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Klaus Kinkel, 82

Als er 1998 nach der Bun­des­tags­wahl sein Amt an Josch­ka Fi­scher ab­ge­ben muss­te, hat­te er in sei­nen sechs Jah­ren als Au­ßen­mi­nis­ter auf 445 Rei­sen 93 Län­der be­sucht und 687 Tage im Aus­land ver­bracht. Die ein­drucks­vol­le Sta­tis­tik, die ihm sei­ne Mit­ar­bei­ter zum Ab­schied prä­sen­tier­ten, konn­te nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass Kin­kel für sein Amt nicht mit der glei­chen Lei­den­schaft ge­brannt hat­te wie für die In­nen- und Rechts­po­li­tik. Ihm war es nicht ge­lun­gen, dem ge­wal­ti­gen Schat­ten Hel­mut Kohls zu ent­kom­men, der als Kanz­ler der Ein­heit die Neu­ord­nung Eu­ro­pas zur Chef­sa­che ge­macht hat­te. Die Di­plo­ma­ten frem­del­ten mit sei­nen schwä­bi­schen Flos­keln (»Dös isch zen­traaal wich­tig«), er war ih­nen oft zu rau­bau­zig, aber sie hiel­ten ihn im­mer­hin für ei­nen zu­tiefst an­stän­di­gen und auf­rech­ten Mann. Es war un­ge­wöhn­lich, dass er es als Be­am­ter so weit ge­bracht hat­te. Hans-Diet­rich Gen­scher, da­mals noch Bun­des­in­nen­mi­nis­ter, ent­deck­te den Ju­ris­ten aus Hechin­gen 1970 und stell­te ihn als per­sön­li­chen Re­fe­ren­ten ein. Es war der Be­ginn ei­ner stei­len Kar­rie­re. Der par­tei­lo­se Kin­kel wur­de Lei­ter des Mi­nis­ter­bü­ros, wech­sel­te 1974 mit Gen­scher ins Au­ßen­amt, stieg 1979 als ers­ter Zi­vi­list zum Chef des Bun­des­nach­rich­ten­diens­tes auf, be­vor er 1982 als Jus­tiz­staats­se­kre­tär nach Bonn zu­rück­kehr­te. Fast ein Jahr­zehnt lang wirk­te der »Pro­to­typ des po­li­ti­schen Kön­ners« (»Die Zeit«) an die­ser Schalt­stel­le der schwarz-gel­ben Ko­ali­ti­on. Vie­le wich­ti­ge Ge­setz­ent­wür­fe – Da­ten­schutz, Si­cher­heits­ge­set­ze, Aus­län­der- und Asyl­recht – tru­gen sei­ne Hand­schrift. 1989 such­te er das Ge­spräch mit den hun­ger­strei­ken­den RAF-Ter­ro­ris­ten im Stamm­hei­mer Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis. 1991 wur­de Kin­kel, der im Mi­nis­te­ri­um schon lan­ge als der ent­schei­den­de »Ma­cher« galt, Nach­fol­ger des ge­sund­heit­lich an­ge­schla­ge­nen Amts­in­ha­bers Hans A. En­gel­hard. Schon ein Jahr spä­ter wech­sel­te er nach dem über­ra­schen­den Rück­zug Gen­schers ins Au­ßen­amt. Der FDP war der eins­ti­ge Spit­zen­be­am­te erst spät bei­ge­tre­ten, 1991, kurz be­vor er Mi­nis­ter wur­de. Das hielt die Par­tei nicht da­von ab, ihn 1993 zu ih­rem Vor­sit­zen­den zu ma­chen. Es war das ein­zi­ge Amt, in dem der auf­rech­te Tech­no­krat schei­ter­te. Die Li­be­ra­len brauch­ten nur zwei Jah­re, um ih­ren an­fangs als Heils­brin­ger ge­fei­er­ten Chef zu de­mon­tie­ren. Klaus Kin­kel starb am 4. März in Sankt Au­gus­tin bei Bonn.

Arnulf Baring, 86

Es konn­te vor­kom­men, dass er in klei­nem Kreis eine Stun­de lang zu­hör­te, um sich dann zu Wort zu mel­den, in ei­nem Aus­bruch. Gro­ßer Un­sinn sei das, was er da ge­ra­de ver­nom­men habe, aus­ge­mach­ter Ko­ko­lo­res – so be­lehr­te er den Au­ßen­mi­nis­ter, der das Lob­lied auf den deut­schen Pa­zi­fis­mus ge­sun­gen hat­te, ein­mal auch die Kanz­le­rin, über de­ren Po­li­tik­wen­de er sich är­ger­te. Und die An­ge­grif­fe­nen lie­ßen es ge­sche­hen, über­rascht, auch ein­ge­schüch­tert durch die Re­pu­ta­ti­on, die Ba­ring als His­to­ri­ker und Chro­nist der Ära Brandt ge­noss (»Macht­wech­sel«). Ba­ring war ein lei­den­schaft­li­cher De­mo­krat, der dar­un­ter litt, wenn Men­schen un­ter ih­ren Mög­lich­kei­ten blie­ben, in­tel­lek­tu­ell, aber auch im Han­deln. Da­bei in­ter­es­sier­te ihn als Letz­tes die po­li­ti­sche Far­be. Erst ein­mal war ent­schei­dend, ob je­mand et­was zu sa­gen hat­te. Die­je­ni­gen, die ihn ab­lehn­ten, und das wa­ren in den stu­den­tisch be­weg­ten Sieb­zi­ger- und Acht­zi­ger­jah­ren an der Frei­en Uni­ver­si­tät in Ber­lin nicht we­ni­ge, konn­ten in ihm nur den Re­ak­tio­när se­hen. Alle an­de­ren streck­ten bald die Waf­fen vor sei­ner Neu­gier, sei­ner Be­geis­te­rungs­fä­hig­keit und sei­nem Wis­sen. Dass die De­mo­kra­tie ein viel zu wert­vol­les Ge­schenk sei, um sie den Lau­en und Sat­ten zu über­las­sen, das war Ba­rings tie­fe Über­zeu­gung. Aus die­ser folg­ten vie­le sei­ner Ein­mi­schun­gen, die ihn weit über sei­ne Pro­fes­si­on be­kannt mach­ten. Ar­nulf Ba­ring starb am 2. März in Ber­lin.

Keith Flint, 49

Dass die­ser Mann mit in­ne­ren Dä­mo­nen zu kämp­fen hat­te, war die Vor­aus­set­zung sei­ner Kar­rie­re. Nie­mand mit aus­ge­gli­che­nem Ge­fühls­haus­halt hät­te wohl so cha­ris­ma­tisch to­ben kön­nen, wie Flint es als Front­mann von The Pro­di­gy in den Neun­zi­gern tat. Die bri­ti­sche Band war die Ver­bin­dung zwi­schen Tech­no und Punk, und sie war so über­zeu­gend, weil Flint den re­bel­li­schen Klang ih­rer Mu­sik zu ver­kör­pern wuss­te. Die Vi­deo­clips zu Songs wie »Fi­re­star­ter« ha­ben bis heu­te nichts von ih­rer In­ten­si­tät ver­lo­ren. Am 4. März wur­de Keith Flint tot in sei­nem Haus in der Nähe von Lon­don ge­fun­den.

Werner Schneyder, 82

Beim Bo­xen blieb er Be­ob­ach­ter, als Kampf­rich­ter und Kom­men­ta­tor. Auf der Ka­ba­rett­büh­ne da­ge­gen teil­te er aus, al­lein oder als Part­ner von Die­ter Hil­de­brandt. Schney­der ver­mied es, sich auf ei­nen Be­ruf fest­zu­le­gen. Sich selbst be­zeich­ne­te der pro­mo­vier­te Pu­bli­zist gern als »Uni­ver­sal­di­let­tan­ten«. Er spiel­te in Fern­seh­fil­men mit, führ­te Re­gie, schrieb Wer­be­tex­te, Ge­dich­te, aber auch ein Buch über die Krebs­er­kran­kung sei­ner ers­ten Frau. Sein größ­tes Pu­bli­kum er­reich­te der Öster­rei­cher mit der Igel­fri­sur in den Sieb­zi­ger­jah­ren, als er im ZDF mehr­mals »Das ak­tu­el­le Sport­stu­dio« mo­de­rier­te. Von der Büh­ne ver­ab­schie­de­te er sich 2017 mit dem Pro­gramm »Das war's von mir«. Wer­ner Schney­der starb am 2. März in Wien.

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