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Chef­re­dak­teur En­gel 1969: Brum­mi­ge Zu­nei­gung

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Großer kleiner General

Zum Tod des ehemaligen SPIEGEL-Chefredakteurs Johannes K. Engel (1927 bis 2018)
Von Franziska Augstein

Als „pro­fes­sio­nells­ten Pro­fi“ hat Claus Ja­co­bi sei­nen eins­ti­gen Chef­re­dak­teurs­kol­le­gen Jo­han­nes K. En­gel noch 1991 be­zeich­net. Ende der Sech­zi­ger­jah­re stan­den die bei­den zu­sam­men an der Re­dak­ti­ons­spit­ze desSPIEGEL. 1991 ar­bei­te­te Ja­co­bi lan­ge schon für die Sprin­ger-Pres­se; sei­ner Hoch­ach­tung für En­gel vom po­li­tisch an­de­ren Ufer tat das kei­nen Ab­bruch.

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FRANCE GALL, 70

Hät­te sie um die An­züg­lich­keit der Tex­te ge­wusst, dann hät­te sie die Lie­der wohl nie ge­sun­gen. Das zu­min­dest sag­te Fran­ce Gall Jah­re spä­ter über Hits wie „Les Su­cet­tes“ ("Die Lol­lis"), ein Song, der ihr von Ser­ge Gains­bourg ge­schrie­ben wur­de und sie in den Sech­zi­ger­jah­ren zum Star mach­te. Ge­ra­de ihr nai­ver Charme ver­half ihr zum Er­folg. Mit 17 Jah­ren trat Gall für Lu­xem­burg beim Grand Prix Eu­ro­vi­si­on an. Et­was schüch­tern sang sie „Poupée de cire, poupée de son“ – und ge­wann den Wett­be­werb. Wei­te­re Hits folg­ten, dar­un­ter auch ei­ni­ge mit deut­schen Tex­ten ("Ein biß­chen Goe­the, ein biß­chen Bo­na­par­te"). In der Ehe mit Sän­ger und Kom­po­nist Mi­chel Ber­ger schaff­te sie es, sich vom Klein-Mäd­chen-Image zu be­frei­en. Die von ih­rem Mann kom­po­nier­te Hom­mage an Ella Fitz­ge­rald „Ella elle l'a“ ver­schaff­te ihr 1987 ein viel re­spek­tier­tes Come­back. Ihr Pri­vat­le­ben ver­lief da­nach tra­gisch: Über­ra­schend starb ihr Mann im Al­ter von 44 Jah­ren an ei­nem Herz­in­farkt. 1997 ver­starb auch die ge­mein­sa­me Toch­ter, die an ei­ner Stoff­wech­sel­er­kran­kung ge­lit­ten hat­te. Fran­ce Gall zog sich zu­rück, leb­te zeit­wei­se im Se­ne­gal und en­ga­gier­te sich für so­zia­le Pro­jek­te. Vor zwei Jah­ren er­krank­te sie an Brust­krebs, es war ein Rück­fall. Fran­ce Gall starb am 7. Ja­nu­ar in Neuilly-sur-Sei­ne bei Pa­ris.

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TATSURO TOYODA, 88

Er war der Mann für Ame­ri­ka. Tatsu­ro To­yo­da, der Sohn des Grün­ders des ja­pa­ni­schen Au­to­bau­ers To­yo­ta, hat­te in den Fünf­zi­ger­jah­ren in New York stu­diert; schon da­mals war er im Un­ter­neh­men be­schäf­tigt. Als es An­fang der Acht­zi­ger­jah­re dar­um ging, den Kon­zern in­ter­na­tio­nal zu po­si­tio­nie­ren, ver­bün­de­te sich To­yo­da – bis da­hin un­vor­stell­bar – mit dem US-Ri­va­len Ge­ne­ral Mo­tors. Die ge­mein­sa­me Fir­ma Num­mi pro­du­zier­te fort­an im ka­li­fo­ni­schen Fre­mont. To­yo­da wur­de ihr ers­ter Chef, sei­ne Ar­bei­ter schick­te er zur Fort­bil­dung nach Ja­pan. 1992 folg­te To­yo­da, der auch in Afri­ka und Aus­tra­li­en für To­yo­ta tä­tig war, sei­nem äl­te­ren Bru­der Shoi­chi­ro an die Spit­ze des Fa­mi­li­en­kon­zerns. Drei Jah­re spä­ter gab er den Pos­ten aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den ab und ar­bei­te­te fort­an als Be­ra­ter. Dass die Mar­ke To­yo­ta sich an­ders als die Fa­mi­lie mit „t“ schreibt, liegt am Aber­glau­ben des Fir­men­grün­ders: In ja­pa­ni­scher Schrift hat der Name da­durch acht Stri­che – die Zahl acht gilt als Glücks­zahl. Tatsu­ro To­yo­da starb am 30. De­zem­ber.

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PHILIPP JENNINGER, 85

Kei­ne 38 Mi­nu­ten dau­er­te die Rede, die sein po­li­ti­sches Aus be­deu­te­te. Der am­tie­ren­de Bun­des­tags­prä­si­dent Phil­ipp Jen­nin­ger sprach 1988 zum 50. Jah­res­tag der Reichs­po­grom­nacht – und lös­te eine Wel­le der Em­pö­rung aus. Er hat­te er­klä­ren wol­len, wie deut­sche Mit­läu­fer den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus sei­ner­zeit ent­schul­dig­ten; er be­nutz­te Zi­ta­te, ohne die­se kennt­lich zu ma­chen. Er sprach vom „Tri­umph­zug Hit­lers“, von „stau­nen­er­re­gen­den Er­fol­gen“. „Und was die Ju­den an­ging: Hat­ten sie sich nicht in der Ver­gan­gen­heit doch eine Rol­le an­ge­maßt – so hieß es da­mals –, die ih­nen nicht zu­kam?“, frag­te er. Schon wäh­rend sei­nes Bei­trags ver­lie­ßen Ab­ge­ord­ne­te den Ple­nar­saal. Jen­nin­ger trat am fol­gen­den Tag als Par­la­ments­prä­si­dent zu­rück. Im Nach­hin­ein er­fuhr sei­ne Rede als „miss­glück­tes Ge­den­ken“ ein mil­de­res Ur­teil. Der Sohn ei­nes Buch­druck­meis­ters saß ab 1969 für die CDU im Bun­des­tag. Er hat­te als Staats­mi­nis­ter im Kanz­ler­amt ge­dient und war par­la­men­ta­ri­scher Ge­schäfts­füh­rer sei­ner Frak­ti­on, ein en­ger Ver­trau­ter von Hel­mut Kohl. Sei­ne Ver­diens­te wer­den nun mit ei­nem Staats­trau­er­akt ge­wür­digt. Phil­ipp Jen­nin­ger starb am 4. Ja­nu­ar in Stutt­gart.

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HERBERT SANDER, 79

Der Auf­druck für ein Le­se­zei­chen si­cher­te dem Gra­fi­ker ei­nen Platz im Ge­schichts­buch. Denn Her­bert San­ders, im thü­rin­gi­schen Nord­hau­sen ge­bo­ren, schuf im Jahr 1980 eine klei­ne Gra­fik, die ei­nen Mann zeigt, der ein Schwert zu ei­ner Pflug­schar um­schmie­det. Sie wur­de in kur­zer Zeit zum Sym­bol ei­ner un­ab­hän­gi­gen Frie­dens­be­we­gung in der DDR. Wer ei­nen ent­spre­chen­den Auf­nä­her trug, muss­te mit Re­pres­sa­li­en rech­nen, was für die DDR-Füh­rung wie­der­um pein­lich wur­de, denn die Gra­fik war ein Zi­tat: Der so­wje­ti­sche Bild­hau­er Je­w­ge­nij Wut­sche­titsch hat­te die Skulp­tur ei­nes Schmie­des ge­schaf­fen, Ende der Fünf­zi­ger­jah­re ging sie als Ge­schenk der So­j­wet­uni­on an die Uno. San­der ge­noss als frei­schaf­fen­der Künst­ler eher still die un­er­war­tet gro­ße Wir­kung. 2014 wur­de er für sein En­ga­ge­ment mit dem Ver­dienst­or­den des Lan­des Bran­den­burg aus­ge­zeich­net. Her­bert San­der starb am 4. Ja­nu­ar in Pots­dam.

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HANS WERNER KETTENBACH, 89

Die Fra­ge, war­um Men­schen han­deln, wie sie han­deln, trieb ihn ein Le­ben lang um, als Jour­na­list und als Schrift­stel­ler. Der Köl­ner Hans Wer­ner Ket­ten­bach stu­dier­te Phi­lo­so­phie und Ge­schich­te und be­gann sei­ne Kar­rie­re als Re­dak­teur für den „Köl­ner Stadt-An­zei­ger“. Spä­ter war er Vor­sit­zen­der der Bun­des­pres­se­kon­fe­renz in Bonn, ar­bei­te­te als Kor­re­spon­dent in New York und von 1988 bis 1992 als stell­ver­tre­ten­der Chef­re­dak­teur sei­nes Hei­mat­blatts. Als er dort auf­hör­te, war er be­reits ein ge­fei­er­ter Kri­mi­au­tor; sein De­büt „Grand mit Vie­ren“ (1977) spiel­te im Bon­ner Po­lit­mi­lieu und er­hielt den Jer­ry-Cot­ton-Preis. Von sei­nen 14 Bü­chern wur­den man­che ver­filmt ("Min­nie oder Ein Fall von Ge­ring­fü­gig­keit"); aus sei­ner Fe­der stam­men meh­re­re Fern­seh­dreh­bü­cher. Schrei­ben sei für ihn „na­he­zu eine Er­ho­lung“, sag­te er ein­mal. Hans Wer­ner Ket­ten­bach starb am 5. Ja­nu­ar in Köln.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 3/2018.