Nach­rufe

Joël Robuchon, 73

Als Ju­gend­li­cher woll­te der Mau­rer­sohn Pries­ter wer­den – aber Gott sei Dank, er hat es sich an­ders über­legt. Ro­buchon wur­de Koch. In sei­ner lan­gen Kar­rie­re er­neu­er­te das Aus­nah­me­ta­lent Frank­reichs kul­tu­rel­les Hei­lig­tum, die Kü­che. Ab­ge­sto­ßen von den Es­ka­pa­den der »Nou­vel­le Cui­sine«, eb­ne­te er in den Acht­zi­ger­jah­ren ih­rem bo­den­stän­di­ge­ren Nach­fol­ger den Weg, der »Cui­sine Mo­der­ne«. Ro­buchon be­trieb Re­stau­rants un­ter an­de­rem in Pa­ris, Lon­don, Shang­hai und New York. Über die Jah­re hat er 32 Mi­che­lin-Ster­ne ein­ge­sam­melt, mehr als ir­gend­je­mand zu­vor. Der Re­stau­rant­füh­rer »Gault-Mil­lau« er­nann­te ihn 1990 gar zum »Koch des Jahr­hun­derts«. Be­rühmt wur­de er nicht zu­letzt für ein ba­na­les Kin­der­ge­richt: Kar­tof­fel­brei. Der Meis­ter hat­te ei­nen Weg ge­fun­den, aus ge­stampf­ten Kar­tof­feln mit Un­men­gen von But­ter eine lo­cker-flo­cki­ge, hoch­ka­lo­ri­sche Gau­men­freu­de zu kre­ieren, die selbst hart­ge­sot­te­ne Gour­mets in Wal­lung ver­setz­te. In sei­ner Kü­che wur­de Ro­buchon zum Aus­bil­der ei­ner gan­zen Ge­ne­ra­ti­on in­no­va­ti­ver Koch­künst­ler, un­ter an­de­rem des jun­gen Bri­ten Gor­don Ram­say. 1995 ver­ab­schie­de­te sich Ro­buchon vom Dienst am Herd. Seit­her schrieb er Bü­cher über das Ko­chen, bril­lier­te in Koch­shows und ma­nag­te sein Re­stau­rant-Im­pe­ri­um. Joël Ro­buchon starb am 6. Au­gust in Genf an Bauch­spei­chel­drü­sen­krebs.

Matthew Sweeney, 65

Ganz dort oben kam er auf die Welt, am Rand von Ir­land, in der Graf­schaft Do­ne­gal. Er stu­dier­te in Dub­lin Che­mie­in­ge­nieurs­we­sen, in Frei­burg Ger­ma­nis­tik. Kaf­ka und Kleist wa­ren sei­ne Lieb­lin­ge. Sein ei­ge­nes Schrei­ben nann­te er mal »al­ter­na­ti­ven Rea­lis­mus«. Es war sein Pro­gramm, eine an­de­re Welt ist mög­lich, und in Ge­dich­ten kann sie Wirk­lich­keit wer­den: Ein klei­nes Pferd springt vor Ir­land ins Meer, weil es sich ent­schlos­sen hat, die Ant­ark­tis zu er­rei­chen. Kei­nen mensch­li­chen Rei­ter lässt es auf dem Rü­cken zu, taucht erst bei den ver­blüff­ten Pin­gui­nen wie­der auf. Sweeney hat auch eine Wei­le in Ber­lin ge­lebt. Aus die­ser Zeit stam­men die Zei­len: »Whe­re has he va­nis­hed to, He­cke­wald? / Has so­meo­ne kni­fed him in Neu­kölln?« Mat­t­hew Sweeney starb am 5. Au­gust in Cork.

Heinz Oestmann, 68

Als der Elb­fi­scher Ende der Sieb­zi­ger­jah­re im­mer mehr kran­ke Fi­sche in sei­nen Net­zen ent­deck­te, be­haup­te­ten In­dus­trie­un­ter­neh­men noch frech, die Ein­lei­tung von Gif­ten habe kei­nen Ein­fluss auf die Was­ser­qua­li­tät. Auf »Ver­ar­sche« hat­te Oest­mann »kei­nen Bock«. Mit wag­hal­si­gen Blo­cka­de­ak­tio­nen, ei­ner Kla­ge ge­gen die Bun­des­re­pu­blik und als Mit­glied der Ham­bur­ger Grü­nen ent­wi­ckel­te sich der In­di­vi­dua­list zur Ga­li­ons­fi­gur für Um­welt­schutz, zum »Öko­re­bel­len«. So wie er sein Le­ben lang Wind und Wet­ter trotz­te, trotz­te er mehr als zwei Jahr­zehn­te lang den Be­hör­den: Oest­mann war ei­ner der Letz­ten, die 1998 ihr Haus in Ham­burg-Al­ten­wer­der für die Ha­fen­er­wei­te­rung räum­ten. Die über 250 Jah­re alte Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on der Fi­sche­rei hielt er auf­recht. Als er 2013 sei­nen Kut­ter »Nord­stern« ver­kauf­te, sag­te er, der ewi­ge Pro­test habe sich ge­lohnt. Heinz Oest­mann starb am 6. Au­gust in Ham­burg.

Enno Patalas, 88

Er war ei­ner der gro­ßen deut­schen Film­his­to­ri­ker, hell­sich­tig, lei­den­schaft­lich, prä­zi­se. Aus dem Münch­ner Film­mu­se­um, das er von 1973 bis 1994 lei­te­te, mach­te er ei­nen Ort für alle, die das Kino lie­ben und ver­ste­hen wol­len, wie es funk­tio­niert. Zu­sam­men mit sei­ner Frau Frie­da Gra­fe setz­te er neue Maß­stä­be für die Re­fle­xi­on über den Film als Kunst­form. Durch um­fang­rei­che Re­tro­spek­ti­ven schärf­te er den Blick auf die Wer­ke be­deu­ten­der Fil­me­ma­cher, aber auch für die Kom­ple­xi­tät des Gen­re-Ki­nos. Er re­kon­stru­ier­te Klas­si­ker wie »M« oder »Me­tro­po­lis« und schuf da­mit ein Be­wusst­sein für den Reich­tum des Stumm­films. Enno Pa­ta­las starb am 7. Au­gust in Mün­chen.

Käthe Wohlfahrt, 85

Mit ih­ren Fach­ge­schäf­ten für Fest­ar­ti­kel ver­brei­te­te sie die Tra­di­ti­on deut­scher Weih­nacht in alle Welt – oder das rot-gold-sil­ber­ne Kli­schee da­von. 1964 grün­de­te die ge­bür­ti­ge Säch­sin mit ih­rem Mann Wil­helm in Her­ren­berg bei Stutt­gart das Un­ter­neh­men. An­fangs ver­kauf­ten sie Spiel­uh­ren, nach und nach er­wei­ter­ten sie das Sor­ti­ment, von der Glas­ku­gel bis zum Rausch­gol­den­gel. 1977 zo­gen die Wohl­fahrts nach Ro­then­burg ob der Tau­ber um, in der Herrn­gas­se star­te­ten sie das ers­te Weih­nachts­fach­ge­schäft in Eu­ro­pa, das ganz­jäh­rig ge­öff­net ist, spä­ter glie­der­ten sie ein ei­ge­nes Weih­nachts­mu­se­um an. Seit 1990 lei­tet Wohl­fahrts Sohn Ha­rald die Ge­schäf­te, er treibt die Ex­pan­si­on vor­an: mit Fi­lia­len im In- und Aus­land, On­line­ver­kauf so­wie Stän­den auf Weih­nachts­märk­ten so­gar in Ja­pan und den USA. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren sei Wohl­fahrt manch­mal noch im Ge­schäft auf­ge­taucht, wird be­rich­tet, habe den Kas­sie­re­rin­nen eine Pra­li­ne ge­reicht und sie er­mun­tert: »Hal­tet durch!« Kä­the Wohl­fahrt starb am 31. Juli in Ro­then­burg ob der Tau­ber.

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