Nach­rufe

Jean Vanier, 90

Es be­gann 1964 in ei­nem her­un­ter­ge­kom­me­nen Haus in Tros­ly-Breuil nörd­lich von Pa­ris: Jean Va­nier lud zwei Män­ner mit geis­ti­gen Be­hin­de­run­gen ein, dort mit ihm zu woh­nen. Die Haus­ar­beit er­le­dig­ten sie ge­mein­sam. Va­nier folg­te ei­ner ein­fa­chen mensch­li­chen Re­gung: Mit­ge­fühl. In ei­nem Heim hat­te er ge­se­hen, wie 80 geis­tig be­hin­der­te Män­ner in ei­ner er­drü­ckend trau­ri­gen At­mo­sphä­re leb­ten, ohne Ar­beit. Heu­te ist die von ihm ge­grün­de­te »Ar­che« ein welt­um­span­nen­des Pro­jekt mit Wohn­ge­mein­schaf­ten von Men­schen mit und ohne Be­hin­de­run­gen in 38 Län­dern. Der Ka­na­di­er Va­nier be­ob­ach­te­te 1945 in Pa­ris am Gare D'Or­say die An­kunft Über­le­ben­der aus deut­schen Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern. Er dien­te in der bri­ti­schen und der ka­na­di­schen Roy­al Navy, die er 1950 ver­ließ; spä­ter stu­dier­te er aris­to­te­li­sche Ethik und lehr­te Phi­lo­so­phie. Im Lau­fe sei­nes Le­bens schrieb Va­nier mehr als 30 Bü­cher über Spi­ri­tua­li­tät und Ge­mein­schaft. Doch als er mit dem Ar­che-Pro­jekt be­gann, woll­te er kei­ne Be­we­gung star­ten, er woll­te nur ei­nen Ort schaf­fen, der ein »tief emp­fun­de­nes Wohl­be­fin­den« ver­mit­telt. Jean Va­nier starb am 7. Mai in Pa­ris.

Ingomar von Kieseritzky, 75

Sei­nem Le­bens­hel­den Do­nald Duck hat er die Treue ge­hal­ten bis zum Schluss. Er be­saß Hef­te seit 1951. In­go­mar von Kie­se­ritz­ky, der 1944 in Dres­den ge­bo­ren wur­de, in Frei­burg, auf Lan­geoog und an­ders­wo auf die Schu­le ging, dann als Re­qui­si­teur und Buch­händ­ler ar­bei­te­te, be­vor er in West-Ber­lin als Schrift­stel­ler leb­te, hat ein gro­ßes, hei­te­res Werk des schö­nen Schei­terns ge­schrie­ben. In vie­len Ro­ma­nen und mehr als hun­dert Hör­spie­len sieht er sei­nen Hel­den bei ih­ren Kämp­fen zu. Im »Klei­nen Rei­se­füh­rer ins Nichts« oder dem Ro­man »Da kann man nichts ma­chen« tra­gen sei­ne Fi­gu­ren ih­ren in­ne­ren Kon­flikt zwi­schen Grö­ßen­wahn und Klein­heits­be­wusst­sein tap­fer aus. Er be­rei­te­te sich aufs Schrei­ben beim Be­trach­ten von Bäu­men, Sit­zen auf Bän­ken und mit dem Le­sen ab­ge­le­ge­ner Bü­cher vor. Har­ry Ro­wohlt nann­te ihn ei­nen Ti­tan, der ganz al­lein die deut­sche Nach­kriegs­li­te­ra­tur be­strei­te. In­go­mar von Kie­se­ritz­ky starb am 5. Mai in Ber­lin.

John Lukacs, 95

Po­pu­lis­mus sah er als die größ­te Ge­fahr, als Be­dro­hung der Zi­vi­li­sa­ti­on schlecht­hin. Der ame­ri­ka­ni­sche His­to­ri­ker und Viel­schrei­ber (über 30 Bü­cher, zahl­lo­se Es­says und Re­zen­sio­nen) zi­tier­te re­gel­mä­ßig Al­exis de Toc­que­vil­les War­nung vor der »Ty­ran­nei der Mehr­heit«. John Lu­kacs, in Un­garn ge­bo­re­ner Sohn ei­ner jü­di­schen Mut­ter und ei­nes ka­tho­li­schen Va­ters, über­leb­te die un­ga­ri­sche Kol­la­bo­ra­ti­on mit den deut­schen Na­tio­nal­so­zia­lis­ten und floh nach dem Zwei­ten Welt­krieg vor den kom­mu­nis­ti­schen Macht­ha­bern nach Ame­ri­ka. Dank Ge­schichts­stu­di­um und her­vor­ra­gen­der Eng­lisch­kennt­nis­se fand Lu­kacs 1947 schnell eine fes­te An­stel­lung am Chest­nut Hill Col­le­ge in Phil­adel­phia, 47 Jah­re lang lehr­te er dort. Er be­zeich­ne­te sich selbst als Re­ak­tio­när und An­ti­kom­mu­nist. Se­na­tor Jo­seph Mc­Car­thy aber war für ihn ein »vul­gä­rer Dem­ago­ge«. In der Mc­Car­thy-Ära wur­den ech­te und ver­meint­li­che Kom­mu­nis­ten in den USA ver­folgt. Lu­kacs eck­te gern an. Der Kal­te Krieg sei als Kon­flikt zwi­schen De­mo­kra­tie und Kom­mu­nis­mus miss­ver­stan­den wor­den, sag­te er, und der Na­tio­na­lis­mus die stär­ke­re Kraft im 20. Jahr­hun­dert ge­we­sen – und so sei es ge­blie­ben, schrieb er 2008. Sein ab­so­lu­ter Held war Wins­ton Chur­chill, dem er mit dem Buch »Fünf Tage in Lon­don« ein Denk­mal setz­te. John Lu­kacs starb am 6. Mai in Pho­enix­vil­le, Penn­syl­va­nia.

Peter Mayhew, 74

Er ver­kör­per­te eine der po­pu­lärs­ten Fi­gu­ren der Film­ge­schich­te, ohne dass je ein Ki­no­be­su­cher sein Ge­sicht zu se­hen be­kam oder sei­ne ech­te Stim­me hör­te. Denn der Bri­te Pe­ter May­hew spiel­te in den »Star Wars«-Fil­men von 1977 bis 2015 den gut­mü­ti­gen Welt­raum­krie­ger Chew­bac­ca, ein af­fen­ar­ti­ges We­sen, das sei­nen Kum­pel Han Solo ali­as Har­ri­son Ford um zwei Köp­fe über­ragt. May­hew ver­schwand kom­plett in sei­nem Kos­tüm, ei­ner Mas­ke und ei­nem ver­filz­ten Ganz­kör­per­fell aus Mo­hair- und Yak-Haar. Chew­bac­cas Grunz­ge­räu­sche wa­ren das Werk der Sound­de­si­gner, ge­mischt aus Lau­ten von Wal­rös­sern, Bä­ren, Ti­gern, Ka­me­len und Dach­sen. Für den elas­ti­schen Gang der Fi­gur ließ sich May­hew, ur­sprüng­lich Kran­ken­pfle­ger, von Go­ril­las in­spi­rie­ren. Doch um beim Cas­ting den Re­gis­seur Ge­or­ge Lu­cas zu über­zeu­gen, muss­te er nur auf­ste­hen: May­hew war 2,21 Me­ter groß, eine Fehl­funk­ti­on der Hirn­an­hang­drü­se hat­te sein Wachs­tum als Teen­ager über­sti­mu­liert. Wenn er nicht vor der Ka­me­ra stand, trat er gern bei »Star Wars«-Fan­kon­gres­sen auf; bei ei­nem lern­te er sei­ne spä­te­re Frau ken­nen, eine Ame­ri­ka­ne­rin, und zog in die USA. Pe­ter May­hew starb am 30. April in Boyd, Te­xas, an ei­nem Herz­in­farkt.

Sie lesen die Vorschau

Sie haben diese Ausgabe bereits gekauft oder ein digitales Abo? Dann melden Sie sich mit Ihrer SPIEGEL-ID an, um den vollständigen Artikel zu lesen. MIT SPIEGEL+ LESEN – GRATIS TESTEN

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 20/2019.