Vom »Gift der Nost­al­gie«, von der fa­ta­len mensch­li­chen Nei­gung, al­les Ver­gan­ge­ne un­ab­hän­gig von den Fak­ten zur Idyl­le zu ver­klä­ren, war an die­ser Stel­le schon mehr­fach die Rede. Nun hat die Ber­tels­mann-Stif­tung kürz­lich das Aus­maß die­ser un­glück­se­li­gen Wirk­lich­keits­ver­zer­rung, wie sie in der tö­rich­ten Re­dens­art »Frü­her war al­les bes­ser« zum Aus­druck kommt (ei­ner Hal­tung, der die­se Ru­brik seit 151 Fol­gen ent­ge­gen­zu­wir­ken sucht), in ei­ner Um­fra­ge auf­ge­zeigt. Pro­ban­den in der Eu­ro­päi­schen Uni­on wur­den ge­fragt, ob sie der Aus­sa­ge »Die Welt war frü­her ein bes­se­rer Ort« zu­stim­men oder nicht. Er­geb­nis: Zwei Drit­tel der Eu­ro­pä­er (67 Pro­zent) seh­nen sich zu­rück in eine »gute alte Zeit«, die es nicht gab. Un­ter den Deut­schen lei­den 61 Pro­zent an Nost­al­gie, in Ita­li­en sind es so­gar 77 Pro­zent, in Po­len 59 Pro­zent. Die Stu­die zeigt auch, dass Nost­al­gi­ker sich po­li­tisch eher rechts ver­or­ten, we­nig von der EU hal­ten und Angst vor Ein­wan­de­rern ha­ben, was sie emp­fäng­lich macht für re­stau­ra­ti­ve po­li­ti­sche Bot­schaf­ten. Dass die AfD nicht längst mit »Make Ger­ma­ny Gre­at Again« wirbt, liegt nur dar­an, dass der Satz nicht deutsch ge­nug ist. Nein, die Welt war frü­her kein bes­se­rer Ort. Die heu­ti­gen Ge­ne­ra­tio­nen sind in ih­rer Le­bens­zeit Zeu­gen ra­di­ka­ler glo­ba­ler Ver­bes­se­run­gen ge­wor­den, der Wohl­stand nimmt zu, die Frei­heit ge­deiht, die Bil­dung ver­bes­sert sich, die Ge­walt nimmt ab, die Le­bens­er­war­tung steigt, die Si­cher­heit wächst. Eine rea­lis­ti­sche, fak­ten­ba­sier­te Welt­sicht muss aus­hal­ten kön­nen, dass fol­gen­de drei Aus­sa­gen gleich­zei­tig wahr sind: Es geht der Welt sehr viel bes­ser als je­mals zu­vor; vie­les ist im­mer noch schreck­lich; es kann noch viel bes­ser wer­den. Mit zu­ver­sicht­li­chen Grü­ßen, Ihr gui­do.min­gels@spiegel.de

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