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THOMAS LEIF, 58

In sei­ner letz­ten Re­por­ta­ge „Wah­re Chris­ten oder böse Het­zer?“, die Mit­te Sep­tem­ber im SWR lief und in der Me­dia­thek noch ab­ruf­bar ist, zeigt sich der Re­por­ter auf der Höhe sei­ner Kunst. Es geht um Chris­ten in der AfD. Tho­mas Leif be­gibt sich in die Ge­mein­de­sä­le und Wohn­zim­mer der süd­deut­schen Pro­vinz und spricht mit Rech­ten wie mit Li­be­ra­len, mit en­ga­gier­ten Kir­chen­män­nern und be­weg­ten AfD-Frau­en. Nie­mand wird vor­ge­führt, je­der kommt aus­führ­lich zu Wort. Der 14-jäh­ri­ge Sohn ei­nes AfD-Kan­di­da­ten er­zählt, wie es ihm da­mit geht, dass sein Va­ter von Klas­sen­ka­me­ra­den als Nazi be­zeich­net wird. Der Stand­punkt des Re­por­ters ist zu je­dem Zeit­punkt deut­lich – er hält nichts von der AfD. Aber er ist sehr neu­gie­rig. Ihn in­ter­es­siert ein­fach al­les, und nichts Mensch­li­ches ist ihm fremd. Wenn man Tho­mas Leif be­geg­ne­te, traf man gleich meh­re­re Per­so­nen: ei­nen Re­por­ter, ei­nen Po­li­tik­deu­ter, ei­nen Or­ga­ni­sa­tor, ei­nen Best­sel­ler­au­tor und ma­ni­schen Red­ner. Wenn man ihm nicht schnell ge­nug war, äu­ßer­te er eben selbst eine sen­sa­tio­nel­le Per­so­na­lie, ent­tarn­te ein Kom­plott oder ver­blüff­te mit ei­ner ir­ren Info. Und reg­te sich dann auf über das, was er ei­nem ge­ra­de bei­ge­bracht hat­te. Dann er­klang sein leicht hei­se­res, tie­fes „Waas? Na, was sagst du dazu?“. Ich hat­te das Glück, ihn schon früh ken­nen­zu­ler­nen, da war ich bei der Schü­ler­zei­tung, und er war schon um­trie­big und ein Aus­ken­ner, Funk­tio­när des Schü­ler­zei­tungs­ver­bands. Soll­te uns, un­se­rem Schü­ler­blatt je­mand ein Haar krüm­men, wür­de die Bun­des­re­pu­blik in den Ge­ne­ral­streik im Na­men der Pres­se­frei­heit ge­führt, und zwar von ihm per­sön­lich – so un­ge­fähr war da­mals schon sein Ver­spre­chen. Je­den zwei­ten Satz be­en­de­te er mit der Ver­pflich­tung auf Ver­trau­lich­keit, ver­mut­lich hielt er uns auch zum Bes­ten. Wir blie­ben in Kon­takt, so wie Leif mit der gan­zen Bran­che, ja mit halb Deutsch­land in Ver­bin­dung stand. In der be­däch­ti­gen und bie­de­ren Re­pu­blik, die wir ge­wor­den sind, war er für die Er­hö­hung von Tem­po und Tem­pe­ra­tur zu­stän­dig. Leif war sel­ten zu­frie­den, aber meis­tens gu­ter Lau­ne. Bei all sei­nen Er­fol­gen, den vie­len Eh­run­gen, die ihm zu Recht zu­flo­gen, hat­te er auch ei­ni­ge Flops zu ver­bu­chen, der be­kann­tes­te war wohl sein Streit mit dem von ihm ge­grün­de­ten Netz­werk Re­cher­che, es ging da­mals um buch­hal­te­ri­sche Un­ge­nau­ig­kei­ten. Was ihn in­ter­es­sier­te, wie der SPIEGEL, wur­de von ihm mit Spott und Kri­tik über­reich­lich be­dacht. Und dann wur­de dis­ku­tiert, bis man bei Mon­tai­gne war – es war ein Glück mit ihm. Tho­mas Leif starb, wie erst jetzt be­kannt wur­de, am 30. De­zem­ber 2017.

DOLORES O'RIORDAN, 46

Vier Wör­ter ge­nü­gen, um Do­lo­res O'­Riord­ans Stim­me wie­der im Ohr zu ha­ben: „In your head, Zom­bie.“ Der Song der iri­schen Rock­band The Cran­ber­ries, der kri­tisch auf den Nord­ir­land­kon­flikt blick­te, wäre 1994 nicht zu ei­nem welt­wei­ten Hit ge­wor­den, viel­leicht auch nie – ne­ben Nir­va­nas „Smells Like Teen Spi­rit"– zu ei­ner Hym­ne der MTV-Ge­ne­ra­ti­on, hät­te nicht O'­Rior­dan „Zom­bie“ ge­sun­gen – mit ih­rer me­lan­cho­li­schen, doch kräf­ti­gen Stim­me, die sich so mar­kant über­schlug. Sin­gen lern­te O'­Rior­dan als Kind, in Bal­ly­bri­cken, ei­ner klei­nen Ge­mein­de im Süd­wes­ten Ir­lands. Ih­ren ers­ten Song schrieb sie mit zwölf; Auf­trit­te hat­te sie in Pubs und in Kir­chen. 1990 trat sie ei­ner da­mals noch un­be­kann­ten Band aus Li­me­rick bei, die Mit­te der Neun­zi­ger­jah­re als The Cran­ber­ries so­wohl in Eu­ro­pa als auch in den USA po­pu­lär wur­de. An den Er­folg des zwei­ten Al­bums, „No Need to Ar­gue“, das „Zom­bie“ ent­hielt, konn­ten The Cran­ber­ries nicht an­knüp­fen. O'­Rior­dan ver­öf­fent­lich­te Ende der Nul­ler­jah­re zwei So­lo­al­ben. 2013 mach­te sie öf­fent­lich, dass sie als Kind miss­braucht wor­den war, spä­ter wur­de ihr eine bi­po­la­re Stö­rung dia­gnos­ti­ziert. Do­lo­res O'­Rior­dan starb am 15. Ja­nu­ar in Lon­don.

EDWIN HAWKINS, 74

El­vis Pres­ley, Are­tha Fran­klin und vie­le an­de­re san­gen den Song, der eher zu­fäl­lig ein Hit ge­wor­den war: „Oh Hap­py Day“. Der in Ka­li­for­ni­en ge­bo­re­ne Ed­win Haw­kins hat­te das Lied in ei­nem Ge­sang­buch sei­ner Mut­ter ent­deckt, ihn als Gos­pel ar­ran­giert und mit sei­ner Ge­sangs­grup­pe eine eher lai­en­haf­te Auf­nah­me pro­du­ziert. Ein Ra­dio-DJ ent­deck­te die Plat­te, spiel­te sie – und bald stürm­te „Oh Hap­py Day“ die Charts. 1970 er­hielt er da­für ei­nen Gram­my. Haw­kins war schon als Kind in der Welt der Gos­pel­mu­sik zu Hau­se und ein ta­len­tier­ter Kla­vier­spie­ler. Ei­gent­lich woll­te er In­nen­ar­chi­tekt wer­den. Mit sei­nen Ed­win Haw­kins Sin­gers tour­te er durch die Welt; sei­ne Stim­me wur­de als „be­ru­hi­gend, ele­gant“ ge­fei­ert. „Ich habe nie ge­plant, in die Mu­sik­bran­che zu ge­hen“, sag­te er ein­mal, „der Er­folg der Plat­te be­stimm­te mein Schick­sal.“ Ed­win Haw­kins starb am 15. Ja­nu­ar in Plea­san­ton, Ka­li­for­ni­en.

VIKTOR ANPILOW, 72

Auf das Ende des Kom­mu­nis­mus folg­te in Russ­land das Ende der Kom­mu­nis­ten. Sie wur­den zu ei­ner zah­men Op­po­si­ti­ons­par­tei, von der dem Kreml kei­ne Ge­fahr droht. Vik­tor An­pi­lows Schuld ist das nicht: Der lin­ke Po­li­ti­ker steht für jene auf­müp­fi­ge Lin­ke, die Russ­land An­fang der Neun­zi­ger­jah­re noch hat­te. Der Ex-Jour­na­list und Grün­der der Be­we­gung „Ar­bei­ten­des Russ­land“ führ­te Mas­sen­kund­ge­bun­gen vor den Mau­ern des Kremls an. Auch im be­waff­ne­ten Kon­flikt zwi­schen Prä­si­dent Bo­ris Jel­zin und Tei­len des Par­la­ments ge­hör­te An­pi­low 1993 zu den ra­di­ka­len Geg­nern der Re­gie­rung. Vik­tor An­pi­low starb am 15. Ja­nu­ar in Mos­kau.

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