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Fides Krause-Brewer, 99

Am 24. No­vem­ber 1949 kam es zum Streit im Bon­ner Bun­des­tag. Es ging um die Ruhr­be­hör­de. Die CDU-Ab­ge­ord­ne­ten schlu­gen vor Wut die Pult­de­ckel auf und zu, der SPD-Vor­sit­zen­de be­lei­dig­te den Kanz­ler so scharf, dass er für 20 Ple­nar­sit­zun­gen aus­ge­schlos­sen wur­de. Auf den Zu­schau­er­rän­gen saß eine jun­ge Frau, die all das fas­zi­nie­rend fand. So be­gann die Kar­rie­re von Fi­des Krau­se-Bre­wer, an de­ren Ende sie von In­ten­dan­ten, Zeit­ge­nos­sen und Kol­le­gen als die »Gran­de Dame des Wirt­schafts­jour­na­lis­mus« be­zeich­net wer­den soll­te. Sie spe­zia­li­sier­te sich auf so­ge­nann­te Frau­en­the­men, er­in­ner­te sie sich in ih­rer Au­to­bio­gra­fie, auch weil sich kein an­de­rer da­für in­ter­es­sier­te. 1962 warb das ZDF sie an, sie wur­de Kor­re­spon­den­tin für Wirt­schafts- und So­zi­al­po­li­tik. Im­mer selbst­be­wusst, im­mer mit Sach­ver­stand, Pio­nie­rin in ei­ner Welt, die von Män­nern do­mi­niert wur­de. Am 9. Au­gust starb Fi­des Krau­se-Bre­wer nach ei­nem lan­gen Le­ben, in dem sie kei­ne blo­ße Zu­schaue­rin war, son­dern Zu­schau­er hat­te.

Edelgard Huber von Gersdorff, 112

Die Eman­zi­pa­ti­on der Frau, so glaub­te die Frau, die ei­ni­ge Zeit die äl­tes­te Deutsch­lands ge­we­sen sein soll, sei »rich­tig«, ein lo­gi­sches Er­geb­nis des Wel­ten­laufs: »Das er­gab sich schon aus dem Krieg.« Die­se Hal­tung do­ku­men­tiert ei­nen bo­den­stän­di­gen Prag­ma­tis­mus, der die Nach­fah­rin ei­ner urad­li­gen deut­schen Fa­mi­lie of­fen­bar aus­zeich­ne­te. Grund­sätz­lich op­ti­mis­tisch blick­te sie auf die Welt, die sich seit ih­rer Ge­burt 1905 in Gera doch er­heb­lich ver­än­dert hat­te. Mit 14 Jah­ren lern­te sie ih­ren spä­te­ren Mann Walt­her Hu­ber ken­nen, den ers­ten Mann, den sie dann duz­te. Er un­ter­stütz­te sie, als sie mit 22 Jah­ren an Po­lio er­krank­te, sie lern­te wie­der ge­hen und war als Jus­ti­zi­a­rin bei ei­ner Bank tä­tig. Mit ihm be­reis­te sie die Welt. Eng­stir­nig­keit war ihr fremd, die Idee der EU hielt sie für rich­tig, eben­so die Flücht­lings­po­li­tik von Kanz­le­rin Mer­kel. An­läss­lich ih­res 111. Ge­burts­tags sag­te sie: »Der Kopf macht zum Glück noch mit, da­für bin ich herz­lich dank­bar.« Edel­gard Hu­ber von Gers­dorff starb am 9. April in Karls­ru­he.

Maria Beig, 97

Ihr li­te­ra­ri­sches De­büt »Ra­ben­kräch­zen« ver­öf­fent­lich­te Ma­ria Beig, da hat­te sie be­reits 62 Jah­re ge­lebt und lan­ge als Haus­wirt­schafts­leh­re­rin ge­ar­bei­tet, in ei­nem Be­ruf, der sie nicht er­füll­te. Sie hat­te ih­ren Sohn ver­lo­ren, mit ei­ner De­pres­si­on ge­run­gen und hat­te sich früh­zei­tig pen­sio­nie­ren las­sen. Von die­sen Las­ten schrieb sie sich schließ­lich frei und blick­te auf vier Ge­ne­ra­tio­nen ih­rer Fa­mi­lie zu­rück, in der sie ei­nes von 13 Kin­dern war. Da­nach ver­öf­fent­lich­te sie fast jähr­lich neue Bü­cher und wur­de zur Chro­nis­tin des bäu­er­li­chen Le­bens in ih­rer Hei­mat Ober­schwa­ben, die sich der Mo­der­ni­sie­rung stel­len muss­te. Im­mer schrieb sie kraft­voll und nüch­tern und nie ei­nen Satz zu viel. Gan­ze Cha­rak­te­re und Schick­sals­schlä­ge pass­ten da hin­ein. In »Her­mi­ne. Ein Tier­le­ben« er­zähl­te sie die Bio­gra­fie ei­ner Bau­ern­toch­ter in 64 Un­glücks­fäl­len mit Tie­ren. Und in »Bunt­spech­te« ar­bei­te­te sie das Ge­fühl der Hei­mat­lo­sig­keit in den Nach­kriegs­jah­ren auf. Mit ih­rer Au­to­bio­gra­fie »Ein Le­bens­weg« blick­te sie zu­letzt dis­tan­ziert auf sich selbst. Im Nach­wort ih­res De­büts schrieb ihr För­de­rer Mar­tin Wal­ser: »Stell dir vor, Ma­ria Beig gäb es nicht, oder sie hät­te nicht ge­schrie­ben! Dann wäre al­les sang- und klang­los un­ter­ge­gan­gen. Dann wäre die deut­sche Li­te­ra­tur um ei­nen deut­li­chen Pos­ten saft- und kraft­lo­ser ge­blie­ben.« Ma­ria Beig ver­fass­te ihre Wer­ke in Fried­richs­ha­fen. Dort starb sie am 3. Sep­tem­ber.

Karin Wolff, 67

Schon nach ih­rer ers­ten Po­len­rei­se sei klar ge­we­sen: »Wo ich hin­ge­hö­re, ist dort, nicht hier.« Dort habe sie die Frei­heit ge­fun­den, sag­te die Über­set­ze­rin Ka­rin Wolff. In der DDR war der in Frank­furt/​Oder ge­bo­re­nen Toch­ter ei­nes Un­ter­neh­mers das Stu­di­um ver­wehrt wor­den. Sie wur­de als zu bour­geois, zu christ­lich be­fun­den. Der an­ge­ord­ne­te »so­zia­lis­ti­sche Ar­beits­pro­zess«, Holz­ver­la­den in ei­ner Mö­bel­fa­brik, führ­te zu ei­nem Rü­cken­lei­den. Ein lan­ger Kli­nik­auf­ent­halt schenk­te ihr die Zeit, die ihr Le­ben ver­än­dern soll­te: Sie brach­te sich selbst Pol­nisch bei, eine Lei­den­schaft nahm ih­ren An­fang. Wolff über­setz­te für ost- und west­deut­sche Ver­la­ge bis 1989 rund 30 Bü­cher. Auch die Kö­nigs­dis­zi­plin, die Ly­rik, meis­ter­te sie mit Fein­ge­fühl und Prä­zi­si­on. Mit dem Sam­mel­band »Hiob 1943« hat­te sie 1983 an das War­schau­er Ghet­to er­in­nert. Sie en­ga­gier­te sich für So­li­dar­ność, schmug­gel­te Flug­blät­ter in die DDR und über­setz­te sie un­ter dem Pseud­onym »Schwar­ze Kat­ze«; die­ses po­li­ti­sche En­ga­ge­ment gibt der Be­zeich­nung »Kul­tur­ver­mitt­le­rin«, die Wolff zu­teil­wur­de, eine be­son­de­re Be­deu­tung. Sie über­trug auch die Er­in­ne­run­gen des Ho­lo­caust-Über­le­ben­den Wla­dys­law Sz­pil­man ins Deut­sche, die spä­ter als Grund­la­ge für den os­car­prä­mier­ten Polan­ski-Film »Der Pia­nist« dien­ten. Ka­rin Wolff starb am 29. Juli in Frank­furt/​Oder.

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