ge­ra­de­zu aus den Hän­den ge­ris­sen – für sie ist es eine der we­ni­gen Ge­le­gen­hei­ten, ein Stück Hei­mat auf die Zun­ge zu krie­gen. Man­che kau­fen Kar­tons vol­ler Nu­del­pa­ckun­gen, um auch ihre Kol­le­gen auf dem Schiff zu ver­sor­gen, die für sie oft Fa­mi­li­en­er­satz sind. Vie­le er­zäh­len von Heim­weh. Wer an Bord ei­nes Kreuz­fahrt­schiffs ar­bei­tet, ist oft neun Mo­na­te am Stück un­ter­wegs und manch­mal bis zu 16 Stun­den am Tag im Ein­satz. Ich kann be­ob­ach­ten, wie die Leu­te im­mer mü­der und aus­ge­brann­ter wer­den, je län­ger sie an Bord sind. Erst neu­lich kam ein Mann, der stark hum­pel­te. Ich woll­te ihn an ei­nen Arzt ver­mit­teln, aber er lehn­te ab, weil er Angst hat­te, dass ihm ge­kün­digt wür­de und er dann kein Geld mehr an die Fa­mi­lie schi­cken könn­te. Ich re­spek­tie­re sol­che Ent­schei­dun­gen, das sind ja er­wach­se­ne Men­schen. In den Loun­ges geht es um die Be­dürf­nis­se der See­leu­te, die ste­hen bei der Ar­beit oft hin­ten­an. Wenn ein Schiff in See­not ist, müs­sen sie nach au­ßen ru­hig blei­ben und die Pas­sa­gie­re in Si­cher­heit brin­gen, ob­wohl sie selbst um Leib und Le­ben ban­gen. Das sind trau­ma­ti­sche Er­leb­nis­se, das hö­ren wir in un­se­ren Ge­sprä­chen, aber im Ge­gen­satz zu den Gäs­ten kann die Crew da­nach nicht das Schiff ver­las­sen und das Gan­ze ver­ar­bei­ten. Die Mit­ar­bei­ter müs­sen ein freund­li­ches Lä­cheln auf­set­zen und ein­fach wei­ter­ar­bei­ten.«

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