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Willem Kok, 80

Die Welt kann­te den Nie­der­län­der vor al­lem un­ter sei­nem Ko­se­na­men Wim. Er sei ein Mann ge­we­sen, »zu dem man auf­schau­en« müs­se, wür­dig­te der bür­ger­li­che Mi­nis­ter­prä­si­dent Mark Rut­te den So­zi­al­de­mo­kra­ten. Wim Kok hat­te sich vom Ge­werk­schafts­funk­tio­när aus der Pro­vinz an die Spit­ze der Par­tij van de Ar­beid hoch­ge­ar­bei­tet. Von 1994 bis 2002 lei­te­te er zwei Ko­ali­ti­ons­ka­bi­net­te. Es war eine Zeit der wirt­schaft­li­chen Blü­te, die sein auf Aus­gleich be­dach­ter Po­li­tik­stil mög­lich mach­te. Kok gilt als ei­ner der Vä­ter des »Pol­der­mo­dells«, nach dem Re­gie­rung, Ar­beit­ge­ber und Ge­werk­schaf­ten ge­mein­sam Pro­ble­me des Ar­beits­mark­tes lö­sen. Wäh­rend sei­ner Re­gie­rungs­zeit wur­de die Ster­be­hil­fe li­be­ra­li­siert und die gleich­ge­schlecht­li­che Ehe ein­ge­führt. In sei­ne Amts­zeit fiel aber auch die Tra­gö­die von Sre­bre­ni­ca. 1995 er­mor­de­ten in der bos­ni­schen Stadt ser­bi­sche Sol­da­ten mehr als 8000 mus­li­mi­sche Män­ner und Ju­gend­li­che. Schlecht aus­ge­rüs­te­te nie­der­län­di­sche Blau­hel­me lie­ßen sich in der Uno-Schutz­zo­ne zu Zaun­gäs­ten ma­chen. Als ein Un­ter­su­chungs­be­richt 2002 der Re­gie­rung eine Mit­ver­ant­wor­tung für das Ver­sa­gen der Trup­pe zu­schrieb, zog Kok die Kon­se­quenz und trat zu­rück. Seit­dem trug er den von der Kö­ni­gin ver­lie­he­nen Ti­tel ei­nes »Mi­nis­ter van Staat«. Wil­lem Kok starb am 20. Ok­to­ber in Ams­ter­dam.

Osamu Shimomura, 90

Die Bio­wis­sen­schaf­ten ver­dan­ken ihm ei­nes ih­rer wich­tigs­ten Werk­zeu­ge: 1962 ge­lang es dem ja­pa­ni­schen Phar­ma­zeu­ten, aus Qual­len der Art Ae­quo­rea vic­to­ria be­stimm­te Ei­weiß­stof­fe zu iso­lie­ren – es wa­ren jene Pro­te­ine, die für das bi­zar­re Leuch­ten der Glibber­tie­re ver­ant­wort­lich sind. Ob die Qual­len mit die­ser Bio­lu­mi­nes­zenz Art­ge­nos­sen an­lo­cken oder Fein­de ab­schre­cken, konn­te Osa­mu Shi­mo­mu­ra nicht auf­klä­ren. Aber das »grün fluo­res­zie­ren­de Pro­te­in« (GFP) soll­te die Mo­le­ku­lar­bio­lo­gie re­vo­lu­tio­nie­ren. Weil GFP sich mit an­de­ren – nicht leuch­ten­den – Pro­te­inen kop­peln lässt, kön­nen Wis­sen­schaft­ler so sonst un­sicht­ba­re Pro­zes­se be­ob­ach­ten. Mit­tels GFP wur­de etwa ent­rät­selt, wie HIV Kör­per­zel­len en­tert, wie Krebs­zel­len wach­sen oder sich im Ner­ven­sys­tem neue Ver­bin­dun­gen bil­den. 2008 er­hielt Shi­mo­mu­ra, der als Ju­gend­li­cher den Atom­bom­ben­an­griff auf Na­ga­sa­ki über­leb­te, ge­mein­sam mit zwei Kol­le­gen den No­bel­preis für Che­mie. Osa­mu Shi­mo­mu­ra starb am 19. Ok­to­ber in Na­ga­sa­ki.

Gilberto Benetton, 77

Mit 14 Jah­ren hat­te er die Schu­le ver­las­sen müs­sen, aber den­noch wur­de aus Gil­ber­to Be­net­ton ein Meis­ter der Zah­len. Zu­sam­men mit sei­nen drei Ge­schwis­tern grün­de­te der aus ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen stam­men­de Be­net­ton 1965 die gleich­na­mi­ge Mo­de­fir­ma, die ein glo­ba­les Pull­ove­r­im­pe­ri­um wer­den soll­te. In der Öffent­lich­keit be­kann­ter ist sein äl­te­rer Bru­der Lu­cia­no, der mit 82 Jah­ren im ver­gan­ge­nen Jahr noch ein­mal die Ge­schäfts­füh­rung von United Co­lors of Be­net­ton über­nahm, weil die Um­sät­ze stark ein­ge­bro­chen wa­ren. Gil­ber­to, Zweit­jüngs­ter von vier Halb­wai­sen, war der Kopf hin­ter der Ex­pan­si­on der bun­ten Strick­wa­ren­welt, aber auch ei­ner Di­ver­si­fi­zie­rungs­stra­te­gie, die die Be­net­tons zu ei­ner der reichs­ten Fa­mi­li­en Ita­li­ens auf­stei­gen ließ. In den Neun­zi­ger­jah­ren for­cier­te er die Über­nah­me der Schnell­re­stau­rant­ket­te Au­to­grill, stieg spä­ter als größ­ter Ak­tio­när bei der ehe­mals staat­li­chen Au­to­bahn­ge­sell­schaft Au­tostra­de per l'I­ta­lia ein und en­ga­gier­te sich bei zahl­rei­chen gro­ßen In­fra­struk­tur­pro­jek­ten. Der Ein­sturz der Au­to­bahn­brü­cke in Ge­nua am 14. Au­gust die­ses Jah­res war auch für den an Leuk­ämie er­krank­ten Be­net­ton eine Zä­sur. Er ver­trat die Fa­mi­lie im Ver­wal­tungs­rat der Be­trei­ber­fir­ma. Der Nord­ita­lie­ner war ein gro­ßer Sport­fan, der sich nicht nur für die For­mel 1, son­dern auch für Bas­ket­ball, Rug­by und Vol­ley­ball be­geis­ter­te. Gil­ber­to Be­net­ton starb am 22. Ok­to­ber in sei­nem Ge­burts­ort Tre­vi­so.

Joachim Holmboe Rønneberg, 99

In Nor­we­gen war er ein Na­tio­nal­held, auch wenn sein mu­ti­ger Kampf ge­gen die Na­zis, im Nach­hin­ein be­trach­tet, wahr­schein­lich sinn­los war. Joa­chim Røn­ne­berg lei­te­te im Fe­bru­ar 1943 eine von den Bri­ten ge­steu­er­te Kom­man­do­ak­ti­on nor­we­gi­scher Par­ti­sa­nen ge­gen die von den Deut­schen be­trie­be­ne Fa­brik Ver­mork bei Rjukan. Dort wur­de so­ge­nann­tes schwe­res Was­ser her­ge­stellt, das zum Bau von Atom­bom­ben be­nö­tigt wird. Mit fünf Män­nern ge­lang es Røn­ne­berg, trotz zahl­rei­cher Wa­chen gro­ße Men­gen von Spreng­stoff in den Pro­duk­ti­ons­räu­men an­zu­brin­gen und den ge­sam­ten Vor­rat an schwe­rem Was­ser zu zer­stö­ren. Da­nach floh er auf Ski­ern 400 Ki­lo­me­ter weit ins neu­tra­le Schwe­den. Die deut­schen Atom­for­scher Otto Hahn und Wer­ner Hei­sen­berg wa­ren auf das schwe­re Was­ser aus Nor­we­gen an­ge­wie­sen – was auch die Al­li­ier­ten wuss­ten. Was sie nicht wuss­ten: Die Deut­schen wa­ren viel zu weit vom Bau ei­ner Atom­bom­be ent­fernt, um die­se Waf­fe je ein­set­zen zu kön­nen. Nach dem Krieg ar­bei­te­te der mit den höchs­ten Or­den de­ko­rier­te Ve­te­ran als Jour­na­list und hielt Vor­trä­ge, um vor Krieg und to­ta­li­tä­ren Re­gi­men zu war­nen. Sein mu­ti­ger Ein­satz wur­de in meh­re­ren Fil­men ver­ewigt, zu­letzt in ei­ner sechs­tei­li­gen Se­rie (»Sa­bo­teu­re im Eis«), die in die­sem Früh­jahr auch im deut­schen Fern­se­hen ge­zeigt wur­de. Joa­chim Holm­boe Røn­ne­berg starb am 21. Ok­to­ber in Åle­sund.

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