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Roy Hargrove, 49

Vor un­ge­fähr sie­ben Jah­ren sag­te er: »Manch­mal bin ich sehr müde. Die Ge­sund­heit macht mir zu schaf­fen, das Rei­sen strengt an.« Da­mals blick­te Roy Har­gro­ve be­reits auf eine fast 25 Jah­re an­dau­ern­de Kar­rie­re zu­rück. 1987 ent­deck­te Wyn­ton Mar­sa­lis den jun­gen Trom­pe­ter an der Boo­ker T. Wa­shing­ton High School in Fort Worth, Te­xas: tech­nisch bril­lant, vol­ler Ei­fer, den Tra­di­tio­nen des Jazz ver­pflich­tet und doch of­fen für neue Strö­mun­gen und an­de­re Gen­res. Ab den frü­hen Neun­zi­ger­jah­ren zähl­te Har­gro­ve zur Grup­pe der Young Li­ons im Jazz, zu den Fa­ckel­trä­gern, die das Feu­er ei­nes Fred­die Hub­bard oder Dizzy Gil­le­spie wei­ter­tru­gen und de­ren Mu­sik für Jün­ge­re über­setz­ten. Und doch war es Har­gro­ve zu­wi­der, nur Hard­bop zu spie­len, da­für war er viel zu fun­ky. Ei­ge­ne Kom­po­si­tio­nen wie »Stras­bourg/​St. De­nis« oder »The Vibe« sind Jazz zum Tan­zen. Das merk­ten auch Künst­ler wie der Rap­per Com­mon oder die Soul­sän­ge­rin Ery­kah Badu, die ihn für ei­ge­ne Pro­jek­te ver­pflich­te­ten – um sie auf­zu­wer­ten. Das Ar­beits­pen­sum for­der­te je­doch sei­nen Tri­but. Har­gro­ve hat­te im­mer wie­der Pro­ble­me mit Dro­gen, er­krank­te, wur­de Dia­ly­se­pa­ti­ent. Roy Har­gro­ve starb am 4. No­vem­ber in New York an den Fol­gen ei­nes Nie­ren­lei­dens.

Evelyn Y. Davis, 89

Ak­tio­närs­ver­samm­lun­gen wa­ren die Büh­ne der in Ams­ter­dam ge­bo­re­nen US-Ame­ri­ka­ne­rin. Die be­spiel­te sie so ein­zig­ar­tig, dass sie es zur in­ter­na­tio­nal be­rüch­tig­ten An­le­ger­ak­ti­vis­tin brach­te, von den CEOs der gro­ßen Kon­zer­ne jahr­zehn­te­lang ge­fürch­tet und um­schmei­chelt. Ihre Mi­schung aus At­ta­cke, Flirt und Ei­gen­lob mach­te Eve­lyn Y. Da­vis zum Schre­cken der Bos­se. In ho­her Stimm­la­ge und mit star­kem nie­der­län­di­schen Ak­zent warf sie den Ma­na­gern stak­ka­to­ar­tig Fra­gen zur Fir­men­po­li­tik so­wie Vor­wür­fe an den Kopf, wo­bei sie vor Be­lei­di­gun­gen nicht zu­rück­schreck­te. Dut­zen­de An­trä­ge brach­te Da­vis ein, und das bei jähr­lich Dut­zen­den Ver­samm­lun­gen – zu­letzt hielt sie An­tei­le bei mehr als 80 Fir­men. Den Grund­stock ih­res Port­fo­li­os hat­te sie in den Fünf­zi­ger­jah­ren von ih­rem Va­ter ge­erbt. Das Schei­tern ih­rer Ehen er­klär­te die Nach­fah­rin von Ju­den mit ih­ren KZ-Er­fah­run­gen. Die Kin­der­lo­sig­keit habe sie mit ih­ren Ak­ti­en­ge­schäf­ten kom­pen­siert: »Ich möch­te, dass mein Geld mei­nen Na­men wei­ter­trägt.« Eve­lyn Y. Da­vis starb am 4. No­vem­ber in Wa­shing­ton.

Karl-Heinz Adler, 91

Weil er die äs­the­ti­sche Dok­trin des So­zia­lis­ti­schen Rea­lis­mus nicht er­füll­te, durf­te er sei­ne Kunst in der DDR lan­ge nicht aus­stel­len. Sei­ne Col­la­gen se­ri­ell ge­schich­te­ter geo­me­tri­scher For­men aus Pap­pe oder Glas sind von zeit­lo­ser Ele­ganz; er war ein Avant­gar­dist der Abs­trak­ti­on, da­bei »Ganz Kon­kret«, wie eine Aus­stel­lung in Dres­den 2017 hieß, eine der vie­len Schau­en, die sein Werk zu spä­ter Wür­di­gung brach­ten. Karl-Heinz Ad­ler mach­te eine Leh­re als Mus­ter­zeich­ner für Tep­pi­che, nach dem Krieg stu­dier­te er in Ber­lin und Dres­den Kunst. Ein frü­hes Bild von 1949/​50 zeigt ei­nen Jun­gen Pio­nier der FDJ, ganz rea­lis­tisch, wie ge­wünscht – doch rück­bli­ckend wirkt der Kna­be in sei­ner pas­tel­li­gen Ver­träum­t­heit wie eine lei­se Par­odie. Weil Ad­ler an­ge­sichts all der Zer­stö­rung durch den Krieg nicht ein­fach schö­ne Bil­der ma­len woll­te, kam die Be­ru­fung an den Lehr­stuhl für Bau­plas­tik an der Tech­ni­schen Hoch­schu­le Dres­den ge­ra­de recht. Die Bau­stoff­for­schung fas­zi­nier­te ihn, er ent­wi­ckel­te sich zu ei­nem an­ge­se­he­nen Ke­ra­mi­ker und er­fand mit ei­nem Kol­le­gen das »Form­stein­pro­gramm«: die se­ri­el­le Her­stel­lung von Be­ton­schmu­ck­el­e­men­ten. Der ver­pön­te Künst­ler schmück­te fort­an mit sei­nen Form­stei­nen vie­le Plat­ten­bau­ten: Als Or­na­men­te, Re­li­efs, Plas­ti­ken fan­den sie Ver­wen­dung. Ad­ler, ein wich­ti­ger Ver­tre­ter der »Ost­mo­der­ne«, war un­be­quem, sub­ver­siv – und an­ge­passt zu­gleich; er durf­te in den Wes­ten rei­sen, sei­ne Bil­der wur­den trotz­dem erst 1982 aus­ge­stellt. Das tat sei­ner Krea­ti­vi­tät kei­nen Ab­bruch: »Ich ar­bei­te was Schö­nes. Für mich reich­t's.« Karl-Heinz Ad­ler starb am 4. No­vem­ber in Dres­den.

Theodor Hoffmann, 83

Er wirk­te mit an der Auf­lö­sung der Ar­mee, der er Jahr­zehn­te lang ge­dient hat­te: der Na­tio­na­len Volks­ar­mee (NVA) der DDR. Der ge­bür­ti­ge Meck­len­bur­ger war vom Ma­tro­sen zum Ad­mi­ral auf­ge­stie­gen. Sein letz­ter Kar­rie­re­sprung an die NVA-Spit­ze er­folg­te al­ler­dings zu ei­nem Zeit­punkt, als die DDR schon im Un­ter­ge­hen be­grif­fen war. Theo­dor Hoff­mann dien­te Über­g­angs­mi­nis­ter­prä­si­dent Hans Modrow (SED) als Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter. Beim Sol­da­ten­streik 1989 in der Ka­ser­ne von Bee­litz in Bran­den­burg konn­te Hoff­mann die Lage be­ru­hi­gen und schrieb Re­form­pa­pie­re für eine neue NVA. Nach der ers­ten frei­en Volks­kam­mer­wahl im März 1990 blieb er Ar­mee­chef – un­ter dem Pfar­rer Rai­ner Ep­pel­mann, der sich Ab­rüs­tungs- und Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter nann­te. Es galt vor al­lem, Ruhe zu be­wah­ren, so­wje­ti­sche Trup­pen stan­den noch im Land, und Tau­sen­de SED-Mit­glie­der in der NVA wa­ren be­waff­net. Im Sep­tem­ber 1990 er­hielt Hoff­mann sei­ne Ent­las­sungs­ur­kun­de. Dass die Über­g­angs­zeit fried­lich ver­lief, ist auch sein Ver­dienst. Theo­dor Hoff­mann starb am 1. No­vem­ber in Ber­lin.

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