Nach­rufe

Montserrat Caballé, 85

Ein Nach­ruf auf die gro­ße spa­ni­sche So­pra­nis­tin Mont­s­er­rat Ca­bal­lé soll­te mit ih­rer Stim­me be­gin­nen. Weil das hier nicht geht, be­hel­fen wir uns: Wir könn­ten er­in­nern, wie 1965 die Erst­be­set­zung aus­fiel in Do­ni­zet­tis »Lu­cre­zia Bor­gia« in der Car­ne­gie Hall und Ca­bal­lé ein­sprang, eine bis da­hin weit­hin un­be­kann­te Sän­ge­rin. Sie be­kam mehr als 20 Mi­nu­ten lang stür­mi­schen Ap­plaus, Plat­ten­fir­men­ver­tre­ter stan­den Schlan­ge, Ein­la­dun­gen aus al­ler Welt folg­ten. Wir könn­ten er­in­nern, wie sie als Kind hun­ger­te und sich die Ge­sangs­aus­bil­dung nur leis­ten konn­te, weil Mä­ze­ne zahl­ten. Wie sie spä­ter über ihre Lei­bes­fül­le sag­te: »Ich hat­te das Glück, in ei­ner Zeit zu sin­gen, als man nicht in die Oper ging, um sich dei­ne Fi­gur an­zu­schau­en.« Wie sie in Ve­ro­na die Eli­sa­bet­ta in Ver­dis »Don Car­los« nach ei­nem Un­fall auf Krü­cken spiel­te und den Schluss­ton län­ger hielt, als das Or­ches­ter sie zu be­glei­ten hat­te, so­dass nur noch ihre Stim­me wi­der­hall­te. Ja, wir wol­len uns an ihre Stim­me er­in­nern, ihre Rein­heit, Kraft, Bril­lanz und Wär­me, vor al­lem an eine Fä­hig­keit, die wich­ti­ger ist, als ein dop­pelt ge­stri­che­nes C zu pro­du­zie­ren. Wir er­in­nern uns an Ca­bal­lés Pia­nis­si­mo, das di­rekt ins Herz ging. Mont­s­er­rat Ca­bal­lé starb am 6. Ok­to­ber in Bar­ce­lo­na.

Kyriakos Papadopoulos, 44

Die Grie­chen nann­ten ihn den »Hel­den der Ägäis«: Ky­ria­kos Pa­pa­do­pou­los, Of­fi­zier der grie­chi­schen Küs­ten­wa­che, be­wahr­te Tau­sen­de Men­schen, die von der Tür­kei über das Meer nach Grie­chen­land flo­hen, vor dem Er­trin­ken. Im Aus­land wur­de er vor al­lem durch den Film »4.1 Mi­les« be­kannt, der den Ein­satz der Küs­ten­wa­che vor der In­sel Les­bos do­ku­men­tiert und 2017 für den Os­car no­mi­niert war. Auf dem Hö­he­punkt der Flücht­lings­kri­se 2015 ka­men dort täg­lich bis zu 3000 Men­schen an. Pa­pa­do­pou­los war mit sei­nem Team im Dau­er­ein­satz. »In ge­wis­ser Wei­se bin ich selbst pa­nisch. Ich bin ent­setzt«, sag­te er. »Wir se­hen mit an, wie sich Fa­mi­li­en im grie­chi­schen Meer ver­lie­ren.« Pa­pa­do­pou­los ist auf Les­bos ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen. Er war Va­ter von zwei Töch­tern. »Er zeig­te Eu­ro­pa, was Wer­te wie Mensch­lich­keit, So­li­da­ri­tät, Gleich­heit und Frie­den be­deu­ten«, sag­te Fo­tis Kou­ve­lis, der grie­chi­sche Mi­nis­ter für Schiff­fahrt. Ky­ria­kos Pa­pa­do­pou­los starb am 10. Ok­to­ber an ei­nem Herz­in­farkt.

Karl Mildenberger, 80

Nur zehn Jah­re woll­te er als Pro­fi bo­xen, das hat­te er sich zu Be­ginn sei­ner Kar­rie­re ge­schwo­ren, und Karl Mil­den­ber­ger hielt sich dar­an: Mit 30 be­en­de­te er sei­ne Sport­ler­lauf­bahn. Trotz­dem brach­te er es auf 62 Pro­fi­kämp­fe; er ge­wann 1964 den Eu­ro­pa­meis­ter­ti­tel im Schwer­ge­wicht und ver­tei­dig­te ihn sechs­mal. Doch es war eine Nie­der­la­ge, die »Mil­de« als Krö­nung sei­ner Kar­rie­re be­zeich­ne­te. Am 10. Sep­tem­ber 1966 stieg er in Frank­furt als hoff­nungs­lo­ser Au­ßen­sei­ter in den Ring. Sein Geg­ner: Mu­ham­mad Ali, »The Grea­test«, der bis da­hin un­ge­schla­ge­ne Welt­meis­ter aus den USA. Zwölf Run­den hielt Mil­den­ber­ger da­ge­gen, erst dann nahm ihn der Ring­rich­ter ste­hend aus dem Kampf. An­schlie­ßend er­klär­te Ali den Deut­schen zum »zweit­schnells­ten Schwer­ge­wicht­ler der Welt und am bes­ten aus­se­hen­den wei­ßen Bo­xer«. In sei­ner Hei­mat­stadt Kai­sers­lau­tern emp­fin­gen mehr als 30 000 Men­schen ju­belnd »Karl den Gro­ßen«. Aus ei­ner Kri­se nach dem Kar­rie­re­en­de half ihm ein Job als Ba­de­meis­ter her­aus, zu­dem trai­nier­te er wei­ter. So hielt er jahr­zehn­te­lang, nicht ohne Stolz, sein Kampf­ge­wicht von 90 Ki­lo­gramm. Zu­letzt leb­te er zu­rück­ge­zo­gen mit sei­ner zwei­ten Ehe­frau Mi­ri­am in der Pfalz. Karl Mil­den­ber­ger starb am 5. Ok­to­ber in Kai­sers­lau­tern.

Leon Lederman, 96

Der Teil­chen­phy­si­ker re­vo­lu­tio­nier­te das Ver­ständ­nis der Ma­te­rie. Sei­ne Er­for­schung der Neu­tri­nos ging der Ur­fra­ge nach, was die Welt im In­ners­ten zu­sam­men­hält. Leon Le­der­mans El­tern wa­ren jü­di­sche Im­mi­gran­ten aus Russ­land und be­trie­ben eine Wä­sche­rei in Man­hat­tan. Un­mit­tel­bar nach sei­nem ers­ten Uni-Ab­schluss in Che­mie 1943 ging er nach Frank­reich, um ge­gen Na­zi­deutsch­land zu kämp­fen. Nach dem Krieg wech­sel­te er zur Phy­sik, und in den Sech­zi­ger­jah­ren mach­te er an der Co­lum­bia Uni­ver­si­ty ge­nia­le Ex­pe­ri­men­te, um eine bis­lang un­er­forsch­te Sor­te von Teil­chen nach­zu­wei­sen, die Myon-Neu­tri­nos. Da­für be­kam er 1988 den No­bel­preis, ge­mein­sam mit zwei Kol­le­gen. Jah­re­lang lei­te­te er das re­nom­mier­te Fer­mi­l­ab in Il­li­nois, doch be­rühmt wur­de er vor al­lem durch sei­ne grif­fi­ge Wort­schöp­fung: »Got­tes­t­eil­chen« tauf­te er das Higgs-Bo­son in ei­nem Buch. Des­sen Nach­weis dau­er­te Jahr­zehn­te, bis das Schwei­zer Cern ihn 2012 end­lich lie­fer­te. »Das gott­ver­damm­te Teil­chen« woll­te er es ei­gent­lich nen­nen, aber sein Ver­le­ger riet ab. Als Le­der­man an De­menz er­krank­te, ge­riet er in fi­nan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten und muss­te 2015 sei­ne No­bel­preis­me­dail­le ver­stei­gern, er be­kam da­für 765 002 Dol­lar. Leon Le­der­man starb am 3. Ok­to­ber in Rex­burg, Ida­ho. HIL

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