Anfangs sieht es gar nicht so schlecht aus mit der Gleich­stellung. Unter den Computer­pionieren finden sich viele Frauen, bis in die 1980er Jahre wächst in den USA der Anteil weiblicher Studierender im Fach Informatik sogar schneller als der männlicher. Doch dann erobert der Personal Computer die Kinderzimmer, und alles wird anders.

Die Zielgruppe der Computer­industrie: Jungs. In der Populär­kultur, in Fernseh­serien und Filmen dominieren Brille tragende Nerds, program­mierende Mädchen hingegen sind selten. So landet der PC immer häufiger im Kinder­zimmer des Sohnes. Computer­vorwissen – fürs IT-Studium bis dato kaum relevant – wird bald zum Wettbewerbs­vorteil gegenüber Frauen:

Die Nachwirkungen starrer Rollenbilder sind bis heute weltweit spürbar. Überall ringen Program­miererinnen um Anerkennung in einer Männer­domäne. Egal ob in Europa, Afrika oder Südamerika – sie wollen zeigen: Auch Frauen können Nerds sein.

Peru

Für Angie Condor Macuri bedeutet ein Job in der IT vor allem eins: Aufstiegs­chancen. Ihren Sohn erzieht sie allein, und Perus boomender Tech-Sektor verspricht gutes Geld. Aber die Hürden sind hoch – in der Hauptstadt Lima steht Condor einer Macho­gesellschaft gegenüber.

Hilfe versprechen Unternehmen wie „Laboratoria“. Die Nichtregierungs­organisationen schult junge Frauen aus sozial schwachen Schichten, um ihnen durch IT-Fähigkeiten ein Leben in finanzieller Selbst­bestimmtheit zu ermöglichen:

Bis jetzt zählt „Laboratoria“ rund 600 Absolven­tinnen. Das Ziel ist ambitioniert: Mit einer neuen Generation zu Program­miererinnen ausgebildeter Frauen soll die Geschlechter­ungleich­heit endlich überwunden werden.

IT-Skills als Katalysator für Gleich­berechtigung? Nicht nur in Peru hat sich dieser Gedanke durchgesetzt. Auch in Afrika wollen Frauen mithilfe von Organisationen die Branche umkrempeln und stoßen dabei auf Widerstand.

Tansania

Die 18-jährige Hyasinta Joseph Luhanga kommt aus der Hauptstadt Dodoma. Sie ist für die Schule in die Metropole Daressalam gezogen, wo sie in einem Zusatzkurs das Programmier­handwerk erlernt. In einer Gesellschaft, in der ein Viertel der Erwachsenen nicht lesen und schreiben kann, sind IT-Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt sehr begehrt:

Und im Rest der Welt? Hartnäckig zeigt sich die Geschlechter­ungleichheit auch dort, wo die IT-Branche besonders groß ist und wo sich diskrimi­nierende Strukturen schon lange etabliert haben – in den Industrieländern.

Deutsch­land

Die in Berlin lebende Programmiererin Eva Göttert kennt die Gender-Probleme in der Branche nur allzu gut und weiß, wie schwer es ist, aus den Klischees auszubrechen. Doch sie hat sich durchgesetzt:

Als Ende der Achtziger-, Anfang der Neunzigerjahre die IT-Branche in Deutschland und anderen Industrie­ländern zu boomen beginnt, sind es vor allem Männer, die zur Tastatur greifen. Und noch immer sind Frauen wie Eva Göttert stark unter­repräsentiert. Was also tun?

Die Zukunft

Die positive Nachricht: Initiativen wie jene in Peru und Tansania funktionieren. Frauen, die an solchen Programmen teilnehmen, setzen sich häufiger in der IT-Branche durch, gewinnen Preise und finden Investoren für ihre Startups.

„Apps & Girls“ will bis 2025 eine Million Mädchen schulen. „Laboratoria“ bildet mittlerweile in mehreren latein­amerikanischen Ländern aus. Nach eigenen Angaben finden drei von vier Abgängerinnen einen Job bei Firmen wie Google. Doch auch dort ist der Weg noch weit:

Sogar die modern wirkenden IT-Riesen im Silicon Valley tun sich schwer. Hier entwickeln junge weiße Männer vor allem Software­lösungen für junge weiße Männer.

Der „Global Fund for Women“ warnt: Wenn vor allem Männer die gegenwärtige Technologie­revolution weiter vorantrieben, könnten Frauen diese nicht mit ihren Lebens­erfahrungen aktiv mitgestalten. Doch Menschen wie Eva Göttert wollen keinesfalls nur passive Verbraucherinnen sein:

Ein Land kann sein Potenzial nur voll entfalten, wenn Frauen ihr Potenzial voll entfalten. Sheryl Sandberg
Facebook-Geschäftsführerin

Team

Autoren
Michele Bertelli, Felix Lill, Javier Sauras

Fotos
Javier Sauras

Videos
Michele Bertelli

Grafik
Jennifer Friedrichs

Layout
Elsa Hundertmark

Motion Design
Lorenz Kiefer

Dokumentation
Cordelia Freiwald

Programmierung
Tobias Hellwig, Lorenz Kiefer

Redaktion
Alexander Epp

Die Recherche wurde durch das Stipendium „Innovation in Development Reporting“ des European Journalism Centre gefördert, finanziert durch die Bill & Melinda Gates Foundation. Ausschrei­bungs­thema sind die Ziele für nach­haltige Entwicklung der Vereinten Nationen. Die Förderer haben keinen Einfluss auf die inhalt­liche Arbeit genommen.

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