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Scott Walker, 76

Dass ein Mu­si­ker sei­ne Kar­rie­re ei­gen­sin­nig be­ginnt und dann im­mer kom­mer­zi­el­ler wird, kommt häu­fig vor. Nur we­ni­ge Pop­stars neh­men den um­ge­kehr­ten Weg – Scott Wal­ker tat es be­son­ders ra­di­kal. Mit An­fang zwan­zig war der in den USA ge­bo­re­ne Sän­ger ein Su­per­star, als ei­ner der drei Wal­ker Bro­thers (die gar kei­ne Brü­der wa­ren und auch nicht so hie­ßen, sein bür­ger­li­cher Nach­na­me lau­te­te En­gel). »The Sun Ain't Gon­na Shi­ne Any More« wur­de 1966 ein Welt­hit, ei­nes der letz­ten Stü­cke des sin­fo­ni­schen Groß­pop, be­vor die Rock­mu­sik ihn weg­spül­te. Nach­dem die Band sich ge­trennt hat­te, nahm Wal­ker in kur­zer Zeit meh­re­re Al­ben auf, die eben­falls ei­ni­gen Er­folg hat­ten – be­vor er in eine jah­re­lan­ge De­pres­si­on rutsch­te. Seit den Acht­zi­gern kre­ierte Wal­ker eine Hand­voll Al­ben, die im­mer düs­te­rer, idio­syn­kra­ti­scher und schwe­rer hör­bar wur­den. Voll dunk­ler Ly­rics, durch die die Schön­heit sei­ner Ba­ri­ton­stim­me im­mer noch an­klang, und voll von ato­na­lem Ge­krat­ze als Be­glei­tung. Die Kri­tik lieb­te sie, auch weil die Ges­te der Ver­wei­ge­rung so kon­se­quent und groß war. Es war Mu­sik, die ei­gent­lich nicht sein woll­te. Scott Wal­ker starb am 22. März in Lon­don an Krebs.

Friedrich Achleitner, 88

Die Ar­chi­tek­tur bil­de­te das Fun­da­ment, auf dem der Öster­rei­cher Fried­rich Ach­leit­ner sein schrift­stel­le­ri­sches Schaf­fen auf­bau­te. Er hat­te in Wien an der Aka­de­mie der bil­den­den Küns­te stu­diert und nach sei­nem Ab­schluss 1953 als frei­er Ar­chi­tekt ge­ar­bei­tet. Doch bald lern­te er den Dich­ter Ger­hard Rühm ken­nen und fand über ihn zur »Wie­ner Grup­pe«, ei­nem Zu­sam­men­schluss ös­ter­rei­chi­scher Schrift­stel­ler. Ach­leit­ner ver­fass­te Ly­rik, oft im ober­ös­ter­rei­chi­schen Dia­lekt, stets in­ter­es­siert am Ex­pe­ri­ment. An­fang der Sech­zi­ger­jah­re über­nahm er eine Do­zen­tur an der Wie­ner Kunst­aka­de­mie. Im ös­ter­rei­chi­schen Feuille­ton führ­te er das Gen­re der Ar­chi­tek­tur­kri­tik ein und ar­bei­te­te über vier Jahr­zehn­te an ei­ner En­zy­klo­pä­die der ös­ter­rei­chi­schen Ar­chi­tek­tur des 20. Jahr­hun­derts, dem so­ge­nann­ten »Ach­leit­ner«. Spä­ter setz­te er sein li­te­ra­ri­sches Ar­bei­ten fort. Es habe in sei­nen Tä­tig­kei­ten zwar den ge­rings­ten Raum ein­ge­nom­men, aber »den größ­ten Stel­len­wert« ge­nos­sen, sag­te er. Fried­rich Ach­leit­ner starb am 27. März in Wien.

Rafi Eitan, 92

Schlech­tes Ge­hör, Horn­bril­le, klein ge­wach­sen – Rafi Ei­tan wirk­te nicht wie ein Meis­ter­spi­on, aber viel­leicht ge­lang ihm ge­ra­de des­halb ei­ner der größ­ten Coups der is­rae­li­schen Ge­heim­dienst­ge­schich­te: Mit ei­ner fin­gier­ten Au­to­pan­ne über­rasch­te Ei­tans Mossad-Kom­man­do 1960 den nach Ar­gen­ti­ni­en ge­flo­he­nen Or­ga­ni­sa­tor des Ho­lo­caust, Adolf Eich­mann. Eich­mann wur­de nach Is­ra­el ge­bracht, wo er vor Ge­richt ge­stellt und 1962 hin­ge­rich­tet wur­de. Der 1926 im Kib­buz Ein Char­od ge­bo­re­ne Ei­tan ar­bei­te­te in di­ver­sen is­rae­li­schen Ge­heim­diens­ten. Im Al­ter en­ga­gier­te er sich in der Po­li­tik – als Vor­sit­zen­der der »Rent­ner­par­tei« zog er 2006 mit sie­ben Sit­zen in die Knes­set ein. Er wur­de Mi­nis­ter für Se­nio­ren­an­ge­le­gen­hei­ten und küm­mer­te sich un­ter an­de­rem um die Ver­sor­gung der oft von Al­ters­ar­mut be­trof­fe­nen Ho­lo­caust-Über­le­ben­den. In ei­nem SPIEGEL-In­ter­view (37/​2008) deu­te­te er an, der Mossad kön­ne Irans da­ma­li­gen Staats­chef Mahmud Ah­ma­di­ned­schad ent­füh­ren und an den In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof in Den Haag über­ge­ben. Der ira­ni­sche Uno-Bot­schaf­ter leg­te dar­auf­hin beim Uno-Ge­ne­ral­se­kre­tär Be­schwer­de ein. Zu­letzt wur­den Ei­tans po­li­ti­sche Ein­las­sun­gen im­mer wir­rer. Im ver­gan­ge­nen Jahr un­ter­stütz­te er die AfD in ei­ner Vi­deo­bot­schaft, spä­ter dis­tan­zier­te er sich da­von. Rafi Ei­tan starb am 23. März in Tel Aviv.

Barbara Hammer, 79

Mit 30 Jah­ren habe sie zum ers­ten Mal das Wort »les­bisch« ge­hört, sag­te die ex­pe­ri­men­tel­le Fil­me­ma­che­rin ein­mal. Dann hat­te die stu­dier­te Psy­cho­lo­gin ihr Co­m­ing-out und ließ sich von ih­rem Ehe­mann schei­den. Ihr Le­ben als fe­mi­nis­ti­sche Künst­le­rin be­gann sie ohne weib­li­ches Vor­bild. Das war An­fang der Sieb­zi­ger­jah­re in Ka­li­for­ni­en, die Le­ga­li­sie­rung von Ho­mo­se­xua­li­tät lag noch in wei­ter Fer­ne. Bar­ba­ra Ham­mer fei­er­te die les­bi­sche Lie­be kom­pro­miss­los – und hat­te jede Men­ge Spaß da­bei. Das zeigt sich un­ter an­de­rem in ih­rem viel be­ach­te­ten Kurz­film »Dy­ket­ac­tics« (1974), in dem nack­te Frau­en aus­ge­las­sen mit­ein­an­der tan­zen, ihre Kör­per­lich­keit ze­le­brie­ren. An­fangs miss­ver­stan­den man­che Be­trach­ter Ham­mers Fil­me als por­no­gra­fisch, heu­te gilt sie als Pio­nie­rin der les­bi­schen Film­kunst. Ihre Fil­me sind oft col­la­gen­ar­tig ge­stal­tet, sel­ten li­ne­ar er­zählt. Sie er­hielt zahl­rei­che Prei­se, in­ter­na­tio­na­le Mu­se­en wid­me­ten sich ih­rem Werk, das mehr als 80 Fil­me um­fasst. Vor 13 Jah­ren wur­de Ei­er­stock­krebs bei Ham­mer dia­gnos­ti­ziert. Ge­mein­sam mit ih­rer Le­bens­ge­fähr­tin be­gann sie, sich für Ster­be­hil­fe zu en­ga­gie­ren. Und auch künst­le­risch setz­te sie sich mit dem Tod aus­ein­an­der. Noch im Ok­to­ber 2018 hielt sie ei­nen Per­for­mance-Vor­trag im New Yor­ker Whit­ney Mu­se­um: »Die Kunst zu ster­ben«. Bar­ba­ra Ham­mer starb am 16. März in Man­hat­tan.

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