»Er war unkompli­ziert«

Die Augenzeugin Die Juristin Yvonne Radetzki, 49, leitet die Justizvollzugsanstalt Neumünster, in der der katalanische Separatistenführer Carles Puigdemont vergangenes Frühjahr 13 Tage lang inhaftiert war. Am Montag besuchte Puigdemont aus seinem belgischen Exil die JVA und übergab Radetzki eine Bücherspende für die Gefängnisbibliothek. Er wolle sich für die gute Behandlung bedanken, erklärte er.

• »Herr Pu­ig­de­mont hat­te fast gar nichts da­bei, als er am 25. März vo­ri­gen Jah­res zu uns ge­bracht wur­de. Die Po­li­zei hat­te ihn an die­sem Sonn­tag ja auf der Au­to­bahn auf­ge­grif­fen. Er war der ers­te Po­li­ti­ker, der bei uns ein­saß, so­weit ich das über­bli­cke. Aber er war voll­kom­men un­kom­pli­ziert. Er hat die Ge­fan­ge­nen­klei­dung ge­tra­gen, Jeans, blau­es Sweat­shirt, Turn­schu­he. Pu­ig­de­mont hat kei­ne Son­der­be­hand­lung be­kom­men und auch nicht dar­auf ge­pocht. Er ist ganz nor­mal mit den an­de­ren in die ge­setz­lich fest­ge­leg­te Frei­stun­de nach drau­ßen ge­gan­gen, er war gut in­te­griert. Man hat sich auf Eng­lisch un­ter­hal­ten, wir ha­ben aber auch ei­ni­ge Spa­nisch spre­chen­de Ge­fan­ge­ne. 28 Pro­zent un­se­rer rund 400 In­sas­sen sind Aus­län­der, die meis­ten aus Ost­eu­ro­pa. Der Haft­raum, in dem Pu­ig­de­mont ein­saß, hat 7,2 Qua­drat­me­ter, er liegt im denk­mal­ge­schütz­ten A-Haus, bis 1905 ge­baut. Dort wa­ren frü­her die Frau­en un­ter­ge­bracht, da­mals fand man, die brauch­ten nicht so viel Platz. Der Raum ist zweck­mä­ßig ein­ge­rich­tet, aber doch recht wohn­lich mit Mö­beln aus un­se­rer Tisch­le­rei: ei­nem Bett, ei­nem Schreib­tisch, ei­nem Re­gal, ei­nem Schrank für Wä­sche, ei­ner ab­ge­trenn­ten Toi­let­te und ei­nem Wasch­be­cken. Die 100 Bü­cher ka­ta­la­ni­scher Au­to­ren in deut­scher Über­set­zung, die uns Herr Pu­ig­de­mont jetzt ge­schenkt hat, sind Ro­ma­ne, Kri­mis, Sach­li­te­ra­tur, schon recht an­spruchs­voll. In­wie­weit das bei uns Le­ser fin­det, muss man ab­war­ten. Ei­nen Groß­teil da­von hat er of­fen­bar selbst ge­le­sen. Un­se­re Bi­blio­thek mit rund 6000 Bü­chern kön­nen die Ge­fan­ge­nen nicht selbst auf­su­chen, sie be­stel­len per Ka­ta­log und be­kom­men die Bü­cher, CDs oder DVDs dann ge­bracht. Auf ei­nen Ti­tel hat Herr Pu­ig­de­mont be­son­ders hin­ge­wie­sen: ›Weil Krieg ist‹, eine Ge­schich­te aus dem Spa­ni­schen Bür­ger­krieg der Au­to­rin Mer­cè Ro­do­re­da. Das sei sein Lieb­lings­buch, sag­te er. Si­cher­lich lei­he ich mir das selbst mal aus.«

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