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Rolf Hoppe, 87

Wenn böse Men­schen gute Ei­gen­schaf­ten ha­ben, Bil­dung oder Witz, sind sie oft be­son­ders furcht­er­re­gend. Der im thü­rin­gi­schen Ell­rich ge­bo­re­ne Schau­spie­ler konn­te mü­he­los Schur­ken spie­len, die der Zu­schau­er im sel­ben Mo­ment be­wun­der­te und ver­ab­scheu­te. Sei­ne Dar­stel­lung des Na­zis Her­mann Gö­ring in »Me­phis­to« (1981) wur­de zwar vom flam­boyan­ten Klaus Ma­ria Bran­dau­er in der Rol­le ei­nes gel­tungs­süch­ti­gen Schau­spie­lers et­was über­strahlt, doch Rolf Hop­pe muss­te nicht im Licht ste­hen, um be­droh­li­che Prä­senz zu ent­fal­ten. Auch wenn er sich nicht rühr­te, spür­te der Zu­schau­er eine En­er­gie, die sich je­der­zeit Bahn bre­chen konn­te. Hop­pe lern­te sein Hand­werk zu­nächst auf Pro­vinz­büh­nen der DDR und ver­kör­per­te in In­dia­ner­fil­men der Defa gie­ri­ge wei­ße Män­ner. Doch aus­ge­rech­net als gut­mü­tig-tum­ber Kö­nig im Mär­chen­film »Drei Ha­sel­nüs­se für Aschen­brö­del« (1973), der je­des Jahr zu Weih­nach­ten im Fern­se­hen läuft, be­geis­tert er noch heu­te Mil­lio­nen Fans. Rolf Hop­pe starb am 14. No­vem­ber in Dres­den.

Igor Korobow, 62

Den 100. Ge­burts­tag muss­te Russ­lands Mi­li­tär­ge­heim­dienst GRU ohne sei­nen Chef fei­ern: Igor Ko­ro­bow fehlt auf den Bil­dern mit Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin. An Ko­ro­bows Dienst wa­ren man­chen zu­letzt Zwei­fel ge­kom­men. Die Iden­ti­tä­ten zwei­er GRU-Agen­ten, wel­che der Gif­tat­ta­cke auf Ser­gej Skri­pal im März be­schul­digt wer­den, wur­den spä­ter bin­nen we­ni­ger Tage ent­tarnt. Und im April wur­den in Den Haag vier Agen­ten er­wischt, die sich in das Netz der Or­ga­ni­sa­ti­on für das Ver­bot che­mi­scher Waf­fen ha­cken woll­ten. Da­nach gab es Ge­rüch­te, Ko­ro­bow kön­ne bald ge­feu­ert wer­den. Mit­te Sep­tem­ber soll Pu­tin Ko­ro­bow gar ab­ge­kan­zelt ha­ben, da­nach brach die­ser an­geb­lich zu Hau­se zu­sam­men. Über die Kar­rie­re des Ge­ne­ral­obersts, der die höchs­te Aus­zeich­nung »Held Russ­lands« trug, ist we­nig be­kannt. Erst An­fang 2016 hat­te Pu­tin ihn zum Lei­ter des GRU er­nannt, nach­dem der da­ma­li­ge Chef un­er­war­tet – of­fi­zi­ell nach Herz­pro­ble­men – ge­stor­ben war. Ko­ro­bow stand auf der US-Sank­ti­ons­lis­te, Wa­shing­ton be­zich­tigt den GRU der Ein­mi­schung in die Prä­si­dent­schafts­wah­len. Igor Ko­ro­bow starb laut Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um am 21. No­vem­ber nach »lan­ger und schwe­rer Krank­heit« in Mos­kau.

William Goldman, 87

Er war ei­ner der bes­ten Dreh­buch­au­to­ren Hol­ly­woods und ein gro­ßer Er­zäh­ler. Der Ki­no­t­hril­ler »Der Ma­ra­thon-Mann« (1976), der auf ei­nem sei­ner Ro­ma­ne ba­sier­te, wirkt aus heu­ti­ger Sicht wie eine Blau­pau­se für die Dra­ma­tur­gie mo­der­ner Fern­seh­se­ri­en: meh­re­re Hand­lungs­strän­ge lau­fen lan­ge ne­ben­ein­an­der her und wer­den nach und nach ver­knüpft, bis sich dem Pu­bli­kum die Zu­sam­men­hän­ge er­schlie­ßen. Wil­li­am Gold­man, in der Nähe von Chi­ca­go ge­bo­ren, ver­stand es wie nur we­ni­ge Dreh­buch­au­to­ren, den Zu­schau­er durch ex­trem kom­ple­xe Ge­schich­ten zu füh­ren, ob durch den Wa­ter­ga­te-Skan­dal wie in »Die Un­be­stech­li­chen« (1976) oder durch eine mi­li­tä­ri­sche Ope­ra­ti­on wie in »Die Brü­cke von Arn­heim« (1977). Und weil er ein Meis­ter der Öko­no­mie und Ver­dich­tung war, be­nö­tig­te er da­für nicht zehn oder zwölf Fol­gen, son­dern nur zwei Stun­den. Der zwei­fa­che Os­car-Preis­trä­ger dach­te in Bil­dern und konn­te eine Fi­gur in Se­kun­den eta­blie­ren. Die­ses sel­te­ne Ta­lent war schon am An­fang sei­ner Kar­rie­re zu er­ken­nen, gleich in der ers­ten Sze­ne sei­nes zwei­ten Dreh­buchs. In »Ein Fall für Har­per« (1966) steht der von Paul New­man ge­spiel­te Held mor­gens auf und stellt fest, dass der Kaf­fee alle ist. Er denkt kurz nach, kramt den Fil­ter vom Vor­tag wie­der aus dem Müll, brüht ihn noch mal auf, nimmt ei­nen Schluck, ver­zieht kurz das Ge­sicht und geht. So sieht wah­re Cool­ness aus. Wil­li­am Gold­man starb am 16. No­vem­ber in New York.

Schores Alexandro­witsch Medwedew, 93

Er litt un­ter ei­ner schwe­ren Geis­tes­krank­heit. Das je­den­falls kon­sta­tier­ten die So­wjet­be­hör­den, nach­dem der Bio­che­mi­ker Scho­res Alex­an­dro­witsch Med­we­dew 1969 eine Bio­gra­fie des Agrar­wis­sen­schaft­lers Tro­fim Lys­sen­ko ver­öf­fent­licht hat­te. Des­sen ei­gen­wil­li­ge The­sen zur Ge­ne­tik hat­te Jo­sef Sta­lin zur Staats­dok­trin er­ho­ben. Pflan­zen, so lehr­te Lys­sen­ko, las­sen sich mit der Kraft des Wil­lens be­leh­ren. Selbst Oran­gen kön­nen ler­nen, in Si­bi­ri­en zu kei­men. Ei­sern wur­den sol­che Irr­leh­ren durch­ge­setzt. Die Fol­ge wa­ren Miss­ern­ten und Hun­gers­nö­te. Als Med­we­dew ih­ren Ur­he­ber als Schar­la­tan ent­larv­te, wur­de er ins Ir­ren­haus ge­steckt. 1973 bür­ger­ten ihn die So­wjets aus. Im Lon­do­ner Exil, wo er sich als Ge­ne­ti­ker mit dem Al­tern be­schäf­tig­te, ent­hüll­te Med­we­dew dann ei­nes der größ­ten Ge­heim­nis­se der So­wjets: Am 29. Sep­tem­ber 1957, so der Dis­si­dent, habe sich im Süd­u­ral die schlimms­te Nu­kle­ar­ka­ta­stro­phe der Ge­schich­te er­eig­net. Erst un­ter Gor­bat­schow be­stä­tig­ten die So­wjets den Be­richt. In der ge­hei­men Stadt Tschel­ja­b­insk-40 war ein Stahl­tank mit 80 Ton­nen ra­dio­ak­ti­vem Ma­te­ri­al ex­plo­diert. Es wur­de mehr Strah­lung frei­ge­setzt als in Tscher­no­byl. Zu sei­nem Zwil­lings­bru­der Roj, Sta­lin-Kri­ti­ker und Pe­res­troi­ka-Po­li­ti­ker, hielt Med­we­dew im­mer Kon­takt. Scho­res Alex­an­dro­witsch Med­we­dew starb am 15. No­vem­ber in Lon­don.

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