Nach­rufe

Andreas Kappes, 52

Als Rad­renn­fah­rer der Neun­zi­ger­jah­re war er Do­ping­be­trü­ger und gleich­zei­tig Op­fer sei­ner Zeit. Wer die gro­ßen Ren­nen in­klu­si­ve der Tour de Fran­ce be­strei­ten woll­te, muss­te mit­ma­chen beim Ta­blet­ten­schlu­cken – mehr­mals stand Kap­pes un­ter Do­ping­ver­dacht. Aber er sorg­te auch für eine der bes­ten Aus­re­den. 1997 fan­den Do­ping­fahn­der ein ver­bo­te­nes Mit­tel in sei­nem Urin. Kap­pes sag­te, er habe ver­se­hent­lich die Ap­pe­tit­züg­ler sei­ner Frau mit ei­nem ver­bo­te­nen In­halts­stoff ein­ge­nom­men, sei­ne Toch­ter habe die Ta­blet­ten ver­tauscht. Die Fans ver­zie­hen dem »schö­nen Andy« ("Sport Bild"), auch weil er mit 24 Sie­gen bei Sechs­ta­ge­ren­nen ei­ner der bes­ten Bahn­rad­fah­rer war. Nach sei­nem Kar­rie­re­en­de hat­te er es schwer, sich zu­recht­zu­fin­den. Er ar­bei­te­te un­ter an­de­rem als Fens­ter­put­zer, zu­letzt als Be­ra­ter im Rad­sport. An­dre­as Kap­pes starb am 30. Juli an Herz­ver­sa­gen, aus­ge­löst durch eine all­er­gi­sche Re­ak­ti­on auf ei­nen In­sek­ten­stich.

Mary Carlisle, 104

Als sie in Hol­ly­wood an­fing, war das Kino noch stumm. Schon als Kind stand die in Bos­ton ge­bo­re­ne Schau­spie­le­rin vor der Ka­me­ra, 1923 an der Sei­te von Ja­ckie Coo­gan, der ge­nau­so alt war wie sie und Mil­lio­nen ver­dien­te. Es war die Zeit der gro­ßen klei­nen Stars, der Kin­der und Teen­ager, die das Pu­bli­kum mit un­schul­di­gem Charme und Witz ver­zau­ber­ten. Car­lis­le schaff­te es nie bis an die Spit­ze, sie zählt zu den vie­len ver­ges­se­nen Ar­bei­te­rin­nen und Ar­bei­tern, die da­für sorg­ten, dass die Traum­fa­brik Jahr für Jahr ge­nü­gend er­folg­rei­che Pro­duk­te auf den Markt brach­te. Sie über­nahm Ne­ben­rol­len in auf­wen­di­gen Pro­duk­tio­nen und manch­mal Haupt­rol­len in Bil­lig­fil­men. Oft be­stand ihre Auf­ga­be dar­in, Stars wie Joan Cra­w­ford nicht die Schau zu steh­len. In­mit­ten des Gla­mours führ­te Car­lis­le ein An­ge­stell­ten­da­sein wie Tau­sen­de an­de­re Film­künst­ler auch, die Hol­ly­wood zu dem mach­ten, was es bis heu­te ist. Mary Car­lis­le starb am 1. Au­gust in Los An­ge­les.

Kurt Scheel, 70

Der 1948 ge­bo­re­ne Ger­ma­nist hat­te eine Dis­ser­ta­ti­on über Arno Schmidt in Ar­beit, als ihn 1980 das An­ge­bot er­reich­te, Re­dak­teur bei der Zeit­schrift »Mer­kur« zu wer­den. Die Sa­che soll­te nur von kur­zer Dau­er sein, aber es kam an­ders. Scheel wur­de ein le­gen­dä­rer Re­dak­teur, blieb bis 2012 beim Blatt und er­kann­te, dass er sei­nen Traum­be­ruf ge­fun­den hat­te: das Dis­ku­tie­ren, Re­di­gie­ren und Schrei­ben in der Re­dak­ti­on des »Mer­kur«. 1991 wur­de er mit sei­nem po­li­tisch ganz an­ders ge­pol­ten Freund Karl Heinz Boh­rer Her­aus­ge­ber der Zeit­schrift. Sie mach­ten dar­aus eine In­sti­tu­ti­on des in­tel­lek­tu­el­len Le­bens und ein Fo­rum der geis­ti­gen Frei­heit. Da­bei pfleg­ten sie eine an­gel­säch­sisch an­mu­ten­de, prag­ma­ti­sche Skep­sis, mit der sie das lin­ke Ber­li­ner Mi­lieu präch­tig zu är­gern ver­stan­den. Scheel ent­wi­ckel­te ei­nen ge­recht­fer­tig­ten Stolz auf die her­vor­ra­gen­de hand­werk­li­che Qua­li­tät je­der Aus­ga­be. Die Ge­müt­lich­keit, so er­klär­te er in ei­nem sei­ner sel­te­nen In­ter­views, das er dem Jour­na­lis­ten Jan Fed­der­sen von der »taz« ge­währ­te, schät­ze er pri­vat, aber nicht im Den­ken, denn das müs­se sein »wie ein Fox­ter­ri­er. Bis­sig«. Scheel ist der Schöp­fer des Aus­drucks »Gut­mensch«, mit dem er, wie­der mal, auf das links­grü­ne Mi­lieu ziel­te. Zu­gleich be­dau­er­te er, dass sein Be­griff von »zu vie­len Idio­ten« ver­wen­det wür­de. Kurt Scheel starb am 31. Juli in Ber­lin.

Kathy Kriger, 72

Als nach den At­ten­ta­ten vom 11. Sep­tem­ber 2001 der »Krieg ge­gen den Ter­ror« aus­ge­ru­fen wur­de, sah die ehe­ma­li­ge US-Di­plo­ma­tin vor­aus, dass An­fein­dun­gen von Mus­li­men all­ge­mein zu­neh­men wür­den und woll­te ein Zei­chen für To­le­ranz set­zen. So be­grün­de­te die in Port­land, Ore­gon, ge­bo­re­ne Kri­ger spä­ter ihre glei­cher­ma­ßen ex­zen­tri­sche wie char­man­te Idee, in Ca­sa­blan­ca ein Lo­kal zu er­öff­nen, das für ei­nen Hol­ly­wood­klas­si­ker er­dacht wor­den war: Rick's Café, ge­stal­tet nach der Film­ku­lis­se von »Ca­sa­blan­ca« (1942) mit Hum­phrey Bo­gart, öff­ne­te 2004 sei­ne Pfor­ten. Kri­ger hat­te die Welt be­reist und ei­ni­ge Jah­re als Han­delsat­tachée in der US-Bot­schaft von Ma­rok­ko ge­ar­bei­tet. In­to­le­ranz, Ras­sis­mus, Eng­stir­nig­keit wa­ren ihr ein Gräu­el. Mit ih­rem stil­vol­len Lo­kal leis­te­te sie ei­nen cle­ve­ren Bei­trag zur Völ­ker­ver­stän­di­gung: als al­lein­ste­hen­de Frau, die in ei­nem mus­li­mi­schen Land ein Ge­schäft be­grün­det, als Kul­tur­bot­schaf­te­rin ei­nes welt­of­fe­nen Ame­ri­kas. Ma­dame Rick lieb­te es, an der Bar ih­res wahr ge­wor­de­nen Traums den Klän­gen von »As Time Goes By« zu lau­schen und das Trei­ben ih­rer in­ter­na­tio­na­len Gäs­te­schar zu be­ob­ach­ten. An eine Rück­kehr in die USA dach­te sie nicht, sie war da ganz ei­ner Mei­nung mit ih­rem Film­hel­den Rick Blai­ne: Ca­sa­blan­ca sei ein gu­ter Ort zum Ster­ben. Ka­thy Kri­ger starb dort am 26. Juli.

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