Der Schock

Das Gesamtwerk des großen belgischen Schriftstellers Georges Simenon wird neu herausgegeben, ein Mammutprojekt. Den Anfang machen seine Intimen Memoiren. Sie sind noch immer eine Herausforderung für unsere Moralvorstellungen.
Von Nils Minkmar

KAUM JE­MAND HAT ES ver­stan­den, sich so gut zu ver­ste­cken wie der bel­gi­sche Schrift­stel­ler Ge­or­ges Si­me­non. Es ge­lang ihm umso bes­ser, als er das mit­ten im Schein­wer­fer­licht tat – als ei­ner der be­rühm­tes­ten Män­ner sei­ner Zeit. Als er ge­gen Ende sei­nes lan­gen Le­bens in ei­nem lan­gen, die Bi­lanz sei­nes Le­bens zie­hen­den Ra­dio­in­ter­view fest­stell­te, dass er alle und die gan­ze Welt kennt – »Je con­nais tout le mon­de« – war das nicht über­trie­ben. Er kann­te wirk­lich alle. Si­me­non be­weg­te sich in al­len Mi­lieus, war mit In­dus­tri­el­len, Wis­sen­schaft­lern und Film­stars eben­so be­freun­det wie mit Knei­pen­gän­gern, Clo­chards und Ta­ge­die­ben. Von sei­nem im­men­sen Ruhm macht man sich heu­te kei­ne Vor­stel­lung mehr. Sei­ne Po­pu­la­ri­tät be­weg­te sich in der Sphä­re von Char­lie Chap­lin und Charles Lind­bergh. Vor dem Auf­kom­men des Fern­se­hens war er sein ei­ge­nes Mas­sen­me­di­um. Si­me­non ver­dien­te mit sei­nen etwa 500 Bü­chern und den Rech­ten, die sich aus zahl­rei­chen Ver­fil­mun­gen er­ga­ben, ein be­trächt­li­ches Ver­mö­gen. Er gab sehr vie­le In­ter­views und be­ant­wor­te­te je­den der un­end­lich vie­len Le­ser­brie­fe, die er be­kam, selbst. Man weiß viel über ihn, und doch bleibt er eine Pro­jek­ti­ons­flä­che für Le­ser, die man in al­len Tei­len der Erde und in al­len Schich­ten und Al­ters­klas­sen fin­det, wenn es auch zu­letzt we­ni­ger wur­den.

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