Annek­tiert

Analyse Der Hungerstreik des Regisseurs Oleh Senzow dauert schon mehr als 100 Tage – weil Putin nicht einlenkt.

von Christian Esch

Der Fluch der bö­sen Tat, so hat es Schil­ler for­mu­liert, ist ihr Fort­wir­ken – »dass sie, fort­zeu­gend, im­mer Bö­ses muss ge­bä­ren«. So ist es auch mit Russ­lands An­ne­xi­on der Krim. Sie ge­biert im­mer neue Un­ge­rech­tig­kei­ten, das Schick­sal von Oleh Sen­zow zeigt es. Der ukrai­ni­sche Re­gis­seur ge­hört zu den we­ni­gen Ein­woh­nern der Krim, die sich 2014 der Über­nah­me wi­der­setz­ten. Die rus­si­sche Jus­tiz be­straf­te ihn da­für und ver­ur­teil­te ihn we­gen »Ter­ro­ris­mus« zu 20 Jah­ren Haft – ge­stützt auf Zeu­gen­aus­sa­gen, die un­ter Fol­ter ge­won­nen und spä­ter wi­der­ru­fen wur­den. Aber Russ­lands Jus­tiz konn­te nicht an­ders: Wi­der­stand muss­te im Keim er­stickt wer­den. Eine Über­stel­lung des Häft­lings an Kiew lehn­te Mos­kau ab – mit dem ab­sur­den Ar­gu­ment, man lie­fe­re kei­ne rus­si­schen Staats­bür­ger an frem­de Staa­ten aus. Doch auch das hat­te sei­ne spe­zi­el­le Lo­gik: Mit der Krim hat Mos­kau so­zu­sa­gen auch die Ein­woh­ner an­nek­tiert. Nun sitzt der al­lein­er­zie­hen­de Va­ter Sen­zow sei­ne Haft am Po­lar­kreis ab. So weit, so böse. Was Sen­zow zum Son­der­fall macht, sind sei­ne Pro­mi­nenz und sein ei­ser­ner Wil­le. Seit mehr als 100 Ta­gen be­fin­det er sich im Hun­ger­streik, er will die Frei­las­sung al­ler ukrai­ni­schen po­li­ti­schen Häft­lin­ge in Russ­land er­zwin­gen. Un­ter ärzt­li­cher Auf­sicht er­hält er zwar In­fu­sio­nen. Den­noch, es ist eine ge­fähr­li­che Schä­di­gung des Kör­pers. Seit Lan­gem be­müht sich die deut­sche Kanz­le­rin um eine Frei­las­sung Sen­zows. Ein Deal des Kreml mit der Ukrai­ne soll­te mög­lich sein, ver­bal be­ken­nen sich Mos­kau wie Kiew zum Aus­tausch ih­rer Ge­fan­ge­nen. Ge­klappt hat es bis­her nur im Klei­nen. Vor zwei Wo­chen hieß es, Sen­zow käme frei – eine Fehl­mel­dung. Kiew bot für ei­nen Aus­tausch die Frei­las­sung ei­nes rus­si­schen Jour­na­lis­ten an. Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin lehn­te ab. Ein Ter­ro­rist ge­gen ei­nen blo­ßen Jour­na­lis­ten, das sei kein gu­ter Han­del, fin­det er. Der Fluch der bö­sen Tat ist längst nicht ge­bro­chen.

Sie lesen die Vorschau

Sie haben diese Ausgabe bereits gekauft oder ein digitales Abo? Dann melden Sie sich mit Ihrer SPIEGEL-ID an, um den vollständigen Artikel zu lesen. MIT SPIEGEL+ LESEN – GRATIS TESTEN

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 35/2018.