Per­so­na­lien

# feminismus

• Es war nachts, im Ja­nu­ar 2013, auf Twit­ter: Die Jour­na­lis­tin Lau­ra Him­mel­reich hat­te kurz zu­vor die Be­läs­ti­gung durch den FDP-Po­li­ti­ker Rai­ner Brü­der­le pu­blik ge­macht – und vie­le Frau­en pos­te­ten ähn­li­che Ge­schich­ten. Da twit­ter­te die Fe­mi­nis­tin Anne Wi­zo­rek, ge­bo­ren 1981: »Wir soll­ten die­se Er­fah­run­gen un­ter ei­nem Hash­tag sam­meln.« Sie schlug #auf­schrei vor. Das war fast fünf Jah­re vor #Me­Too, da­mals lo­der­te eine De­bat­te auf, wie es sie in Deutsch­land nie ge­ge­ben hat­te – über se­xua­li­sier­te Ge­walt ge­gen Frau­en und Dis­kri­mi­nie­rung. Da­für be­kam #auf­schrei ei­nen Grim­me On­line Award, als ers­tes Hash­tag über­haupt. Doch das ist das Schwie­ri­ge bei ei­nem Kampf ge­gen ver­al­te­te Struk­tu­ren: Es war nicht leicht für Wi­zo­rek und an­de­re, das The­ma so zu ver­an­kern, dass es blieb. Vie­le Frau­en, die sich ge­äu­ßert hat­ten, wur­den still. Der Dis­kurs wur­de lei­ser; Wi­zo­rek und an­de­re fach­ten ihn im­mer wie­der an. Doch es brauch­te schon #Me­Too mit ei­nem Knall, der aus Hol­ly­wood er­tön­te, um eine brei­te­re Öffent­lich­keit auf­zu­schre­cken. Wi­zo­rek sagt, sie sei et­was frus­triert ge­we­sen, weil in den Me­di­en dis­ku­tiert wor­den sei, als wäre die De­bat­te neu. »Müs­sen es erst Ver­ge­wal­ti­gun­gen sein, um dar­über spre­chen zu dür­fen?«, fragt sie. »Muss­ten die be­trof­fe­nen Frau­en be­rühmt sein, da­mit zu­ge­hört wird?« 2014 schon hat Wi­zo­rek ein Buch ge­schrie­ben, es heißt: »Weil ein #auf­schrei nicht reicht«. Sie be­hielt recht. Und macht wei­ter.

1977

Studentische Suppento­maten

• Mit­te Sep­tem­ber kehr­te Hel­ke San­der, 81, an den Ort ih­res Ren­dez­vous mit der Ge­schich­te zu­rück. Am 13. Sep­tem­ber 1968 hat­te die da­ma­li­ge Film­stu­den­tin und spä­te­re Fil­me­ma­che­rin und Au­to­rin vor den De­le­gier­ten des So­zia­lis­ti­schen Deut­schen Stu­den­ten­bun­des eine Rede ge­hal­ten, die als das Grün­dungs­ma­ni­fest der Frau­en­be­we­gung der Sieb­zi­ger­jah­re gilt. Als die Spre­che­rin des »Ak­ti­ons­rats zur Be­frei­ung der Frau­en« von den Män­nern igno­riert wur­de, warf eine Ber­li­ner Stu­den­tin Sup­pen­to­ma­ten auf die so­zia­lis­ti­schen Pa­tri­ar­chen. 50 Jah­re da­nach zog San­der im Frank­fur­ter Rö­mer vor rund 400 Frau­en und 5 Män­nern ein am­bi­va­len­tes Re­sü­mee. Sie sehe »der Zu­kunft nicht op­ti­mis­tisch ent­ge­gen«, sag­te sie, »weil Frau­en nach wie vor an den Zer­stö­run­gen« teil­näh­men. Aber sie räum­te auch ein: »Wir, un­se­re Ge­ne­ra­ti­on hat von un­se­ren An­stren­gun­gen auf je­den Fall pro­fi­tiert. Als Frau­en kön­nen wir glück­li­cher sein als Tau­sen­de Ge­ne­ra­tio­nen vor uns.«

Bürgerliche Freiheiten

»Dem Reich der Frei­heit wer­b' ich Bür­ge­rin­nen« – er­staun­lich mo­dern dach­te Loui­se Otto-Pe­ters (1819 bis 1895), die dies 1849 schrieb. Sie war eine der Ers­ten, die das Un­ge­heu­er­li­che for­der­ten: das Wahl­recht für die Frau­en! Dass es am 12. No­vem­ber 1918 ver­kün­det wur­de, also vor ziem­lich ge­nau 100 Jah­ren, dazu trug sie ih­ren be­trächt­li­chen Teil bei. In Mei­ßen wur­de sie ge­bo­ren, ein Kind aus bür­ger­li­chem Hau­se, früh ver­waist und stark ge­nug, sich Bil­dung an­zu­eig­nen und fort­schritt­li­che po­li­ti­sche An­sich­ten, die sie als Schrift­stel­le­rin und als Pu­bli­zis­tin ver­brei­te­te. Be­geis­tert von 1848 – dem »hei­li­gen Jahr der Frei­heit« – und gleich­zei­tig ent­täuscht, weil die In­ter­es­sen von Frau­en beim Auf­stand nicht vor­ka­men, trieb sie die Sa­che in der »Frau­en-Zei­tung«, vor­an, die sie selbst her­aus­gab. Nach etwa drei Jah­ren war Schluss, dann durf­te sie nicht mehr – ih­ret­we­gen wur­de in Sach­sen ein Ge­setz ver­fasst, das weib­li­che Her­aus­ge­ber­schaft von Zei­tun­gen ver­bot. Loui­se Otto-Pe­ters kämpf­te ge­gen männ­li­che Do­mi­nanz, stell­te aber auch kla­re An­sprü­che: »Die Teil­nah­me der Frau­en an den In­ter­es­sen des Staa­tes ist nicht nur Recht, son­dern Pflicht«, be­fand sie. Manch eine ih­rer For­de­run­gen klingt ver­traut, klingt wie ein Kom­men­tar zu ak­tu­el­len De­bat­ten über Ehe­gat­ten­split­ting oder Lohn­dif­fe­renz zwi­schen Mann und Frau: Sie will weib­li­che Selbst­stän­dig­keit, »fern von der Will­kür männ­li­cher Er­näh­rer«.

Kirch­knopf, Gram­bow

Vieraugen­prinzip

Zeigen, was ist: Fünf gemischte Doppel aus Fotografin und Fotograf, Illustratorin und Illustrator waren für dieses Heft damit beschäftigt, die Welt aus jeweils zwei Perspektiven zu sehen.

• Die Ti­tel­bil­der und die Por­trätstre­cke am An­fang die­ser be­son­de­ren SPIEGEL-Aus­ga­be wa­ren in Frau­en­hand; im üb­ri­gen Heft ging es pa­ri­tä­tisch zu. Drei Fo­to­graf­en­teams und ein Il­lus­tra­to­ren­team, je­weils be­ste­hend aus ei­nem Mann und ei­ner Frau, er­wei­ter­ten die Ge­schich­ten und Be­rich­te um ihre Blick­win­kel und er­zähl­ten da­mit ei­ge­ne Ge­schich­ten.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 54/2018.