Ein Re­tor­ten­kind pro Schul­klas­se. Per Kai­ser­schnitt kam Loui­se Brown am 25. Juli 1978 im eng­li­schen Old­ham zur Welt, 49 Zen­ti­me­ter groß und 2608 Gramm schwer – der ers­te »in vi­tro«, la­tei­nisch für »im Glas«, ge­zeug­te Mensch. Das ers­te Re­tor­ten­ba­by. Mit der Ge­burt des Mäd­chens be­gann das Zeit­al­ter der Re­pro­duk­ti­ons­me­di­zin: Mehr als acht Mil­lio­nen Kin­der sind mitt­ler­wei­le durch künst­li­che Be­fruch­tung ent­stan­den, in Deutsch­land seit 1997 mehr als 275 000. Bei rund zwei bis fünf Pro­zent der Neu­ge­bo­re­nen in ent­wi­ckel­ten Län­dern hel­fen Ärzte zu­vor im La­bor mit Pi­pet­te, Mi­kro­skop und Pe­tri­scha­le, dass Ei­zel­le und Sper­mi­um ver­schmel­zen – so­dass ein Le­ben be­gin­nen kann. 1978 nann­te der da­ma­li­ge Augs­bur­ger Bi­schof Jo­sef Stimpf­le die künst­li­che Be­fruch­tung »schlim­mer als die Atom­bom­be«, aber die Mög­lich­keit der Fort­pflan­zung mit me­di­zi­ni­scher Hil­fe ist für vie­le Leu­te zum Se­gen ge­wor­den. Zur letz­ten Hoff­nung, doch noch eine Fa­mi­lie zu grün­den, denn etwa je­des zehn­te Paar hat Schwie­rig­kei­ten, auf na­tür­li­chem Weg ein Kind zu zeu­gen. Die Zahl der Be­hand­lun­gen lag 1982 bei 742 und stieg im Lau­fe von 21 Jah­ren auf 105 854 in 2003. Die Ge­sund­heits­re­form führ­te 2004 zu ei­nem Rück­gang um 44 Pro­zent: Zahl­ten die Kran­ken­kas­sen bis da­hin vier Ver­su­che ei­ner künst­li­chen Be­fruch­tung kom­plett, fi­nan­zie­ren sie seit­dem nur drei Ver­su­che zur Hälf­te. Trotz­dem hat die Zahl der Be­hand­lun­gen in­zwi­schen wie­der an­nä­hernd das alte Ni­veau er­reicht. 2017 führ­ten Re­pro­duk­ti­ons­ärz­te laut dem Deut­schen IVF-Re­gis­ter 105 049 Be­hand­lun­gen durch. 20 754 Kin­der wur­den nach Ver­fah­ren ge­bo­ren, die 2016 be­gon­nen hat­ten. Im Schnitt sitzt heu­te in fast je­der Schul­klas­se ein Re­tor­ten­kind.

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