»Lebende Schranke«

Die Augenzeugin Zweimal am Tag bewacht Rentnerin Karin Kratz einen unbeschrankten Bahnübergang in Eggingen, Baden-Württemberg. Die 74-Jährige arbeitet in einem aussterbenden Beruf – als Bahnübergangsposten.

• »2015 hat al­les an­ge­fan­gen, mit ei­ner An­non­ce im Ge­mein­de­blatt. Die bis vor Kur­zem still­ge­leg­te Bahn­li­nie von Walds­hut nach Eg­gin­gen war mit ei­nem Zug für Schü­ler wie­der­be­lebt wor­den – und man such­te drin­gend nach Wär­tern. Das Pro­blem war der Bahn­über­gang. Da gibt es zwar ein An­dre­as­kreuz, aber we­der Schran­ken noch eine Am­pel. Also dach­te ich mir: Je­mand muss es ja ma­chen, und ein paar Pfen­ni­ge Ent­schä­di­gung krie­ge ich auch. Am An­fang wa­ren wir noch zu zweit. Wir muss­ten zum Bahn­arzt, der un­se­re Au­gen und Oh­ren für taug­lich er­klärt hat. Mitt­ler­wei­le ist mein Kol­le­ge lei­der ver­stor­ben, des­we­gen ma­che ich den Job al­lein, an fünf Ta­gen pro Wo­che, zwei­mal pro Tag. Fe­ri­en habe ich dann in der schul­frei­en Zeit, ur­laubs­tech­nisch bin ich qua­si in den Leh­rer­stand auf­ge­stie­gen. Der Zug kommt je­weils um 13.50 Uhr und um 15.52 Uhr, dann ste­he ich mit Warn­wes­te und weiß-rot-wei­ßer Fah­ne an den Glei­sen und war­te auf das Pfei­fen der Lo­ko­mo­ti­ve, be­vor ich die Au­tos auf­hal­te. Ich bin eine le­ben­de Schran­ke, sage ich im­mer. Ar­beits­los wer­de ich erst, wenn ir­gend­wann die Am­pel kommt. Viel­leicht ist es so weit, wenn die Schü­ler auch mor­gens zur Schu­le mit dem Zug fah­ren kön­nen, bis­lang neh­men sie dann den Bus, der Zug fährt nur aus der Schu­le zu­rück. Der Über­gang ist kurz vor der Hal­te­stel­le. Aber ich rede sel­ten mit den Jun­gen und Mäd­chen, die hier aus­stei­gen, die grü­ßen mich auch nicht so oft. So ist die Ju­gend halt: Sie tut al­les, um nicht auf­zu­fal­len, oder sie macht Quatsch. Mit den Au­to­fah­rern hat­te ich da­ge­gen schon grö­ße­re Schwie­rig­kei­ten. Die meis­ten hal­ten an, wenn sie mei­ne Fah­ne se­hen, ein paar Leu­te fuh­ren zwar lang­sam, wa­ren al­ler­dings so in ihr Han­dy ver­tieft, dass ich mit der Fah­ne auf das Auto klop­fen muss­te, da­mit sie mich be­merk­ten. Mit ei­nem Fah­rer muss­te ich so­gar strei­ten. Der woll­te wis­sen, war­um ich hier rum­ste­he – ich hät­te hier nichts zu su­chen und sei oben­drein auf der fal­schen Stra­ßen­sei­te. Ich habe ge­sagt: ›Ers­tens kann ich mich nicht in zwei Stü­cke tei­len. Zwei­tens se­hen Sie mich von vorn, da wis­sen Sie ja, dass Sie brem­sen müs­sen.‹ Durch­set­zen kann ich mich schon. Bis jetzt hat noch je­der ge­hal­ten.«

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