Haus­mit­tei­lung

Mo­re­no

Die­ses Haus ist er­schüt­tert. Uns ist das Schlimms­te pas­siert, was ei­ner Re­dak­ti­on pas­sie­ren kann. Wir hat­ten über Jah­re Re­por­ta­gen und an­de­re Tex­te im Blatt, die nicht die Wirk­lich­keit ab­bil­de­ten, son­dern in Tei­len er­fun­den wa­ren. Un­ser Kol­le­ge Claas Re­lo­ti­us hat sich nicht auf die Re­cher­che ver­las­sen, son­dern sei­ne Fan­ta­sie ein­ge­setzt, hat sich Zi­ta­te, Sze­nen, Per­so­nen aus­ge­dacht, um vie­le sei­ner Ge­schich­ten bes­ser, span­nen­der wir­ken zu las­sen. Für ei­nen Jour­na­lis­ten ist das un­ver­zeih­lich.

Für uns ist aber ge­nau­so er­schre­ckend, dass es Re­lo­ti­us so lan­ge ge­lun­gen ist, uns zu täu­schen. Wir wa­ren im­mer stolz auf un­se­re Si­che­rungs­sys­te­me, auf den auf­wen­di­gen Pro­duk­ti­ons­pro­zess für un­se­re Tex­te. Sie wer­den von Res­sort­lei­tern, Do­ku­men­ta­ren, Chef­re­dak­teu­ren und Schluss­re­dak­teu­ren ge­le­sen und ge­ge­be­nen­falls ver­bes­sert. Vor al­lem die Do­ku­men­ta­re ha­ben die Auf­ga­be, Feh­ler in den Tex­ten zu fin­den, sie sind un­se­re Fak­ten­che­cker. Im Fall Re­lo­ti­us ha­ben un­se­re Si­che­rungs­sys­te­me ver­sagt. Die Fäl­schun­gen wur­den nicht er­kannt, die Mach­wer­ke gin­gen in Druck, fan­den be­geis­ter­te Le­ser und eine Men­ge Ju­rys, die sie mit Prei­sen aus­zeich­ne­ten. Das be­schämt uns.

Zum Glück ist es ei­nem un­se­rer Mit­ar­bei­ter ge­lun­gen, die­sen Fall auf­zu­de­cken. Juan Mo­re­no schöpf­te bei ei­ner ge­mein­sa­men Re­cher­che mit Claas Re­lo­ti­us in Ame­ri­ka Ver­dacht, über­prüf­te die Ar­beit des Kol­le­gen und deck­te mas­si­ve Fäl­schun­gen auf. Weil Re­lo­ti­us bald ge­stand, fan­den wir noch wei­te­re Ma­ni­pu­la­tio­nen. Juan Mo­re­no ha­ben wir viel zu ver­dan­ken. Er zeig­te eine der wich­tigs­ten Ei­gen­schaf­ten von Jour­na­lis­ten: Miss­trau­en. Manch­mal braucht man sie lei­der auch ge­gen­über Kol­le­gen. Im Fall Re­lo­ti­us gab es da­von zu we­nig. hier be­rich­tet Mo­re­no von sei­nen Ge­gen­re­cher­chen.

Am Mitt­woch ha­ben wir auf SPIEGEL On­line da­mit an­ge­fan­gen, die Er­geb­nis­se un­se­rer haus­in­ter­nen Re­cher­chen zu ver­öf­fent­li­chen. In die­sem Heft ma­chen wir, hier, da­mit wei­ter. Dies wird ein lan­ger Pro­zess, wir wer­den je­den Stein um­dre­hen und ha­ben eine Kom­mis­si­on ins Le­ben ge­ru­fen, die den Fall Re­lo­ti­us, aber auch al­les an­de­re, was viel­leicht noch kom­men könn­te, gründ­lich durch­che­cken wird. Die Er­geb­nis­se ih­rer Ar­beit wer­den wir öf­fent­lich ma­chen.

Par­al­lel dazu ha­ben wir be­gon­nen, uns Ge­dan­ken über die Ab­läu­fe und Struk­tu­ren zu ma­chen. Hin­ter vie­lem steht nun ein Fra­ge­zei­chen, auch wenn die meis­ten Jour­na­lis­ten und Jour­na­lis­tin­nen die­ses Hau­ses sau­ber ar­bei­ten. Wir müs­sen uns vor al­lem über­le­gen, wie wir un­se­re Re­cher­chen noch bes­ser kon­trol­lie­ren, auch wenn wir kei­ne to­ta­le Über­wa­chung ha­ben wol­len. Gu­ter Jour­na­lis­mus braucht auch Frei­heit. Feh­ler und Täu­schun­gen wer­den sich da­her wohl nie voll­kom­men aus­schlie­ßen las­sen, aber wir müs­sen sie un­wahr­schein­li­cher ma­chen.

Na­tür­lich ste­hen wir jetzt im Feu­er der Kri­tik. Wir do­ku­men­tie­ren ei­ni­ge Re­ak­tio­nen hier. Ei­nen un­se­rer Kol­le­gen von au­ßen, »Zeit«-Chef­re­dak­teur Gio­van­ni di Lo­ren­zo, ha­ben wir zu ei­nem kri­ti­schen Blick auf den SPIEGEL ein­ge­la­den. Das Ge­spräch mit ihm fin­den Sie hier.

Sa­gen, was ist – das war das Mot­to un­se­res Grün­ders Ru­dolf Augstein. Wir ha­ben es auf die Ti­tel­sei­te ge­setzt, weil wir wei­ter­hin dar­an glau­ben, weil die­ser Satz un­se­re Leit­li­nie blei­ben wird, auch wenn so ekla­tant da­ge­gen ver­sto­ßen wur­de. In die­sem Heft sa­gen wir das, was wir der­zeit über uns sa­gen kön­nen. Fort­set­zun­gen fol­gen.

Uns tut sehr leid, dass dies pas­siert ist, dass wir Ih­nen, lie­be Le­se­rin­nen und Le­ser, das an­ge­tan ha­ben, und wir ver­spre­chen, dass wir al­les tun wer­den, um un­se­re Glaub­wür­dig­keit wie­der zu stär­ken.

Susanne Beyer, Dirk Kurbjuweit