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Doris Day, 97

Sie ge­hör­te zu den Schau­spie­le­rin­nen, die je­dem Film Tem­po und je­der Sze­ne En­er­gie ge­ben konn­ten. Ihre männ­li­chen Part­ner, oft gro­be Klöt­ze wie Rock Hud­son oder Ja­mes Gar­ner, schie­nen da manch­mal nicht mit­zu­kom­men, wirk­ten ihr ge­gen­über lahm oder be­griffs­stut­zig. Selbst Ja­mes Ste­wart, mit dem sie ih­ren wohl bes­ten Film »Der Mann, der zu­viel wuss­te« (1956) dreh­te, sah ne­ben ihr bis­wei­len wie ein Töl­pel aus. Für den Hitch­cock-Klas­si­ker wur­de der Song »Qué será, será« kom­po­niert, den Do­ris Day mit ih­rer Dar­bie­tung un­sterb­lich mach­te. Der in Cin­cin­na­ti als Do­ris Mary Kap­pel­hoff ge­bo­re­nen Toch­ter deutsch­stäm­mi­ger El­tern hängt bis heu­te das Image der »Sau­ber­frau« an, weil sie im­mer wie­der treue und sitt­sa­me Fi­gu­ren spiel­te und Hol­ly­wood ihr auch gern die Rol­le am Herd zu­wies. Doch in ih­ren Dar­stel­lun­gen konn­ten die Zu­schau­er Wil­lens­stär­ke und Ei­gen­sinn ent­de­cken, ihre Ko­mö­di­en wie »Bett­ge­flüs­ter« (1959) oder »Ein Py­ja­ma für zwei« (1961) wa­ren fu­rio­se Schar­müt­zel des Ge­schlech­ter­kriegs. Day war schon ein Star, als sie ihre ers­ten Fil­me dreh­te. In den Vier­zi­ger­jah­ren war sie als Sän­ge­rin in Nacht­klubs be­kannt ge­wor­den und hat­te 1945 mit »Sen­ti­men­tal Jour­ney« ei­nen gro­ßen Hit. Sein sehn­suchts­vol­ler Ton traf in den letz­ten Mo­na­ten des Kriegs ei­nen Nerv, er wur­de zur in­of­fi­zi­el­len Hym­ne für die heim­keh­ren­den GIs. Im Lau­fe ih­res Le­bens ver­öf­fent­li­che Day rund 30 Al­ben. Zu­nächst wur­de sie in Hol­ly­wood vor­nehm­lich für Mu­si­cals be­setzt, spä­ter for­cier­te sie ihre schau­spie­le­ri­sche Kar­rie­re und war für ei­ni­ge Jah­re ei­ner der größ­ten Stars, 1968 kam ihr letz­ter Film ins Kino. Nach ih­rem Rück­zug ins Pri­vat­le­ben wid­me­te sie sich dem Tier­schutz. Es sei un­pas­send ge­we­sen, dass ihr das Eti­kett von »Ame­ri­kas Jung­frau« an­ge­hef­tet wor­den sei, sag­te die drei­mal Ge­schie­de­ne und ein­mal Ver­wit­we­te Mit­te der Sieb­zi­ger über ihr Image. Sie habe sich ganz an­ders ge­se­hen. Mög­li­cher­wei­se als Frau, die sich nicht die But­ter vom Brot neh­men lässt. Do­ris Day starb am 13. Mai im ka­li­for­ni­schen Car­mel Val­ley.

Wiglaf Droste, 57

Sein Lieb­lings­dich­ter war Joa­chim Rin­gel­natz, und vie­les hat­te er mit die­sem Au­to­di­dak­ten ge­mein: Ne­ben ver­spiel­tem Witz und der Lie­be zum Ka­lau­er zeich­ne­te den Sa­ti­ri­ker und Auf­tritts­künst­ler Wiglaf Dros­te eine un­er­bitt­li­che Hell­hö­rig­keit für fal­sche Töne aus. Bei sei­nen At­ta­cken ge­gen Be­trof­fen­heits­ri­tua­le, Po­lit­kitsch und Phra­sen al­ler Art kann­te er kei­ne Rück­sicht auf Feind noch Freund, das brach­te ihm als Re­dak­teur und Au­tor ins­ge­samt drei Kün­di­gun­gen bei der Ber­li­ner »taz« ein, aber auch Ge­richts­pro­zes­se we­gen Be­lei­di­gung. Das »Ein-Mann-Exe­ku­ti­ons­kom­man­do des deut­schen Jour­na­lis­mus«, wie die »Süd­deut­sche Zei­tung« ihn ein­mal nann­te, trat al­ler­dings gern in Ge­sell­schaft auf; Dros­te sang mit dem Es­se­ner Spar­do­sen-Ter­zett, war mit Har­ry Ro­wohlt und Sy­bil­le Berg un­ter­wegs und gab mit dem Ster­ne­koch Vin­cent Klink »so vier­tel­jähr­lich wie mög­lich« die ku­li­na­ri­sche Zeit­schrift »Häupt­ling Ei­ge­ner Herd« her­aus. Zu sei­nen be­kann­tes­ten Text­samm­lun­gen zäh­len »In 80 Phra­sen um die Welt«, »Brot und Gür­tel­ro­sen« und »Wir sä­gen uns die Bei­ne ab und se­hen aus wie Gre­gor Gysi«. Dros­te er­hielt 2003 den Ben-Wit­ter-Preis und 2018 den »Göt­tin­ger Elch« für sein Le­bens­werk; sein Lau­da­tor Fried­rich Küp­pers­busch lob­te sei­ne »Zärt­lich­keit des Holz­ham­mers«. Wiglaf Dros­te starb am 15. Mai im baye­ri­schen Pot­ten­stein.

Alfredo Pérez Rubalcaba, 67

Schon ab 1974, dem letz­ten Jahr der Fran­co-Dik­ta­tur, en­ga­gier­te sich der da­ma­li­ge Che­mie­stu­dent und prä­mier­te Leicht­ath­let im Un­ter­grund für die Bil­dungs­po­li­tik der Spa­ni­schen So­zia­lis­ti­schen Ar­bei­ter­par­tei. Nach dem Wahl­sieg der So­zia­lis­ten 1982 hol­te ihn Mi­nis­ter­prä­si­dent Fe­li­pe Gon­zá­lez zu­nächst als Staats­se­kre­tär, 1992 dann als Mi­nis­ter für Er­zie­hung und Wis­sen­schaft ins Ka­bi­nett. Bis 1996 war Al­fre­do Pé­rez Ru­balca­ba Lei­ter der Staats­kanz­lei. Zehn Jah­re dar­auf er­nann­te Mi­nis­ter­prä­si­dent José Luis Ro­drí­guez Za­pa­te­ro den Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den der So­zia­lis­ten zum In­nen­mi­nis­ter, spä­ter auch zu sei­nem Stell­ver­tre­ter. Sei­nen be­deu­tends­ten Sieg er­rang Ru­balca­ba ge­gen die bas­ki­sche Ter­ror­grup­pe Eta: Durch Fahn­dungs­druck und Ver­hand­lun­gen konn­te er sie zur Auf­ga­be des be­waff­ne­ten Kamp­fes be­we­gen. Als Spit­zen­kan­di­dat der So­zia­lis­ten war der ge­schlif­fe­ne Red­ner je­doch nicht er­folg­reich. Be­vor er aus der Po­li­tik aus­schied, auf den Pos­ten als Ge­ne­ral­se­kre­tär ver­zich­te­te und wie­der Che­mie an der Ma­dri­der Comp­lu­ten­se­Uni­ver­si­tät lehr­te, or­ga­ni­sier­te er im Mai 2014 noch die rei­bungs­lo­se Ab­dan­kung von Kö­nig Juan Car­los. Al­fre­do Pé­rez Ru­balca­ba starb am 10. Mai in Ma­drid an ei­nem Schlag­an­fall.

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