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Bernardo Bertolucci, 77

Als jun­ger Re­gis­seur woll­te er mar­xis­ti­sches, re­vo­lu­tio­nä­res Kino ma­chen, das die Welt ver­än­dert. Doch sein größ­ter Er­folg war das wun­der­bar opern­haf­te, mit ins­ge­samt neun Os­cars aus­ge­zeich­ne­te Epos »Der letz­te Kai­ser« (1987), das fast weh­mü­tig vom Nie­der­gang des chi­ne­si­schen Herr­scher­hau­ses er­zählt, statt den Sieg des Vol­kes zu fei­ern. Die Fil­me des in Par­ma ge­bo­re­nen Sohns ei­ner Leh­re­rin und ei­nes Schrift­stel­lers han­deln letzt­lich vom mensch­li­chen In­di­vi­du­um, Ber­nar­do Ber­to­luc­ci woll­te in das In­nen­le­ben sei­ner Fi­gu­ren ein­drin­gen, sie bis in den letz­ten Win­kel ih­rer Psy­che er­kun­den. Die Ge­sell­schaft war da oft nur ein Stör­fak­tor, manch­mal ver­bann­te er sie fast völ­lig aus sei­nen Fil­men. Dann schie­nen sei­ne Hel­den in ei­nen Ko­kon ein­ge­spon­nen zu sein, iso­liert von der Wirk­lich­keit wie der jun­ge chi­ne­si­sche Kai­ser. In Ber­to­luc­cis Meis­ter­werk »Der letz­te Tan­go in Pa­ris« (1972) wer­den zwei Lie­ben­de, die sich ta­ge­lang in ein Apart­ment ein­schlie­ßen, um mit­ein­an­der zu schla­fen, auf ihre ei­ge­nen Ge­füh­le und Be­gier­den zu­rück­ge­wor­fen. We­gen sei­ner dras­ti­schen Sex­sze­nen ent­wi­ckel­te sich der Film nach sei­ner Ur­auf­füh­rung zum Skan­dal, Ber­to­luc­ci wur­de in Ita­li­en we­gen »Ob­szö­ni­tät« zu ei­ner Ge­fäng­nis­stra­fe auf Be­wäh­rung ver­ur­teilt und ver­lor für fünf Jah­re das Wahl­recht. Spä­ter warf die Haupt­dar­stel­le­rin Ma­ria Schnei­der ih­rem Coun­ter­part Mar­lon Bran­do und Ber­to­luc­ci vor, sie vor der Ka­me­ra miss­braucht zu ha­ben. Tat­säch­lich hat bis heu­te kaum ein an­de­rer Film so prä­zi­se und pa­ckend von In­ti­mi­tät und zwi­schen­mensch­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on er­zählt. »Der letz­te Tan­go in Pa­ris« sei auf der Couch ent­stan­den, er­zähl­te Ber­to­luc­ci spä­ter, ei­gent­lich hät­te sein Psy­cho­ana­ly­ti­ker als Dreh­buch­au­tor mit im Vor­spann ge­nannt wer­den müs­sen. Man kann es ei­tel und ego­man fin­den, wie Ber­to­luc­ci in sei­nen Fil­men im­mer wie­der um sich selbst kreis­te. Doch er war ei­ner der we­ni­gen Re­gis­seu­re, die aus ih­ren ei­ge­nen Ob­ses­sio­nen gro­ßes Kino ma­chen konn­ten. Ber­nar­do Ber­to­luc­ci starb am 26. No­vem­ber in Rom.

Stephen Hillenburg, 57

»Spon­ge­bob« treibt vie­le El­tern in den Wahn­sinn, die al­ber­ne Zei­chen­trick­se­rie ge­hört mit mehr als 250 Fol­gen zu den er­folg­reichs­ten Mar­ken der Kin­der­un­ter­hal­tung, flan­kiert von ei­ner kreisch­bun­ten Flut aus über­teu­er­ten Mer­chan­di­sing-Zu­mu­tun­gen, zwei Ki­no­fil­men und ei­nem Broad­way-Mu­si­cal. Ste­phen Hil­len­burg woll­te ei­gent­lich nur die Welt ver­bes­sern. Als Kind träum­te er sich in die un­end­li­chen Wei­ten der Ozea­ne, sei­ne Vor­bil­der wa­ren der Mee­res­for­scher und -fil­mer Jac­ques Cous­teau und Ko­mi­ker wie Jer­ry Le­wis oder Lau­rel und Har­dy. Hil­len­burg stu­dier­te Mee­res­bio­lo­gie und krit­zel­te 1989 ein Co­mi­clehr­buch über die Ge­zei­ten­zo­ne, in dem be­reits ein Mee­res­schwamm na­mens Bob auf­taucht. Neun Jah­re spä­ter ent­wi­ckel­te er die­se Fi­gur für den TV-Sen­der Ni­cke­lo­de­on zu Spon­ge­bob, der in Bi­ki­ni Bot­tom am Mee­res­grund haust, in ei­nem Fast-Food-Re­stau­rant Krab­ben­bur­ger brät und kom­plett un­cool, aber vol­ler Op­ti­mis­mus durchs Le­ben geht. Nicht nur Kin­der ver­lieb­ten sich in den sub­ma­ri­nen Na­iv­ling, son­dern auch Su­per­stars wie Da­vid Bo­wie oder Rap­per wie Lil Yach­ty, weil Spon­ge­bob Kar­rie­re­wahn und Ma­chis­mo sub­ver­siv un­ter­gräbt mit sei­nem tie­fe­ren Un­sinn, eine per­fek­te Fi­gur für eine po­st­iro­ni­sche Ästhe­tik. Hil­len­burg mein­te sei­ne un­ter­see­ischen Spä­ße durch­aus ernst und wei­ger­te sich stand­haft, sei­nen Schwamm als Wer­be­fi­gur für un­ge­sun­des Fast Food zu ver­mark­ten. Ste­phen Hil­len­burg starb am 26. No­vem­ber an der Ner­ven­krank­heit ALS im ka­li­for­ni­schen San Ma­ri­no.

Cäcilie Albrecht, 91

Sie war die Frau im Hin­ter­grund, be­stimm­te die Ge­schi­cke des Un­ter­neh­mens aber trotz­dem jah­re­lang mit: Cä­ci­lie Al­brecht, ge­nannt Cil­ly, Frau von Theo Al­brecht, der ge­mein­sam mit sei­nem Bru­der Karl den Dis­coun­trie­sen Aldi grün­de­te. Wie die bei­den Brü­der ver­kör­per­te Cä­ci­lie Al­brecht die ver­meint­li­chen Tu­gen­den des Kon­zerns: Re­duk­ti­on auf das We­sent­li­che, ab­so­lu­te Spar­sam­keit und Dis­kre­ti­on. Als zwei SPIEGEL-Re­dak­teu­re ihr vor Jah­ren eine Ge­sprächs­bit­te zu­sam­men mit ei­nem Blu­men­strauß über­mit­tel­ten, nahm sie den Strauß an, ließ aber aus­rich­ten, man möge sie nicht mehr kon­tak­tie­ren. Der Öffent­lich­keit wur­de Cil­ly erst be­kannt, als sie sich vor ein paar Jah­ren ei­nen er­bit­ter­ten Erb­streit mit der Wit­we ih­res zwei­ten Soh­nes lie­fer­te: Die­se gab in den Au­gen der Ma­tri­ar­chin zu viel Geld aus und pfleg­te ei­nen un­ge­hö­ri­gen Le­bens­stil. Mit ei­nem ge­schätz­ten Fa­mi­li­en­ver­mö­gen von 19 Mil­li­ar­den Euro war Al­brecht eine der reichs­ten Frau­en Deutsch­lands – al­ler­dings ist das Geld in drei Stif­tun­gen ge­bun­den. Cä­ci­lie Al­brecht starb vor ei­ni­gen Ta­gen in Es­sen.

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