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GE­STOR­BEN

STEFAN MOSES, 89

Ab­ge­lei­tet aus dem Grie­chi­schen be­deu­tet fo­to­gra­fie­ren „mit Licht schrei­ben“, und das trifft ge­nau, was der in Schle­si­en ge­bo­re­ne Ste­fan Mo­ses tat. Mit sei­nen Por­träts schrieb er deut­sche Ge­schich­te, wes­halb er den Eh­ren­ti­tel „Chro­nist der Bun­des­re­pu­blik“ zu Recht trägt. Die Na­zis ver­bo­ten ihm als so­ge­nann­tem Halb­ju­den 1943 den Schul­be­such, spä­ter zwan­gen sie ihn in ein Ar­beits­la­ger. Mo­ses konn­te flie­hen und ab­sol­vier­te 1947 sei­ne Ge­sel­len­prü­fung im Fo­to­gra­fen­hand­werk. Als Büh­nen­fo­to­graf am Na­tio­nal­thea­ter Wei­mar sam­mel­te er ers­te Be­rufs­er­fah­rung. Die Welt des Thea­ters in­spi­rier­te Mo­ses, Spiel und spie­le­ri­sche In­sze­nie­rung zeich­nen sein Werk aus. Spiegel und Mas­ken, auch Tie­re ka­men zum Ein­satz, er selbst lieb­te Kat­zen über al­les. Mo­ses brach­te Phi­lo­so­phen, Po­li­ti­ker, aber auch Hand­wer­ker oder Ta­ge­löh­ner dazu, sich zu zei­gen, wie sie sich selbst sa­hen – oder gern ge­se­hen wer­den woll­ten. Mo­ses glaub­te nicht an den ei­nen ent­schei­den­den Au­gen­blick, der mit dem Aus­lö­ser fest­ge­hal­ten wer­den kann. Er sam­mel­te. Vor sei­nem Ob­jek­tiv stemm­te Franz Jo­sef Strauß eine Han­tel aus Holz in die Höhe; Wil­ly Brandt ging mit ihm in den Wald, nach dem Mau­er­fall lock­te Mo­ses Kö­chin­nen in der bald ehe­ma­li­gen DDR auf ein gro­ßes grau­es Filz­tuch, um sie zu fo­to­gra­fie­ren. Die Han­tel, der Wald, das Tuch stell­ten dann die Ver­bin­dung her zwi­schen den zahl­rei­chen so un­ter­schied­li­chen Prot­ago­nis­ten in Se­ri­en mit Ti­teln wie „Es muss end­lich gehan­telt wer­den“, „Die gro­ßen Zeit­zeu­gen“ oder „Ab­schied und An­fang“. Die Viel­zahl deut­scher Zeit­ge­nos­sen – von Hein­rich Böll über Lo­ri­ot bis zum Stra­ßen­keh­rer –, die Mo­ses in Schwarz-Weiß un­sterb­lich ge­macht hat, sind durch ihre Mensch­lich­keit ver­bun­den. Fo­to­gra­fie­ren war für ihn ein Pro­zess, de­fi­niert durch das Mit­ein­an­der von Künst­ler und Por­trä­tier­tem, ein Ge­ben und Neh­men, im­mer von Neu­gier und Re­spekt ge­prägt. In ei­nem Ge­dicht wünsch­te sich Mo­ses: „Ich möch­te gern im Ste­hen ster­ben / und gleich dar­auf zur Bu­che wer­den“; sei­ne Er­ben bat er, das Gie­ßen nicht zu ver­ges­sen. Ste­fan Mo­ses starb am 3. Fe­bru­ar in Mün­chen.

GE­STOR­BEN

ROLF ZACHER, 76

Er kam in ei­nem Taxi zur Welt – sein Le­ben be­gann un­stet und blieb es auch. Der Schau­spie­ler Rolf Za­cher, der 1981 den Bun­des­film­preis für sei­ne Rol­le in „End­sta­ti­on Frei­heit“ be­kom­men soll­te, wuchs in den Vier­zi­ger­jah­ren als Flücht­lings­kind in Bran­den­burg auf. Er flog von der Schu­le, mach­te eine Bä­cker- und Kon­di­tor­leh­re und wur­de we­gen Zi­ga­ret­ten­dieb­stahls ver­ur­teilt. Er ver­dien­te sein Geld als Kell­ner, Rock-'n'-Roll-Tän­zer und Bar­mi­xer, bis er in Ber­lin von ei­nem Re­gis­seur ent­deckt wur­de. In über 250 Film- und Fern­seh­pro­duk­tio­nen spiel­te Za­cher mit, von „Tat­ort“-Fol­gen bis zu Rai­ner Wer­ner Fass­bin­ders „Ber­lin Alex­an­der­platz“. Klein­kri­mi­nel­le, Ga­no­ven und, wie ein Kri­ti­ker ein­mal schrieb, „Leu­te, die sich durchs Le­ben mo­geln“, wa­ren die Men­schen, die er am häu­figs­ten ver­kör­per­te. Rolf Za­cher starb am 3. Fe­bru­ar in Bü­dels­dorf bei Rends­burg.

GE­STOR­BEN

GREGOR DORFMEISTER, 88

Un­zäh­li­ge Male war das Ma­nu­skript sei­nes bio­gra­fisch mo­ti­vier­ten Ro­mans zu­rück­ge­wie­sen wor­den: „im In­halt zu scho­ckie­rend“, so meist die Be­grün­dung. Der Jour­na­list Gre­gor Dorf­meis­ter, Jahr­gang 1929, hat­te die Hoff­nung auf eine Ver­öf­fent­li­chung schon auf­ge­ge­ben, als „Die Brü­cke“ 1958 un­ter sei­nem Pseud­onym Man­fred Gre­gor er­schien. Das Buch er­zählt die Ge­schich­te ei­nes sinn­lo­sen Kriegs­ein­sat­zes von sie­ben Jun­gen, die in den letz­ten Ta­gen des Zwei­ten Welt­kriegs eine un­wich­ti­ge Brü­cke ver­tei­di­gen soll­ten. Sechs der 16-Jäh­ri­gen ster­ben, die Brü­cke wird ge­sprengt. Das Buch wur­de in mehr als 20 Spra­chen über­setzt und durch die Ver­fil­mung von Bern­hard Wi­cki zu ei­nem Klas­si­ker der An­ti­kriegs­er­zäh­lun­gen. Gre­gor Dorf­meis­ter starb am 4. Fe­bru­ar in Bad Tölz.

GE­STOR­BEN

DENNIS EDWARDS, 74

An so ei­nem Le­ben lässt sich Ge­schich­te stu­die­ren, jene des Rhythm & Blues, des Soul, des Pop – all die Rich­tun­gen, in de­nen Schwar­ze nach dem Zwei­ten Welt­krieg die Mu­sik re­vo­lu­tio­nier­ten und die Kul­tur der gan­zen Welt bis heu­te prä­gen. Ge­bo­ren wur­de Den­nis Ed­wards im tiefs­ten Ala­ba­ma, in den frü­hen Fünf­zi­ger­jah­ren zo­gen die El­tern nach De­troit. Der Va­ter war Pre­di­ger, die Mut­ter ver­bot dem Sohn, zu Hau­se welt­li­che Mu­sik zu hö­ren und zu sin­gen. Sei­ne Kar­rie­re als Sän­ger be­gann Ed­wards in ei­ner Gos­pel­grup­pe, und doch be­kam er Mit­te der Sech­zi­ger­jah­re ei­nen Ver­trag beim le­gen­dä­ren Mo­town-La­bel, das aus dem Rhythm & Blues der Schwar­zen Pop­mu­sik für ein neu­es, jun­ges Ame­ri­ka mach­te. Aus­ge­rech­net 1968 durf­te Ed­wards den di­ven­haf­ten und dem Ko­ka­in ver­fal­le­nen Da­vid Ruf­fin als Lead­sän­ger der Temp­ta­ti­ons er­set­zen. Sei­ne wuch­ti­ge, dunk­le und drän­gen­de Stim­me pass­te bes­ser zu dem neu­en, von Rock und Psy­che­de­lic ge­präg­ten Sound der Band. „Cloud Nine“, „Ball of Con­fu­si­on“ oder „Papa Was a Rol­lin' Sto­ne“ hei­ßen die bis heu­te un­ver­ges­se­nen Hits. Sie sind Hym­nen ei­nes schwar­zen Auf­be­geh­rens. Den­nis Ed­wards starb am 1. Fe­bru­ar in Chi­ca­go. Die To­des­ur­sa­che ist bis­lang un­ge­klärt. Die Po­li­zei er­mit­telt. Im Ja­nu­ar hat­ten of­fi­zi­el­le Stel­len der Ehe­frau Bren­da Ed­wards ein Kon­takt­ver­bot auf­er­legt, nach Vor­wür­fen, sie habe den Sän­ger er­dros­seln wol­len. Die Wit­we weist alle Vor­wür­fe zu­rück.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 7/2018.