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Sergio Marchionne, 66

Er war der Mann, der die ita­lie­ni­sche Au­to­in­dus­trie vor dem Un­ter­gang be­wahr­te. »Ich bin von Na­tur aus je­mand, der Din­ge re­pa­riert«, sag­te Ser­gio Mar­chion­ne ein­mal. Bei der Fabbri­ca Ita­lia­na Au­to­mo­bi­li To­ri­no – kurz Fiat – war ihm das ge­lun­gen. Als er die Fir­ma vor 14 Jah­ren über­nahm, stand das tra­di­ti­ons­rei­che Un­ter­neh­men kurz vor der Plei­te. Mar­chion­ne be­leb­te Alfa Ro­meo wie­der, strich Jobs und er­ar­bei­te­te sich ei­nen Ruf als har­ter, aber er­folg­rei­cher Sa­nie­rer. Da­bei sol­len ihn Au­tos nicht ein­mal be­son­ders in­ter­es­siert ha­ben, auch wenn er durch­aus Spaß dar­an fand, mit 300 Stun­den­ki­lo­me­tern im Fer­ra­ri über die haus­ei­ge­ne Renn­stre­cke zu bret­tern.

Oxana Schatschko, 31

Eine Zeit lang spiel­te sie mit dem Ge­dan­ken, ins Klos­ter zu ge­hen. Doch dann woll­te Oxa­na Schatsch­ko, in der ukrai­ni­schen Stadt Chmelnyz­kyj zu Zei­ten der Pe­res­troi­ka ge­bo­ren, lie­ber die Welt ver­än­dern. Sie in­ter­es­sier­te sich für Phi­lo­so­phie, las mar­xis­ti­sche Li­te­ra­tur, en­ga­gier­te sich für Frau­en­rech­te und ge­hör­te 2008 zu den al­ler­ers­ten Ak­ti­vis­tin­nen der heu­te welt­weit agie­ren­den Grup­pe Fe­men. Ge­gen se­xu­el­le Aus­beu­tung, ge­gen Dik­ta­tur und Un­ter­drü­ckung durch Re­li­gi­on er­ho­ben die Frau­en ihre Stim­me, und um ge­hört zu wer­den, zo­gen sie sich aus: Die bar­bu­si­gen Pro­tes­te fan­den al­ler­größ­te Auf­merk­sam­keit – bei Freund und Feind. Sie hät­ten den Fe­mi­nis­mus neu er­fun­den, ju­bel­ten die ei­nen, al­les Ef­fekt­ha­sche­rei, kri­ti­sier­ten die an­de­ren. Schatsch­ko war ge­lern­te Iko­nen­ma­le­rin; in ih­rer Frei­zeit fer­tig­te sie Ab­drü­cke ih­rer Brüs­te an, die, als T-Shirt-Mo­tiv ver­wen­det, Fe­men mit­fi­nan­zier­ten. Dass die Pro­tes­te die Mäch­ti­gen nicht kalt­lie­ßen, wur­de an den bru­ta­len Re­ak­tio­nen deut­lich. 2013 fand Schatsch­ko po­li­ti­sches Asyl in Frank­reich, nach­dem sie mut­maß­lich vom Ge­heim­dienst schwer miss­han­delt wor­den war. Schatsch­ko, von ih­ren Freun­den Ksju­s­cha ge­nannt, war als mu­tig, krea­tiv, sen­si­bel be­kannt. Nach Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Or­ga­ni­sa­ti­on von Fe­men er­klär­te sie 2014 ihr Aus­schei­den. Sie kon­zen­trier­te sich seit­her ganz auf ihre freie Kunst. Am 23. Juli wur­de Oxa­na Schatsch­ko in ih­rer Pa­ri­ser Woh­nung tot auf­ge­fun­den. Es exis­tiert ein Ab­schieds­brief.

Mary Ellis, 101

Am liebs­ten flog sie die »Spit­fi­re«. An die 400 Ex­em­pla­re des bis heu­te le­gen­dä­ren Jagd­flug­zeugs hat­te sie im Zwei­ten Welt­krieg ge­steu­ert, vie­le wa­ren fa­brik­neu, an­de­re durch Be­schuss stark be­schä­digt. Frau­en war da­mals der Zu­gang zur Roy­al Air Force noch ver­bo­ten, den­noch flog Mary El­lis bis Kriegs­en­de 76 ver­schie­de­ne Flug­zeug­ty­pen, so­gar schwe­re Bom­ber wie den »Vi­ckers Wel­ling­ton«. 1941 war die jun­ge Pi­lo­tin der Air Trans­port Au­xi­l­i­a­ry bei­ge­tre­ten, ei­ner zi­vi­len Or­ga­ni­sa­ti­on, die Mi­li­tär­ma­schi­nen zwi­schen den Flug­zeug­werf­ten und ih­ren Sta­tio­nie­rungs­or­ten hin und her be­weg­te. In die­sem Dienst ar­bei­te­ten ne­ben mehr als 1000 Pi­lo­ten auch 168 Pi­lo­tin­nen aus al­ler Welt, was da­mals höchst un­ge­wöhn­lich war – und in Flie­ger­krei­sen zu­nächst für Em­pö­rung sorg­te. Doch die flie­gen­den Frau­en wur­den so drin­gend ge­braucht, dass die bri­ti­sche Re­gie­rung 1943 zum Äußers­ten griff und ih­nen das glei­che Ge­halt wie ih­ren männ­li­chen Kol­le­gen zahl­te. Eine Sen­sa­ti­on. Von die­sen Pio­nie­rin­nen le­ben jetzt nur noch drei. Mary El­lis starb am 24. Juli auf der Isle of Wight in ih­rem Haus am Ran­de ei­nes klei­nen Flug­plat­zes.

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