Zurück kommen nur die Verlierer, so erzählen es sich die Leute im Camp. Verloren sieht Mujeeb Rehman aus, wie er zusammen mit sechs anderen Männern, hinkend, den linken Arm in eine Mull­binde gewickelt, über den Feldweg am Rand der bosnischen Kleinstadt Velika Kladuša läuft. Hinüber zu den Zelt­baracken auf dem Sandplatz hinter dem Bus­bahnhof, wo Händler einmal Rinder und Pferde verkauften. In einer Zeit, bevor die Flüchtlinge kamen:

Im Frühjahr begann es: Plötzlich kamen deutlich mehr Flücht­linge nach Bosnien. Allein im Rekord­monat September waren es laut UNHCR 3710 Menschen – im September 2017 nur 52.

In Velika Kladuša, der Kleinstadt am nördlichsten Zipfel Bosniens, leben nun etwa 700 Flüchtlinge und Migranten. 15 Minuten sind es von hier bis zur kroatischen Grenze. Für Menschen mit europäischem Pass beginnt dort die Europäische Union – für die Menschen aus dem Camp das letzte Level ihrer Flucht. »The Game« nennen es die Menschen hier, weil die Flucht in die EU für sie ein Glücks­spiel ist, bei dem es nur Haupt­gewinn oder Nieten gibt.

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Mama Bosnia

»Hätte sich die EU nicht so daneben­benommen, hätte ich im Sommer Urlaub gemacht«, sagt Zahida Bihovac, 50. Eigentlich hatte die Haupt­schul­direktorin wegfahren wollen. Die Tochter besuchen in Düssel­dorf, Deutschland. Ihre zweite Heimat, in die sie 1994 inmitten des Bosnien­krieges mit der damals sechs­jährigen Tochter floh. Bihovac arbeitete als Pflegerin in einem katholischen Kranken­haus und kehrte 1997 nur deshalb zurück, weil sie die alte Heimat mehr vermisste, als sie die neue liebgewonnen hatte.

Wenn Zahida Bihovac EU sagt, meint sie vor allem die Grenz­polizisten in Ungarn und Kroatien. Die Ungarn, die die EU-Außengrenze zu Serbien Anfang des Jahres so gewaltsam dichtmachten, dass sich Migranten und Flüchtlinge, die in Serbien ausharrten, neue Wege suchen mussten: über Bosnien, Kroatien, Slowenien bis nach Italien. »Neue Balkan­route« wurde der neue Fluchtweg von Politikern und Journalisten getauft:

Fortan wurde es Aufgabe der kroatischen Polizisten, den Menschen den illegalen Weg in die EU abzu­schneiden. Velika Kladuša wurde für viele zum letzten Basis­lager vor der Grenze. Und aus Zahida Bihovacs Urlaubs­plänen der Plan, den Menschen zu helfen. Und aus dem Plan bald eine Ein-Frau-Institution, die die Menschen im Camp bloß noch »Mama« rufen. Zahida, Mama Bosnia:

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The Game

Allein im Camp in Velika Kladuša leben 200 Menschen. Es sind Familien mit Kindern, minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, allein reisende Frauen, die meisten aber sind junge Männer. Sie kommen aus Marokko und Algerien, aus Afghanistan, sind Kurden aus dem Irak und Iran, Syrer und Pakistaner.

Die einen sind auf der Suche nach Arbeit und dem besseren Leben in Europa. Die anderen fliehen vor Krieg und Verfolgung. Wie Mujeeb Rehman, 26 Jahre alt, aus Pakistan. Seit 85 Tagen ist er auf der Flucht:

In Pakistan hat Mujeeb Rehman Architektur studiert, war einer der Universitäts­besten in der Hauptstadt Islamabad, hatte einen gut bezahlten Regierungs­job schon in Aussicht, erzählt er. Mit Google Maps plant er am Smartphone seine Flucht durch die Wälder Europas. Sein Zielpunkt: das nordost­italienische Triest.

»Wer Häuser entwerfen kann, kann auch Flucht­routen entwerfen«, sagt er. Sobald der Schmerz im Arm erträglich geworden ist, will er es wieder versuchen: The Game.

Rehman wird allein gehen. Er hat nicht genug Geld, um seine Gewinn­chancen zu erhöhen. Zwei- bis dreitausend Euro verlangen die Schlepper in Velika Kladuša für das Ver­sprechen, die Menschen bis nach Italien zu bringen – oft bleibt es beim Ver­sprechen. Wer es nicht schafft, kehrt meist erst Tage später zurück. Der Körper voll gelber und grüner Striemen, die Smartphones zerstört:

»Das ist eine Tradition«, sagt Rehman. »Wenn die kroatischen Polizisten dich im Wald finden, zer­stören sie zuerst dein Telefon. Dann packen sie alle Leute in einen Van, fahren sie bis zur Grenze, und wenn sie die Leute frei­lassen, ver­prügeln sie jeden einzelnen, bis er drüben in Bosnien ist.«

In den sieben Tagen, die wir im Camp verbringen, treffen wir viele Menschen mit ähnlichen Geschichten:

Abdulrahman Zaid, 37, kurdischer Journalist aus dem Irak

»In Kroatien hat uns die Polizei gefangen und auf die Wache gebracht. Als sie unsere Daten aufgenommen hatten, ist mein kleiner Sohn, ein­einhalb Jahre alt, zu einem der Polizisten und hat ihn leicht am Hosen­bein gezogen. Daraufhin hat er mit dem Schlags­tock ausgeholt und dem Jungen mit Gewalt auf den Rücken geschlagen.«

Elena, 50, aus dem Irak

»Wir sind zu dritt, meine beiden Töchter und ich. Als wir mit anderen Flücht­lingen an der Grenze demonstriert haben, dass die kroatische Polizei die Grenzen öffnet, da haben sie mir und meiner 16-jährigen Tochter Pfeffer­spray direkt ins Gesicht gesprüht. Seitdem leidet sie unter Schlaf­störungen und kriegt Panik, wenn sie Polizisten in Uniform sieht.«

Ali Reza, 29, aus Pakistan

»Wir waren kurz vor der slowenischen Grenze, als uns die kroatische Polizei erwischt hat. Ich habe den Polizisten gebeten, langsamer zu gehen, weil die Blasen an meinen Füßen schon blutig gelaufen waren. Er hat gesagt: ›Zeig mal her!‹, also habe ich die Schuhe und die Socken ausgezogen. Er hat seinen Schlag­stock genommen und viele Male auf meine Fußsohlen geschlagen.«

Muhammad Ijaz, 23, aus Pakistan

»Sie haben uns in den Van gesperrt, als wir geschrien haben, dass wir keine Luft mehr kriegen, haben sie Pfeffer­spray hinein­gesprüht. Wir dachten, wir ersticken. An der Grenze angekommen, haben sie uns einzeln aus dem Polizei­transporter geholt. Sie hatten einen Halb­kreis gebil­det, in der Mitte lag die Tüte mit den konfis­zierten Handys. Sie befahlen mir, nach meinem Telefon zu suchen. Als ich mich hinunterbückte, schlugen sie zu.«

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Das System

Beweise für die Schil­derungen der Menschen im Camp gibt es nicht. Die kroatische Polizei handelt nach der Devise: Was im Wald passiert, bleibt im Wald. Mit den Smart­phones werden die einzigen echten Beweis­mittel zerstört. Was bleibt, sind die mündlichen Über­lieferungen. Das UNHCR hat von Januar bis August 2018 2500 Berichte von Push-Backs von Kroatien nach Bosnien gesammelt.

In 1500 Fällen wurde Asyl­suchenden ein Asylantrag verwehrt, in 700 Fällen kam es zu Gewalt und Diebstahl durch kroatische Polizisten. In Velika Kladuša hat die kleine NGO SOS Kladuša ein Archiv mit Über­griffen durch die slowenische und kroatische Polizei erstellt. Die Frei­willigen machen Fotos von Wunden, notieren die Orte der Über­griffe und die Geschichten der Opfer.

Für Simon Campbell, 24, aus London, der seit mehr als fünf Monaten in Velika Kladuša arbeitet, steht fest: Hinter den Miss­handlungen steckt ein System.

Die slowenische Polizei bestätigt, dass es ein bilaterales Rück­nahme­abkommen zwischen Slowenien und Kroatien gebe, dass aber lediglich diejenigen zurück­geschickt werden, die nicht die Absicht hätten, einen Asyl­antrag zu stellen. Bis Ende September seien davon 2956 Migranten betroffen gewesen.

Zuständig für die kroatische Polizei ist das Innen­ministerium. Gewalt gegen Migranten gebe es nicht, heißt es dort. Und es bestreitet, dass Menschen, die einen Asyl­antrag stellen wollten, abgewiesen wurden. Die Polizisten hielten sich bei ihren Einsätzen sowohl an Menschen­rechte als auch an EU-Recht.

Stattdessen gebe es Berichte, wonach Migranten Schlag- und Schuss­waffen mit sich trügen und sich gegen­seitig verletzten. Nachdem es am 23. Oktober bei Protesten an der Grenze zu Aus­einander­setzungen zwischen Migranten und der kroatischen Polizei gekom­men war, hat Kroatien den Grenz­übergang Majevac nahe Velika Kladuša für eine Woche komplett abgeriegelt.

Ein migrations­politischer Sprecher der Europäischen Kommission sagte dem SPIEGEL: »Die Kommission ist besorgt über Berichte über den Missbrauch von Migranten und Flücht­lingen und nimmt solche Vorwürfe sehr ernst. Die Kommission ist in Kontakt mit kroatischen Behörden, um EU-Migrations- und Asyl­recht zu implemen­tieren. Dazu gehört auch, die Vorwürfe der Miss­handlung und der Verweigerung eines Asyl­antrags für Nicht-EU-Bürger aufzuklären.«

Die EU-Menschen­rechts­kommissarin Dunja Mijatović hat angekündigt, die Vorwürfe gegen die kroatische Polizei zu untersuchen. In einem Brief an den kroatischen Premier Andrej Plenković, der mit seinem Land bis 2020 dem Schengen­raum beitreten will, forderte sie ihn auf, solche Handlungen zu beenden.

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Aufgeben?

Seit Sommer 2015 hat sich die Zahl der Ankom­menden stark reduziert. Waren es im September 2015 165410 Menschen, die in der EU einen Asyl­erst­antrag stellten, waren es im September 2018 nur noch 22135. Ein Rück­gang, der auch auf die weit­gehende Abriegelung der Balkan­route zurückzuführen ist.

Von europäischen Politikern werden diese Zahlen gern als Erfolg verkauft – und gleichzeitig wird die Forderung nach einem besseren Schutz der EU-Außen­grenzen immer lauter. Welchen Preis ist die EU bereit dafür zu zahlen?

Mujeeb Rehman, der Student aus Pakistan, der am Vortag von maskierten kroatischen Polizisten mit Schlag­stöcken verprügelt worden ist, sagt: »Wen schützen sie, wenn sie unbewaff­nete Flüchtlinge verprügeln?« Es selbst hat versucht, legal in die EU einzu­reisen. Als er im Frühjahr die Zusage zweier italienischer Elite­unis bekam, dass er für das Doktoranden-Programm im Fach Architektur zugelassen sei und im Oktober mit seinem Studium beginnen könne:

Inzwischen ist es kalt geworden in Bosnien, nachts fallen die Temperaturen im Camp auf unter null. Die ehrenamt­liche Helferin Zahida Bihovac sagt: »Es gibt noch immer keine Bemühungen, die Menschen aus dem Camp in feste Behausungen zu bringen. Wenn nicht bald etwas passiert, wird der Winter zur Katastrophe.«

Mujeeb Rehman ist inzwischen in Italien angekommen, beim dritten Versuch hat er das Game gewonnen, es über die Grenze geschafft. In Turin hat er einen Asyl­antrag gestellt. Doch erst wenn sein Aufent­halts­titel geklärt ist, darf er die Kurse an der Uni besuchen.

Bei unserem letzten Telefonat sagt Rehman: »Es ist unerträglich zu wissen, dass meine Kommilitonen jetzt gerade in der Uni sitzen, während ich im Heim warte. Und dass der einzige Grund dafür der Ort ist, an dem ich geboren wurde.«

Team

Autor Bartholomäus von Laffert

Kamera & Schnitt Moritz Richter

Mitarbeit Amir Zada, Paul Lovis Wagner

Grafik Cornelia Pfauter

Gestaltung & Programmierung Lorenz Kiefer

Dokumentation Walter Lehmann

Schlussredaktion Katrin Zabel

Redaktion Jens Radü

Das Projekt: Wo hört die Europäische Union auf – wo fängt das Ausland an? Und: Was sind die Geschichten der Menschen, die auf den beiden Seiten der EU-Außengrenze leben und arbeiten? Für das Projekt „Festung Osteuropa“ waren der Reporter Bartholomäus von Laffert und die Fotografen Moritz Richter und Paul Lovis Wagner im August und September für den SPIEGEL sieben Wochen entlang der östlichen EU-Außengrenze unterwegs. Finanziell unterstützt wurde die Recherche vom Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch Stiftung und vom Journalistenstipendium der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, unterstützt wurde das Projekt außerdem vom internationalen Journalistennetzwerk n-ost.