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Seymour Cassel, 84

Er war ei­ner je­ner Film­schau­spie­ler, die un­voll­stän­dig wirk­ten, wenn sie kei­ne Zi­gar­re zwi­schen den Fin­gern oder eine Zi­ga­ret­te im Mund­win­kel hat­ten. Der in De­troit ge­bo­re­ne Sey­mour Cas­sel, un­ehe­li­cher Sohn ei­ner Bur­les­que­tän­ze­rin, konn­te wun­der­bar Gangs­ter oder Cops spie­len, die grö­ßer wir­ken woll­ten, als sie wa­ren, und sich ihre Ges­ten auf der Lein­wand ab­ge­schaut zu ha­ben schie­nen. Läs­sig und schmie­rig zu­gleich, ver­brei­te­te er die Gran­dez­za der Gos­se. Der Re­gis­seur John Cas­s­a­ve­tes ent­deck­te Cas­sel in den Fünf­zi­ger­jah­ren und be­setz­te ihn oft, dar­un­ter in »Ge­sich­ter« (1968), für den der Schau­spie­ler eine Os­car­no­mi­nie­rung er­hielt. Vie­le Jah­re nach dem frü­hen Tod des Re­gis­seurs fand Cas­sel in den über­bor­den­den Bil­der­wel­ten des Hol­ly­woo­dirr­wi­sches Wes An­der­son eine neue Hei­mat. Sein Cha­rak­ter­kopf mit dem ver­schmitz­ten Grin­sen, der Knol­len­na­se und der wei­ßen Tol­le, bei der man nicht si­cher war, ob sie aus Haa­ren oder aus Be­ton be­stand, pass­te per­fekt in An­der­sons von skur­ri­len Fi­gu­ren be­völ­ker­te Fil­me wie »Die Roy­al Te­nen­baums« (2001) oder »Die Tief­see­tau­cher« (2004). Nach die­sem Ge­sicht wird man im Kino fort­an ver­ge­bens Aus­schau hal­ten, mit Weh­mut. Sey­mour Cas­sel starb am 7. April in Los An­ge­les.

Werner Theurich, 64

Lan­ge hat­te er in der Mu­sik­bran­che ge­ar­bei­tet, auch als Plat­ten­kri­ti­ker. Im Jahr 2000 wech­sel­te er zu SPIEGEL ON­LINE. Dort be­treu­te Wer­ner Theu­rich die Le­ser­kom­men­ta­re un­ter den Ar­ti­keln. Es war eine Pio­nier­auf­ga­be mit durch­aus his­to­ri­scher Di­men­si­on. Im In­ter­net plu­ra­li­sier­te sich der me­dia­le Dis­kurs – und folg­te da­bei nicht im­mer den Sicht­wei­sen eta­blier­ter Me­di­en. Das Wut­bür­ger­tum, das Mit­te des Jahr­zehnts voll­ends in die Öffent­lich­keit drang, hat­te sich in den Kom­men­tar­spal­ten des SPIEGEL-ON­LINE-Fo­rums lan­ge an­ge­kün­digt. Auch stür­mi­sche Dis­kus­sio­nen mo­de­rier­te Theu­rich mit Ge­las­sen­heit und lei­sem Hu­mor: »Es ist schon al­les ge­sagt, nur noch nicht von al­len«, zi­tier­te er Karl Va­len­tin. Sein Aus­gleich wa­ren die Küns­te. Re­gel­mä­ßig schrieb er über Thea­ter und klas­si­sche Mu­sik. Wer­ner Theu­rich starb am 5. April in Ham­burg.

Sydney Brenner, 92

»So­lan­ge der Mensch exis­tiert, wird das Stre­ben nach Wis­sen wei­ter­ge­hen« – die­sen Satz schrieb Syd­ney Bren­ner, als er 2002 zu­sam­men mit Ro­bert Hor­vitz und John Suls­ton den No­bel­preis für Me­di­zin er­hielt. Der in Süd­afri­ka ge­bo­re­ne Sohn jü­di­scher Im­mi­gran­ten stu­dier­te Me­di­zin und Na­tur­wis­sen­schaf­ten, ging als Dok­to­rand nach Ox­ford und wech­sel­te an das La­bo­ra­to­ry of Mole­cu­lar Bio­lo­gy in Cam­bridge. Dort wid­me­te er sich der Ent­wick­lungs- und Mo­le­ku­lar­bio­lo­gie und mach­te ei­nen Fa­den­wurm be­rühmt, den heu­te je­der Bio­lo­gie­stu­dent kennt: Cae­nor­hab­di­tis ele­gans ist ein Mo­dell­or­ga­nis­mus für die Ana­ly­se von Zell­tei­lung und Zell­dif­fe­ren­zie­rung. Die­ses Tier be­steht aus 959 Kör­per­zel­len. Auf­ga­be und Ent­ste­hung je­der ein­zel­nen da­von sind be­kannt. Bren­ner ent­schlüs­sel­te mit der Hil­fe des Wurms De­tails über die ge­ne­ti­sche Re­gu­la­ti­on der Or­gan­ent­wick­lung. In ei­ner Welt zu le­ben, die vor al­lem im ei­ge­nen Kopf ent­ste­he, ma­che es nicht ein­fa­cher, in der rea­len Welt zu le­ben, no­tier­te er ein­mal. Syd­ney Bren­ner starb am 5. April in Sin­ga­pur.

Axel Schildt, 67

Sei­ne In­ter­es­sen und For­schungs­ge­bie­te hät­ten für meh­re­re deut­sche His­to­ri­ker­kar­rie­ren ge­reicht. Axel Schildt, 1951 in Ham­burg ge­bo­ren, in­ter­es­sier­te sich für al­les, was uns Zeit­ge­nos­sen um­gibt: die Stadt, die Me­di­en, die Ge­dan­ken und das, was nach Fei­er­abend pas­siert. Er ar­bei­te­te über die Ham­bur­ger Grin­del­hoch­häu­ser, das Kon­zept der Quer­front zwi­schen Rech­ten und Lin­ken so­wie der Ge­schich­te der Me­di­en­in­tel­lek­tu­el­len in der Bun­des­re­pu­blik. Er konn­te mit ei­nem kom­ple­xen Be­griff wie Zeit­geist wirk­lich et­was an­fan­gen, denn sei­ne wei­ten In­ter­es­sen­ge­bie­te er­laub­ten ihm fun­dier­te Ur­tei­le. Sei­ne aka­de­mi­sche Hei­mat war die Uni­ver­si­tät Ham­burg, de­ren For­schungs­stel­le für Zeit­ge­schich­te er seit 2002 lei­te­te. Aber er wirk­te weit dar­über hin­aus, ani­mier­te und in­spi­rier­te die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen in un­zäh­li­gen Kon­gres­sen. Axel Schildt starb am 5. April in Ham­burg.

Herlind Kasner, 90

Als An­ge­la Mer­kel im Fe­bru­ar die Eh­ren­bür­ger­ur­kun­de der Stadt Tem­plin über­reicht wur­de, stand ihre Mut­ter Her­lind Kas­ner wie im­mer wie­der bei öf­fent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen an ih­rer Sei­te. Die ge­bür­ti­ge Dan­zi­ge­rin folg­te 1954 ih­rem Mann, ei­nem evan­ge­li­schen Theo­lo­gen, mit ih­rer neu­ge­bo­re­nen Toch­ter An­ge­la von Ham­burg in die DDR. Drei Jah­re spä­ter zog die Fa­mi­lie nach Tem­plin. Die La­tein- und Eng­lisch­leh­re­rin konn­te in der DDR nicht im Schul­dienst ar­bei­ten, wohl auch we­gen der Tä­tig­keit ih­res Man­nes. Den­noch war sie im Bil­dungs­we­sen ak­tiv und gab bis vor Kur­zem an der Volks­hoch­schu­le von Tem­plin Sprach­kur­se. Her­lind Kas­ner starb An­fang April.

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